(*1979)
Geboren in Arizona, wuchs Ryan David Jahn abwechselnd bei seiner Mutter im Grossraum Los Angeles und bei seinem Vater in Austin, Texas, auf. Er verliess das College mit sechzehn, um Gelegenheitsjobs wie Plattenverkäufer und Hausmeister zu verrichten. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Los Angeles, wo er sich im Film- und Fernsehgeschäft verdingte, zog er 2013 mit seiner Frau Jessica und den beiden Töchtern nach Louisville, Kentucky, und machte das Schreiben von Thrillern und Drehbüchern zu seinem Hauptberuf.
‚Ein Akt der Gewalt‘ beruht auf dem Mordfall Kitty Genovese, der sich in den frühen Morgenstunden des 13. März 1964 im New Yorker Stadtteil Queens vor 38 reaktionslos verharrenden Augenzeugen zugetragen und für grosses Aufsehen gesorgt hat. Der französische Autor Didier Decoin veröffentlichte dazu im Jahr 2011 das True Crime Book ‚Der Tod der Kitty Genovese‘, Ryan David Jahn variierte den Stoff in seinem Debütroman. Kat Marino, lebensfrohe, unbescholtene Nachtmanagerin einer Bar in New York City, fährt um vier Uhr früh nachhause und wird vor ihrer Haustür im Hof eines Appartmentkomplexes von einem Unbekannten überfallen, vergewaltigt und mit ungezählten Messerstichen verletzt. Die Nachbarn hören ihre Hilfeschreie und schauen aus den Fenstern zu: Ein neunzehnjähriger, für seine schwer kranke Mutter sorgender Junge, der soeben ein Aufgebot für den Vietnamkrieg erhalten hat; eine Frau, die von ihrem Mann erfährt, dass er sie seit sechs Monaten betrügt; zwei Paare, die sich nach einem ernüchternden Partnertausch in die Haare geraten; ein korrupter, rassistischer Cop; ein junger Mann, der sich eingestehen muss, dass er schwul ist; und ein paar andere. Den roten Faden der Erzählung bildet Kats erschütternder, sich über mehrere Stunden hinziehender Überlebenskampf, immer wieder unterbrochen durch die – nicht besonders tief gehenden – Porträts des Täters und der „Bystander“.
‚Der Cop‘, ein ultraharter, gradliniger Country Noir ist (wie alle auf Deutsch vorliegenden Romane dieses Autors) in der Reihe Heyne Hardcore herausgekommen. Angesiedelt in dem fiktiven texanischen Provinznest Bulls Mouth, dreht er sich um das epische Duell zwischen dem Polizisten Ian Hunt und dem schlauen Psychopathen Henry Dean, einem verheirateten Hausmeister an einer Schule. Ians Tochter Maggie ist vor sieben Jahren entführt worden. Im Gegensatz zu seiner Ex-Frau Debbie hat er die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass das damals siebenjährige, vor zwei Monaten auf Debbies Drängen hin „beerdigte“ Mädchen noch am Leben ist. Zu Beginn der Geschichte wird der nur noch Telefondienst leistende Cop durch einen Anruf überrumpelt: „Er ist hinter mir her, er … Ich heisse Sarah…Nein, ich heisse Maggie, Maggie Hunt“. Sie ist soeben ihrem Peiniger entkommen, kann ihren Vater gerade noch um Hilfe bitten, doch der Entführer schnappt sie sich, bevor sie seine Identität verraten kann. Die Ermittlungen der Polizei – vertreten durch Chief Davis, Diego Pena und Bill Finch, Debbies neuen Mann – führen Ian schnell auf die richtige Spur. Schwer verletzt nach einer Schiesserei begibt er sich mit seinem Freund Diego Pena auf die höllische Jagd 1’500 Meilen quer durch Texas, New Mexico und Arizona bis zu einer Geisterstadt im südlichen Kalifornien, wo es zu einem nervenzerreissenden Showdown kommt. Der Autor glänzt in diesem multiperspektivisch angelegten, von authentischen Figuren getragenen Roman mit geschickten Tempowechseln, bewegenden Selbstgesprächen und trockenen Dialogen.
Los Angeles, 1952: Sandy, dreizehnjährig, erschiesst seinen gewalttätigen Stiefvater mit einer selbst gebastelten Pistole und ritzt ihm, angeregt durch ein Comicbuch, einen Stern in die Stirn. In derselben Nacht tötet Paddy Stuart, Buchhalter des Mobsters James „The Man“ Manning, einen betrügerischen Croupier und stellt sich später der Polizei. Als der mächtig unter Druck stehende Bezirksstaatsanwalt Seymour Markley erfährt, dass Manning den Verlag, der das Comicbuch herausgab, zur Geldwäsche verwendet, wittert er die Chance, „The Man“ das Handwerk zu legen. Jetzt kommt mit dem Milchmann und Hobbyautor Eugene ein wichtiger Akteur ins Spiel, denn er ist der Zeichner des verräterischen Sterns – und bietet sich daher geradezu an, dem Gangster als Bauernopfer zu dienen. Für die Ermittlungen zuständig ist der routinierte Detective Carl Bachmann, der nach dem Krebstod seiner Frau dem Heroin verfiel. Aus dieser Konstellation entwickelt Jahn in seinem vierten Roman ‚Der letzte Morgen‘ (im Orignal treffender: ‚The Last Tomorrow‘) mit schnellen Szenenwechseln ein gewalttriefendes Drama, in dem niemand eine reine Weste hat.
Bibliografie:
‚Good Neighbors‘ (auch unter dem Titel ‚Acts of Violence‘) – ‚Ein Akt der Gewalt‘ (2009), ‚Low Life‘ – ‚Die zweite Haut‘ (2010), ‚The Dispatcher‘ – ‚Der Cop‘ (2012), ‚The Last Tomorrow‘ – ‚Der letzte Morgen‘ (2013), ‚The Gentle Assassin‘ (2014), ‚Dark Hours‘ (2015), ‚The Breatkout‘ (2017), ‚The Algebra of Blood‘ (2017).