(*1976)
Geboren in Clamart, einer Kleinstadt im Südwesten von Paris, studierte Colin Niel Evolutionsbiologie und Ökologie, um danach zwölf Jahre als Agrar- und Forstingenieur im Bereich Biodiversität zu arbeiten. Er verbrachte längere Zeit in Französisch-Guyana, wo er die Gründung des Amazonasparks leitete, und war stellvertretender Direktor des Nationalparks im französischen Überseedepartement Guadeloupe. Von 2012 bis 2018 veröffentlichte er die preisgekrönte vierteilige „Guyanische Serie“ mit dem dunkelhäutigen Capitaine Anato als Hauptfigur. Heute lebt Niel als freier Autor in Marseille.
In deutschsprachigen Raum debütierte Colin Niel 2021 mit dem Noir ‚Nur die Tiere‘. Zentrale Themen des stilistisch einzigartigen Romans sind Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe und Liebe, die in diesem Fall seltsame Blüten treibt. Schauplatz ist eine karge, raue, hauptsächlich von Bauern besiedelte Hochebene im Massif Central, wo an einem stürmischen, eiskalten Januartag die reiche Zuzügerin Eveline spurlos verschwindet (sie wurde erdrosselt, wie der Leser nach knapp einem Drittel des Buches erfährt, während die Polizei bis zuletzt im Trüben fischt). In fünf Kapiteln berichten fünf mehr oder weniger direkt an den Ereignissen beteiligte Menschen in ihrer eigenen Ausdrucksweise ausführlich über ihre Erlebnisse der letzten Monate. Die unglücklich verheiratete, kinderlose Sozialarbeiterin Alice, die für die Bauern Haushaltarbeiten und Papierkram erledigt – und mit ihrem Klienten Joseph eine Affäre beginnt; Joseph, ein eigenbrötlerischer, nach dem Tod seiner Mutter etwas verwahrloster Schafzüchter – „Ich weiss nur, wie man mit Schafen redet. Und dem Hund“ -, der seine Geliebte unmittelbar nach Evelines Verschwinden barsch zurückweist; die junge Borderlinerin Maribé, die von der zwanzig Jahre älteren Eveline verführt wird; der in der Elfenbeinküste ansässige Afrikaner Armand, ein Internetbetrüger mit dem Spezialgebiet „Abzocken von begüterten weissen Männern, die eine schwarze Schönheit als Ehefrau suchen“; und der Rinderzüchter Michel, Alices Ehemann, der, als er sich an seiner treulosen Frau rächen will, in Armands Fänge gerät. In brillanter, höchst unterhaltsamer Manier demonstriert Colin Niel, wie Zufälle, Verwechslungen und andere Irrtümer am Ursprung des völlig sinnlosen Mordes stehen. Der Roman wurde von Dominik Moll für das Kino verfilmt.
‚Unter Raubtieren‘ ist im südwestlichen Afrika und im französisch-spanischen Grenzgebiet angesiedelt. Der kompromisslose Tierschützer Martin arbeitet als Ranger im Parc National des Pyrénées und betreut in der Freizeit anonym eine Facebook-Gruppe, die Trophäenjäger im Internet an den Pranger stellt. Dabei stösst er auf ein Foto, das eine junge, blonde, mit einem Hightech-Pfeilbogen ausgerüstete Frau neben einem blutüberströmten afrikanischen Löwen zeigt. Als er herausfindet, dass sie Apolline heisst und ganz in der Nähe wohnt, dringt er in ihr Leben ein, um ihr die Ermordung des Löwens heimzuzahlen. Niel erzählt die polyphone Geschichte in zwei zeitlich versetzten Handlungsfäden: den Ablauf der Löwenjagd bis zum finalen Bogenschuss in Namibia auf der einen, das halsbrecherische Duell zwischen Martin und Apolline in den verschneiten Pyrenäen auf der anderen Seite. In einem Nebenstrang kommt auch der afrikanische Ziegenhirt Komuti zu Wort – er ist hinter demselben Löwen her, nachdem dieser, aufgrund anhaltender Dürre halb verhungert, die gesamte Herde seines Vaters ausgelöscht hat. Und auch dem Löwen gibt Niel eine Stimme. ‚Unter Raubtieren‘ ist ein vielschichtiger, mit grossartigen Landschaftsschilderungen, detaillierter Darstellung von Jagdtechniken und überraschenden Wendungen aufwartender Ökothriller über die perversen Auswüchse der Trophäenjagd und die Folgen des Klimawandels.
Darwyne, Hauptperson des Romans ‚Darwyne‘, ist ein körperlich leicht behinderter zehnjähriger Junge, der mit seiner starken, von den Männern begehrten alleinerziehenden Mutter Yolanda in Bois Sec, einem rasend schnell wachsenden Slum in Französisch-Guyana, lebt. Am Anfang der Geschichte zieht Darwynes achter „Stiefvater“ in ihrer Hütte ein. Seine sieben mehr oder weniger gewalttätigen Vorgänger sind spurlos im Regenwald verschwunden. „Die Wochen ohne Stiefvater waren wie eine Auszeit. Weil ein Stiefvater nämlich viel Platz einnimmt.“ Einen guten Draht hat Darwyne hingegen zu der Sonderpädagogin Mathurine von der Kinder- und Jugendhilfe, die Yolanda ein wenig auf den Zahn fühlen soll. Und die sofort versteht, dass Darwyne ein ganz besonderer Junge ist. Ein Einzelgänger, der mit der Natur verschmilzt, der mit den Tieren und Pflanzen kommunizieren und mit seinen selbst geschnitzten Lockpfeifen eine Horde Tamarine herbeirufen kann. Doch Mathurine wird den Verdacht nicht los, dass Darwyne mit dem Verschwinden der Stiefväter etwas zu tun hat… ‚Darwyne‘: eine faszinierende Mischung aus Sozialstudie und Thriller, erzählt in einer einfachen, sinnlichen Sprache.
Bibliografie:
Guyanische Serie (Capitaine Anato-Romane): ‚Les Hamacs de carton‘ (2012), ‚Ce qui reste en forêt‘ (2013), ‚Obia‘ (2015), ‚Sur le ciel effondré‘ (2018);
Einzelwerke: ‚Seules les bêtes‘ – ‚Nur die Tiere‘ (2017), ‚Entre fauves‘ – ‚Unter Raubtieren‘ (2020), ‚Darwyne‘ – ‚Darwyne‘ (2022).
Sie haben „nur die Tiere“ – das gilt für die Bauern, die in den fast ausgestorbenen Dörfern auf den kargen Höhen des Massif Central verblieben sind. Ihre Vereinsamung steht im Mittelpunkt dieses Krimis, Flics spielen nur ganz am Rande und hilflos eine Rolle. Das Buch beginnt mit einer Sozialarbeiterin, die diese vereinsamten Bauern betreut. Sie wird zur Hilfe gerufen, wenn Nachbarn oder der Ortsvorsteher beobachten, dass eine Hofwirtschaft aus den Fugen gerät, und sie erledigt ähnlich einer Schuldnerberaterin vor allem den Papierkram. In diesem Milieu – mit Herde hüten, Sex, einer schönen reichen Toten im Heuhaufen, den Landkommunen der Punks, dem Stadt-Land-Gegensatz – bewegt sich der Roman. Den Literaturpreis verdient er wegen der ungewöhnlichen erzählerischen Perspektivwechsel: Jede Hauptperson erlebt die Geschichte anders, darunter auch ein brouteur, ein Internetbetrüger, der von weit weg, von der afrikanischen Elfenbeinküste aus, in das Geschehen eingreift und einen der vereinsamten Bauern abzockt. Die Spannung bleibt bis zum Schluss: Ein Mord aus Einsamkeit oder eher aus Versehen oder doch aus Eifersucht?