(*1966)

John Niven, geboren als ältetes Kind einer Arbeiterfamilie in der ruppigen südwestschottischen Küstenstadt Irwine, aufgewachsen an der Seite eines Bruders und einer Schwester, gründete nach einem Konzert der legendären Punkgruppe ‚The Clash‘ die Indieband ‚The Wishing Stones‘ und studierte nebenbei Anglistik an der University of Glasgow. Danach rieb er sich zehn Jahre als A & R-Manager (Artists and Repertoire; eine Mischung aus Talentscout und Musikagent) von diversen Londoner Plattenfirmen auf, bis er sich 2002 dem Schreiben zuwandte. Sein Werk enthält schwarze Komödien, sechs Krimis und das autobiografische Buch ‚O Brother‘ über die komplexe Beziehung zu seinem drogenabhängigen Bruder Gary, der 2010 seinem Leben ein Ende gesetzt hat. John Niven, Enfant terrible der britischen Literatur, ist Vater einer Tochter und hat seinen Hauptwohnsitz in High Wycombe, Buckinghamshire.

Der Durchbruch ist Niven gleich mit seinem ersten Roman ‚Kill Your Friends‘ gelungen. Im Mittelpunkt steht Steven Stelvox, A & R-Manager bei einer grossen Plattenfirma – eine der widerwärtigsten Figuren der Gegenwartsliteratur: zynisch, ordinär und narzisstisch, sex-, porno- und drogensüchtig, fremdenfeindlich, sexistisch usw. Die Musik an sich ist ihm völlig egal, doch um Erfolg zu haben, schreckt er vor nichts zurück. Die groteske Story spielt im London des Jahrs 1997: Die Britpop-Bewegung steht kurz vor ihrem Untergang, und im Musikbusiness weht ein rauer Wind. Für Stelvox wird’s eng, doch er weiss sich zu helfen: Ohne mit der Wimper zu zucken, erschlägt er seinen gefährlichsten Konkurrenten mit einem Baseballschläger. Und kommt damit durch. ‚Kill your Friends‘ ist einer jener Romane, die einen immer wieder zum Lachen zwingen, auch wenn es im Grunde genommen überhaupt nichts zu lachen gibt.

‚Das Gebot der Rache‘ ist die Geschichte eines obsessiven Rachefeldzugs, Donnie Miller erzählt sie. Er lebt als Hausmann mit seiner lieben, wohlhabenden Frau Sammie und ihrem achtjährigen Sohn Walt im kanadischen Saskatchewan. Hin und wieder schreibt er eine Musik- oder Literaturrezension für die Zeitung, die seine Frau herausgibt. Ein behagliches Leben in einer netten Umgebung – bis seine Welt auf einen Schlag zerschellt. Keine sehr originelle Geschichte also, doch mit schnellen Perspektivenwechseln und schockierenden Rückblenden auf Donnies Jugendzeit hält Niven die Spannung hoch.

‚Old School‘ eignet sich als Antidot zu ‚Das Gebot der Rache‘. Die Schulfreundinnen Susan und Julie, beide um die sechzig, ihre noch etwas ältere Kollegin Jill und die vulgäre 87-jährige Rollstuhlfahrerin Ethel überfallen in der südenglischen Provinz eine Bank, um ihren existentiellen Nöten ein Ende zu setzen, der hochbetagte Ex-Knacki Nails steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Widersacher der Gang ist der tumbe Sergeant Boscombe, dessen Vorgehen beim Bankraub von seinem Vorgesetzten später wie folgt zusammengefasst wird: „Sie lieferten sich eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einer Siebenundachtzigjährigen im Rollstuhl, bevor Sie eine irrwitzige, offenbar von ‚Miami Vice‘ inspirierte Verfolgungsjagd auf dem Standstreifen der A23 veranstalteten. Dabei haben Sie sich nicht nur von einer Bande Rentner in einem Minibus der Krebshilfe abhängen lassen, sondern auch noch einen fünfzigtausend Pfund teuren Dienstwagen zu Schrott gefahren.“ Derbe Sprüche, Slapstick und spritzige Action im Wechsel mit besinnlichen Abschnitten – eine äusserst kurzweilige, erbauliche Geschichte mit einem unvergesslichen Figurentableau.

Bibliografie:

Sven Stelfox-Romane: ‚Kill Your Friends‘ – ‚Kill Your Friends‘ (2008), ‚Cold Hands‘ – ‚Das Gebot der Rache‘ (2012), ‚Kill ‚Em All‘ – ‚Kill ‚Em All‘ (2018);

Standalones: ‚The Amateurs‘ – ‚Coma‘ (2009), ‚Sunshine Cruise Company‘ – ‚Old School‘ (2015), ‚The F*ck List‘ – ‚Die F*uck Liste‘ (2020).