(Kürzel für James Graham Ballard, 1930-2009)

J.G. Ballard, geboren und aufgewachsen in Shanghai als Sohn eines Chemikers, der dort eine britische Textilfirma führte, wurde nach dem Angriff auf Pearl Harbour mit seinen Eltern und seiner Schwester in einem japanischen Zivilgefangenenlager interniert. 1946 übergab die Familie ihn in die Obhut seiner Grosseltern in England. 1949 begann er ein Medizinstudium am King’s College in Cambridge. Später wechselte er zur Anglistik am Londoner Queen Mary and Westfield College, blieb jedoch ohne Abschluss. Nach einem kurzen Abstecher in die Werbung leistete er seinen Militärdienst bei der Royal Air Force in Kanada. Anschliessend begann er zu schreiben. 1955 zog Ballard mit seiner Frau Mary nach London, 1960 liess sich das Ehepaar in dem öden Londoner Vorort Shepperton an der Themse nieder. Nach Marys Tod – sie starb im Sommer 1964 während eines Spanienurlaubs an einer Lungenentzündung – zog er seine drei Kinder alleine gross. Von 1969 bis zu seinem Tod war er mit der Journalistin Claire Walsh liiert. Im Alter von 78 Jahren erlag er in Shepperton einer Krebserkrankung. Seine Autobiografie ‚Miracles of Life‘ ist 2008 erschienen.

Mit seinen ideenreichen, lebendigen Geschichten des Vermillon Sands-Zyklus avancierte Ballard in den 60er-Jahren zu einem der einflussreichsten Schöpfer von fantastischer Literatur. Es wäre jedoch falsch, ihn als reinen Sciencefiction-Autor einzustufen. Vielmehr präsentiert er sich in einigen seiner besten Werke (‚Liebe & Napalm‘, ‚Crash‘, ‚Betoninsel, ‚Hochhaus‘, ‚Das Reich kommt‘) als visionärer Sozialrealist, der sein zentrales Thema – was geschieht mit der Welt, wenn die kollektive Begeisterung für Gewalt, Geschwindigkeit, Macht, Sex, Konsum und Statussymbole eines Tages ausser Kontrolle gerät? – auf beängstigend realistische Weise behandelt und in grosse Literatur umsetzt. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören auch die autobiografischen Romane ‚Empire of the Sun‘ (angelehnt an seine Zeit im Zweiten Weltkrieg, 1987 von Stephen Spielberg unter demselben Titel verfilmt) sowie, angesiedelt in der unmittelbaren Nachkriegszeit, ‚The Kindness of Women‘ (1991).

Ballard bezeichnete ‚Crash‘ als „ersten pornographischen Roman, der auf Technologie basiert“. In den Mittelpunkt stellt er das Automobil, das er „nicht nur als sexuelles Sinnbild, sondern auch als Metapher für das Leben der Menschen in der modernen Gesellschaft darstellt.“ Der ich-erzählende Fernsehproduzent James Ballard (!) verursacht einen Verkehrsunfall, den er mit schweren Verletzungen überlebt, während der Fahrer des anderen beteiligten Wagens stirbt. Mit seiner Frau Catherine eine offene Beziehung führend, beginnt Ballard eine Affäre mit der Witwe des Unfallopfers. Gleichzeitig trifft er auf den exzentrischen Arzt Robert Vaughan, der den Einfluss von Fahrzeugkarambolagen auf die Sexualität erforscht. Zwischen den Männern entwickelt sich eine obsessive, von Erotik und Todessehnsucht geprägte Beziehung – mit fürchterlichen Folgen, wie man bereits auf den ersten Seiten erfährt. Die drastische Geschichte spielt in einer aus Kunststoff, Beton, Glas und Stahl bestehenden Welt, in der zwischenmenschliche Kontakte auf rein mechanische sexuelle Begegnungen reduziert sind. Im Jahr 1996 brachte David Cronenberg den Stoff auf die Leinwand.

In ‚Die Betoninsel‘ stürzt der 35-jährige Architekt Maitland bei einem üblen Unfall auf einem gigantischen Autobahnkreuz mit seinem silbergrauen Jaguar in ein inselartiges, durch hohe Böschungen und einen Maschendrahtzaun gegen die Fahrspuren abgeschlossenes Ödlanddreieck. Mühsam erklimmt er die Böschung und versucht vergeblich, auf sich aufmerksam zu machen. In Sichtweite der Londoner Bürotürme, zermürbt durch Verletzungen und Fieberschübe, gerät Maitland in einen Kampf ums nackte Überleben. Er ernährt sich von weggeworfenen belegten Broten, trinkt Wasser aus dem Tank der Scheibenwischanlage, benutzt ein Auspuffrohr als Krücke und erkundet die Verkehrsinsel. Als er am vierten Tag in einem zerfallenen Luftschutzbunker auf eine junge Aussteigerin und ihren gutmütigen, geistig behinderten Gehilfen trifft, nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung.

‚High-Rise‘: Vierzig Stockwerke, tausend überteuerte Apartments, ein Supermarkt mit Delikatessenabteilung, zwei Schwimmbäder, dazu je eine Sporthalle, Grundschule und Bankfiliale. Die luxuriöse Betonanlage – eine kleine, vertikale Stadt, deren Einwohner in einer straffen Hierarchie übereinandergestapelt sind – liegt am Ufer eines Flusses, zwei Meilen entfernt vom Londoner Stadtkern, und beherbergt rund zweitausend Leute, die ausser Klatsch, belanglose Streitigkeiten und kurze sexuelle Begegnungen nichts verbindet. Eines Tages gerät das soziale Gefüge infolge eines Stromausfalls aus den Fugen. Eine Rempelei hier, ein Handgemenge dort, Beleidigungen und Schimpftiraden. Klimaanlagen, Müllschlucker und Aufzüge fallen aus. Es kommt zu wilden Schlägereien, Wohnungen werden verwüstet und geplündert, Männer greifen zu den Waffen – die Zivilisation zerfällt. Ben Wheatley verfilmte den Roman 2015 mit Tom Hiddleston, Jeremy Irons und Sienna Miller in den Hauptrollen.

‚Das Reich kommt‘ ist Ballards letzter Roman. Einer seiner besten. Tom Carradine, Chef der PR-Abteilung des „Metro-Centre“ (das grösste Shoppingcenter im Grossraum London mit einer sechsspurigen Zufahrtsstrasse, einem eigenen Kabelkanal und einem Fanclub), ein junger Mann „mit übermässig klaren Augen eines Sektenanwerbers“, preist seinen Arbeitsplatz mit folgenden Worten an: „Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche, drei Hotels, sechs Multiplexe und vierzig Cafés. Es ist nicht nur ein Einkaufszentrum. Es ist wie ein religiöses Erlebnis. Und hier können Sie jeden Tag herkommen und obendrein etwas mit nach Hause nehmen“. Adressat dieser Hymne ist der geschiedene, arbeitslose Werbetexter Richard Pearson, dessen Vater, Linienpilot im Ruhestand, in dem monströsen Konsumtempel vor einigen Tagen Opfer eines Amokläufers war. Der Tat verdächtigt wird Duncan Christie, ein psychisch labiler 25-jähriger Familienvater, doch die Zeugenaussagen entlasten ihn, und Pearson beginnt auf eigene Faust zu recherchieren. Dabei stolpert er in die Welt der seelenlosen, zersiedelten, brutalen „Autobahnstädte“, wo Langeweile zu kollektiven Konsum- und Sportexzessen, zu rassistischen Übergriffen, Kravallen und Brandanschlägen ausgeartet ist. Die letzten Zuckungen des Kapitalismus. Wahnsinn und Anarchie anstelle von Vernunft und Humanismus.

Bibliografie (Auswahl):

First Tetralogy: ‚The Wind from Nowhere‘ – ‚Der Wind aus dem Nichts‘ (1962), ‚Drowned World‘ – ‚Die Flut‘ (auch unter den Titeln ‚Karneval der Alligatoren‘ und ‚Paradiese der Sonne‘, 1962), ‚The Drought‘ (auch unter dem Titel ‚The Burning World‘) – ‚Die Dürre‘ (auch unter dem Titel ‚Welt in Flammen‘, 1965), ‚The Crystal World‘ – ‚Kristallwelt‘ (1966);

Second Tetralogy: ‚The Atrocity Exhibition‘ – ‚Liebe & Napalm: Export USA‘ (1970), ‚Crash‘ – ‚Crash‘ (1973), ‚Concrete Island‘ – ‚Die Betoninsel‘ (auch unter dem Titel ‚Betoninsel‘, 1974), ‚High-Rise‘ – ‚Der Block‘ (auch unter den Titeln ‚Hochhaus‘ und ‚High-Rise‘, 1975);

Third Tetralogy: ‚Cocaine Nights‘ – ‚Cocaine Nights‘ (auch unter dem Titel ‚Weisses Feuer‘, 1996), ‚Super-Cannes‘ – ‚Super Cannes‘ (2000), ‚Millenium People‘ – ‚Millenium People‘ (2003), ‚Kingdom Come‘ – ‚Das Reich kommt‘ (2006).