Bevor John D. Macdonald mit seiner 1964 gestarteten Travis McGee-Serie gross einschlug, verfasste er Dutzende in der dritten Person erzählte Einzelwerke. Sechs von ihnen werden hier kurz vorgestellt.
‚Murder in the Wind‘ (auch unter dem Titel ‚Hurricane‘) – ‚Das Haus der Dreizehn‘, 1956
Nach einer Hurrikanwarnung sucht eine zusammengewürfelte Gruppe von dreizehn Menschen Schutz in einem verlassenen, baufälligen, nördlich von Tampa gelegenen Haus: Eine vierköpfige Familie, die für einen Neuanfang in den Norden zieht; ein Heiratsschwindler und seine reiche Frau; zwei heillos zerstrittene Geschäftspartner; zwei Verbrecher, die sich mit einer halbwüchsigen Herumtreiberin auf der Flucht befinden; eine Frau und ein Mann, die auf tragische Weise ihre Partner verloren haben. Dreizehn Menschen, deren Leben in Trümmern liegt. Schnörkellos beschreibt der Autor ihre Vergangenheit. Dann trifft der Sturm das Haus mit voller Wucht, lässt alle Dämme brechen.
‚The Empty Trap‘ – ‚Eine Stunde für den Mörder‘, 1957
Die atemlose Geschichte bewegt sich zwischen Man-on-the-Run-Story und Revenge-Thriller. Pulp in reiner Form, mit präzis und glaubhaft skizzierten Figuren. Lloyd Wescott, ein junger, erfolgreicher Hotelier, begeht den unverzeihlichen Fehler, dem skrupellosen Gangster Harry Danton einen Haufen Geld zu klauen. Er setzt sich nach Mexiko ab, doch Dantons Schergen rücken immer näher – bis zur blutigen Abrechnung in einem schäbigen Motel. Schwer verletzt kommt Lloyd in einem winzigen mexikanischen Bergdorf unter. Er verliebt er sich in die indigene Schönheit Isabella, die ihn auf rührende Weise pflegt. Nach langen Monaten einigermassen wiederhergestellt, begibt er sich auf seine Rachetour.
‚The Executioners‘ (auch unter dem Titel ‚Cape Fear‘) – ‚Ein Köder für die Bestie‘ (auch unter dem Titel ‚Kap der Angst‘), 1958
Der gesetztreue Anwalt Sam Bowden, glücklich verheirateter Vater von drei Kindern, sorgte einst dafür, dass der Vergewaltiger Max Cady zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Doch dieser wird jetzt bereits nach dreizehn Jahren freigelassen. Und versetzt die Familie Bowden mit hinterhältigen Gewalttaten in Angst und Schrecken. Nach langem Ringen mit seinem Gewissen gelangt Bowden zur Einsicht, dass dem rachsüchtigen Psychopathen mit legalen Mitteln nicht beizukommen ist – und nimmt das Gesetz in die eigenen Hände. ‚Ein Köder für die Bestie‘, ein fesselnder, gehaltvoller, jedoch miserabel übersetzter Selbstjustizthriller, wurde zweimal verflmt: 1962 von J. Lee Thompson mit Robert Mitchum als Cady und Gregory Peck als Bowden. Und 1991 von Martin Scorsese mit Robert de Niro als Cady, Nick Nolte als Bowden – und Robert Mitchum und Gregory Peck in kleinen Rollen.
‚Deadly Welcome‘ – ‚Tödlich willkommen‘, 1959
Alex Doyle wird vom Pentagon mit einem Sonderauftrag nach Florida geschickt, damit er den brillanten Raketenspezialisten Colonel M’Gann dazu bewegt, an seinen Arbeitsplatz in Washington zurückzukehren. Dieser ist in eine tiefe Depression versunken, nachdem seine Frau während eines gemeinsamen Aufenthalts in der fiktiven Stadt Ramona Beach Opfer eines ungeklärten Verbrechens wurde. Von Doyle erhofft man sich, dass es ihm gelingt, M’Ganns Lebensmut zu wecken, indem er den Mörder seiner Frau überführt. Doyle, der in Ramona Beach eine schlimme Jugend verbracht hat, macht sich nur widerwillig auf den Weg – und gerät in eine schmutzige Affäre, in die auch sein alter Feind, der soziopathische Deputy Donnie Capp, verwickelt ist. MacDonald nimmt sich viel Zeit für eindrucksvolle Schilderungen der Hauptpersonen und des Schauplatzes an der Golfküste Floridas, bis er es so richtig krachen lässt.
‚Slam the Big Door‘ – ‚Der letzte Ausweg‘, 1960
Wie fast alle von Macdonalds Einzelwerken lebt auch ‚Der letzte Ausweg‘ – einer seiner besten Romane – weniger von einer konventionellen Krimihandlung als von facettenreich gezeichneten Figuren. Der kluge vierzigjährige Journalist Mike Rodenska ist frisch verwitwet, als er von seinem Kriegskameraden Troy Jamison eingeladen wird, sich bei ihm und seiner Frau Mary an der floridianischen Küste von seinem Schicksalsschlag zu erholen. Doch Troy steckt selbst in einer tiefen Krise: Gezeichnet von Kriegeserlebnissen und dem kürzlichen Verlust seines Marketingjobs, verliert er sich in Alkoholexsessen, sexuellen Eskapaden und riskanten Geschäften – seine Ehe steht kurz vor dem Aus. Mike wird dadurch mehr und mehr in die Rolle des Problemlösers und Seelentrösters gedrängt, findet kaum mehr Zeit für sich selbst. Und dann gerät Troys selbstzerstörerisches Verhalten endgültig ausser Kontrolle.
‚The Drowner‘ – ‚Madonna der sieben Sünden‘, 1963
Paul Stanial ist einer der wenigen lizenzierten Privatdetektive in MacDonalds Romanen. Im Auftrag von Barbara Powell soll er herausfinden, warum ihre Schwester Lucy Hanson, eine exzellente Schwimmerin, im Meer ertrunken ist: Tod durch Unfall, Suizid oder Mord? Als Täter kämen primär drei Personen in Frage: Lucys labiler Ex-Mann Kelsey Hanson, Lucys zwielichtiger Lover Sam Kimber und Sams Sekretärin Angie Powell, ein Misshandlungsopfer mit religiösen Obsessionen. Bei seinen Ermittlungen wird Paul Stanial mit den dunklen Seiten des „Sunshine State“ konfrontiert: mit Geldgier und Betrug, wilden Saufgelagen und Swingerparties – und mehrfachem Mord. Im letzten Drittel wandelt sich die tiefgründige Geschichte von einem Whodunit zum Katz- und Maus-Thriller – mit fulminantem Ausgang.
Zum Porträt: MacDonald, John D.