(*1959)

Matti Rönkä, geboren in Kuusjärvi in der ostfinnischen Provinz Karelien, studierte Staatswissenschaften an der Universität Helsinki und absolvierte die Journalistenschule der Helsingin Sanomat. Daraufhin arbeitete er jahrzehntelang als Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. 2002 debütierte er als Krimiautor. Der Vater dreier Kinder war von 1986 bis zur Scheidung 2011 mit der Journalistin Suvi Ahola verheiratet. Er lebt in Helsinki.

Im Mittelpunkt seiner Noir-Romane steht Viktor Kärppä, eine reizvolle Mischung aus Privatdetektiv, Geheimagent, Vermittler, Händler und Ganove mit grossem Herzen. Aufgewachsen in Russland als Sohn einer Finnin und eines finnisch-stämmigen Russen, gestählt durch eine Spezialausbildung bei der Roten Armee, hat er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Finnland eine Art Detektivbüro eröffnet, wobei Botendienste für russische und estnische „Geschäftsleute“, namentlich für seinen umtriebigen Jugendfreund Waleri Karpow, die wichtigste Einnahmequelle des smarten und ausgezeichnet vernetzten Allrounders darstellen. Rönkä legt dabei den Schwerpunkt weniger auf die Krimihandlung als auf Schilderungen der Sorgen und Nöte der kleinen Leute, die Tag für Tag versuchen, sich in den veränderten Verhältnisse nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs durchzuschlagen, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Es geht um Freundschaft und Verrat. Um die Allgegenwart von Korruption. Und darum, wer wen geschickter über den Tisch zieht. Die ersten fünf Titel der lässig-charmanten, in ironischem Unterton erzählten Reihe sind in tadellosen Übersetzungen auf Deutsch erschienen.

Im Erstling ’Der Grenzgänger’ soll Viktor Kärppä die spurlos verschwundene Ehefrau eines wesentlich älteren finnischen Antiquars aufspüren. Auf den ersten Blick ein leichter Job, doch dann stellt sich heraus, dass sie die Schwester des einflussreichen estnischen Verbrechers Jaak Lillepuu ist, mit dem sie allerdings gemäss ihrem Vater den Kontakt längst abgebrochen hat. Weil seine zerbrechliche Mutter in Russland gerade jetzt einen Herzinfarkt erleidet, muss Viktor seine Ermittlungen kurz unterbrechen, um ihr am Krankenbett Trost zu spenden. Er ist dann aber wieder voll bei der Sache, als er zwischen die Fronten von zwei rivalisierenden Drogenbanden gerät.

‚Bruderland‘ kommt praktisch ohne Blutfluss aus. Viktor hat seine Detektei inzwischen stillgelegt. Er arbeitet als Baumeister, beschäftigt ein paar russische Schwarzarbeiter, betreibt einen Autobahnkiosk, handelt mit mehr oder weniger legalen Waren – und kommt damit recht gut über die Runden. Sein Leben nimmt erst wieder Fahrt auf, als in Helsinki reihenweise junge Menschen durch ein „Superheroin“ ums Leben kommen und die Polizei auf seine guten Russland-Kontakte baut, um der Herkunft des gefährlichen Stoffs auf die Spur zu kommen. Erschwerend kommt hinzu, dass sein älterer Bruder Aleksej gerade jetzt seinen Wohnsitz von St. Petersburg nach Helsinki verlegt und damit den Verdacht des unberechenbaren, trink- und sangesfreudigen – mit Viktor seit einigen Jahren „beinahe befreundeten“ – Kriminalhauptmeister Teppo Korhonen auf sich zieht. Als die russische Mafia ihre Pfründe in Gefahr sieht, regelt sie die letztlich eher banale Angelegenheit auf ihre Art.

Zwei Jahre später, in ‚Russische Freunde‘, hat Viktor sich inzwischen behaglich etabliert. Seine Geschäfte im Bau- und Vergnügungsgewerbe florieren, er fährt einen Mercedes, zahlt Steuern und Löhne und bewohnt mit seiner Lebensgefährtin Marja ein hübsches Haus. Da tauchen zwei elegant gekleidete Männer aus St. Petersburg bei ihm auf und verlangen, dass er seine Unternehmen, Geschäftstätigkeit und Gewinne auf sie überschreibt. Um Ihre Forderung zu unterstreichen, fackeln sie kurzerhand sein Haus ab, setzen bewaffnete Gangster auf ihn an. Wer steckt dahinter? Begleitet von Teppo Korhonen und unterstützt von alten Armeegenossen, schlägt er sich auf Schleichwegen nach Russland durch – und erlebt eine masslose Enttäuschung, als er schliesslich auf seinen Gegenspieler trifft.

Viktor Kärppä, inzwischen, in ‚Entfernte Verwandte‘, Vater einer zweijährigen Tochter, musste sich in den letzten Monaten damit abfinden, dass der Weg zur Legalität ein dornenreicher ist. Er betreibt nur noch wenige Geschäfte, über die er mit seiner Frau nicht reden kann, doch die Baubranche liegt am Boden, so dass er sich gezwungen sieht, mit Schnapsschmuggel die grössten Löcher zu stopfen. Zudem hat er zwei seiner Wohnungen an den Sklavenhändler Maxim Frolow vermietet, bis er entdeckt, dass dieser sie als Bordell und Drogenumschlagplatz benutzt. Da klopft eines Tages die Frau seines Cousins Pawel Wadajew an die Tür, nachdem sie von ihrem illegal auf einer finnischen Baustelle arbeitenden Mann seit mehreren Wochen nichts gehört hat. In der Annahme, dass Frolow hinter Pawels Verschwinden steckt, begibt Viktor sich auf Spurensuche.

Im fünften Roman ‚Zeit des Verrats‘ – aus Viktor ist inzwischen ein nahezu gesetzestreuer Zeitgenosse geworden – steht in Helsinki der Staatsbesuch des russischen Präsidenten Dimitri Medwedew bevor. Nach einem Abstecher hinter die russische Grenze, wo Viktor Kärppä sich in einem Hotel mit ein paar nicht sehr vertrauenserweckenden Geschäftsmännern, unter ihnen ein alter Kumpel aus dem Militär, trifft, findet er in seinem Auto vier Metallröhrchen unbekannten Inhalts, die allenfalls für ein Attentat auf den Präsidenten eingesetzt werden könnten. Viktor nimmt die Sache ziemlich ernst, und das russische Oberhaupt kehrt unversehrt in seine Heimat zurück. Die Frage, ob überhaupt ein Attentat geplant war, bleibt jedoch offen.

Bibliografie:

Viktor Kärppä-Serie: ‚Tappajan näköinen mies – ’Der Grenzgänger’ (2002), ‚Hyvä veli, paha veli‘ – ‚Bruderland‘ (2003), ‚Ystävät kaukana‘ – ‚Russische Freunde‘ (2005), ‚Isä, poika ja paha henki‘ – ‚Entfernte Verwandte‘ (2008), ‚Tuliaiset Moskovasta‘ – ‚Zeit des Verrats‘ (2009), ‚Väärän maan vainaja‘ (2011), ‚Levantin kyy‘ (2013), ‚Uskottu mies‘ (2019).