(*1958; schreibt auch als Madeleine Harstall)

Geboren in Genf als Tochter des renommierten Journalisten und Sachbuchautors Johannes Lehmann, wuchs Christine Lehmann in Stuttgart auf. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte und wurde mit ihrer Arbeit zum Thema, warum die meisten Romanheldinnen am Ende sterben müssen („Das Modell Clarissa“) promoviert. In den 80er-Jahren war sie Redakteurin der Literaturzeitschrift ’Flugasche’, ab 1990 Nachrichtenredakteurin beim Südwestrundfunk in Stuttgart. 1994 debütierte sie als Krimiautorin. Darüber hinaus schreibt sie Liebes- und Jugendromane, historische Romane (unter dem Pseudonym Madelaine Harstall), Komödien, Hörspiele, Kurzgeschichten, Sachbücher und Essays. Zudem übersetzt sie aus dem Spanischen, zeichnet Tiere für Lehrbücher und führt ein Blog über Fahrradfahren in Stuttgart. Lehmann lebt mit ihrem Mann in Stuttgart und Wangen im Allgäu. Sie ist Teil der aus namhaften feministischen Krimiautorinnen bestehenden Blog-Gruppe HERland und sitzt seit 2015 für „Bündnis 90/Die Grünen“ im Stuttgarter Gemeinderat.

Lehmann begann ihre schriftstellerische Laufbahn in den 90er-Jahren mit dem Hundekrimi ’Kynopolis’, gefolgt von drei knapp, präzis und mit beissendem Humor erzählten Romanen, in denen Lisa Nerz aus Stuttgart, eine scharfzüngige, politisch unkorrekte, burschikose – mal mehr, mal weniger eng mit Richard Weber, dem verantwortungsbewussten, rationalen Oberstaatsanwalt für Wirtschaftsstrafsachen, liierte – bisexuelle Journalistin (sie ist zunächst Redakteurin bei der feministischen Zeitschrift ’Amazone’, später Polizeireporterin bei einer Stuttgarter Lokalzeitung) und Gelegenheitsdetektivin, die Hauptrolle bekleidet – „Schwabenreporterin Lisa Nerz, Freelancer, polyamant“. Unterschichtkind mit Narbengesicht im mittleren Alter, Schwarzer Gürtel im Judo, Verkleidungskünstlerin, spielt manchmal den Mann. Von einem Kritiker treffend als „unbequemes, nervendes Miststück“ bezeichnet. Die Bücher sind in der Ariadne Reihe des Argument-Verlags erschienen.

Nach ein paar von ihr etwas despektierlich als Softkrimis (Liebesromane mit Kriminalhandlung) titulierten Romanen reaktivierte Lehmann im Jahr 2005 ihre Heldin für weitere Abenteuer. Die Erfindung von verschachtelten, tragikomischen, überaus originellen Plots mit immer wieder anderen (auch wissenschaftlichen) Themen, die messerscharfen Dialoge und Selbstgespräche, die wunderbaren Wortschöpfungen und die farbige Figurenzeichnung gehören zu den Stärken der erstklassigen Stilistin, die ihre Geschichten in einer exakt umrissenen süddeutschen Gegend ansiedelt, dabei jedoch bewusst auf jede Art von Lokalkolorit verzichtet. Wer sich mit Lisas facettenreichem Kosmos auseinandersetzt, ist für mindestens 80% der deutschsprachigen Krimiproduktion verloren.

’Höhlenangst’ spielt auf der Schwäbischen Alb mit ihrem berühmten Höhlensystem. Lisa Nerz, die gerade ihre Stelle bei den ‚Stuttgarter Nachrichten‘ verloren hat, begibt sich auf die Suche nach ihrem dort abgetauchen Freund Richard Weber (was hat er dort zu suchen?) – und rettet sogleich einem in eine Höhle gestürzten Jungen das Leben. Bei dieser Aktion entdeckt sie eine Leiche, die nicht mehr auffindbar ist, als man sie zwölf Stunden später bergen will. Zudem trifft Lisa auf den renommierten Höhlenforscher Hark Fauth, dessen Frau Sabine vor drei Jahren unter unklaren Umständen in einer der Höhlen gestorben ist. Auch Lisas engste Jugendfreundin, die Journalistin Janette, lebt in dieser Region. Sie war mit Sabine befreundet. Und hatte mit Hark eine Affäre. Als der verschwundene Tote wieder auftacht – es handelt sich um den zwielichtigen Sprengmittelexperten Achim Haugk – enthüllen Merz und Weber einen Fall von Betrug und Korruption im Zusammenhang mit der Umstellung des örtlichen Truppenübungsplatzes auf zivile Nutzung.

‚Allmachtsdackel‘ beginnt mit zwei Todesfällen auf der Schwäbischen Alb. Richard Webers verhasster Vater, ein tyrannischer, gottesfürchtiger, querulatorischer Fabrikant, liegt leblos in seinem Schlafzimmer. Kurz danach wird ein Jüngling durch eine aufgescheuchte Kuhherde zertrampelt. Lisa Merz, die ihren Lebenspartner begleitet, misstraut dem Totenschein, der dem alten Weber einen natürlichen Abgang attestiert. Erst recht, als sie erfährt, dass sich auf den schwäbischen Feldern in den letzten vierzig Jahren höchst seltsame Todesfälle zugetragen haben. Sie beginnt zu recherchieren, stellt unbequeme Fragen – und sticht in ein Wespennest. Der Reiz des sechsten Lisa Nerz-Romans liegt vor allem in der Enthüllung familiärer und kommunaler Verknotungen, die es wahrlich in sich haben. Ausserdem verliebt sich Lisa Hals über Kopf in Richards Cousine (und einstige Flamme!) Barbara, eine kluge, starke, halbherzig mit einem Lehrer verheiratete Landwirtin und Mutter von vier Kindern.

‚Malefizkrott‘ ist der Titel des neunten Lisa Nerz-Krimis – und des skandalumwitterten Romans der siebzehnjährigen „Wortesammlerin“ Lola Schrader. Lolas erste Lesung endet im Fiasko. Die Buchhandlung des Veranstalters geht in Flammen auf, und der kultige Buchhändler Durs Ursprung wird kurz danach erschossen, worauf Lolas Vater Lisa Nerz als Bodyguard für seine Tochter engagiert. Diese kann dann aber nicht verhindern, dass auch Lolas nächste Lesung von einem bedrohlichen Zwischenfall übeschattet wird. Und dass weitere Brandanschläge und Morde geschehen. Die herrlich-verwickelte Geschichte gibt Lehmann Raum für eine Lobeshymne auf unabhängige Buchhändler, die sich standhaft dagegen wehren, von den grossen Unternehmen geschluckt zu werden. Raum auch für Rückblicke auf die Erschiessung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten am 2. Juni 1967 – eine ungesühnt gebliebene Tat, die zur Radikalisierung der RAF geführt hat. Das mörderische Gipfeltreffen findet dann auf der Frankfurter Buchmesse statt.

Im elften Band ‚Die Affen von Cannstatt‘ hat Lisa Nerz nur eine kleine, aber wichtige Funktion. Im Mittelpunkt steht Camilla, deren in einem Heim aufgewachsene Mutter angeklagt wurde, vier ihrer Neugeborenen umgebracht zu haben, dann jedoch kurz vor ihrer Verhaftung verschwand. Einzig Camilla, ihr fünftes Kind, blieb am Leben und wuchs bei Pflegeeltern auf. Nach abgebrochenem Soziologiestudium – in einer Semesterarbeit befasste sie sich mit dem Verhalten der matriarchal strukturierten Bonobo-Schimpansen – lebte sie zurückgezogen in Stuttgart. Einige Jahre später liegt die zerfleischte Leiche ihres Ex-Freundes Till im Bonobo-Gehege des Zoos im Stuttgarter Stadtteil Cannstatt. Aufgrund ihrer Vorgeschichte wird Camilla des Mordes bezichtigt, wobei Lisa Nerz eine zwiespältige Rolle spielt. In der U-Haft arbeitet Camilla ihre Vergangenheit in einem Tagebuch auf. Als Lisas Zweifel an Camillas Schuld immer grösser werden, intensiviert sie die Ermittlungen und kommt der verblüffenden Lösung auf die Spur. ‚Die Affen von Cannstadt‘ ist ein mitreissender, komplexer Krimi, eine unkonventionelle und lehrreiche Mischung aus Justizroman und Sozialstudie mit denkwürdigen Vergleichen zwischen dem Schicksal von eingesperrten Frauen und jenem von Menschenaffen, die ihr Leben im Zoo verbringen.

‚Allesfresser‘ – der ultimative Veganismus-Thriller. Der populäre TV-Koch Hinni Rappküfer wurde entführt, getötet, geschlachtet und stückweise in einem Tropfsteintunnel gelagert. 35 Kilo Menschenfleisch. Die fehlenden 45 Kilo befinden sich bereits in den Tiefkühlschränken der Supermärkte, fein säuberlich filettiert und in Plastik eingeschweisst, beschriftet mit EU-Zulassungsnummer, Haltbarkeitsdatum und Herkunftsort. Richard Weber wird an den Fundort gerufen, Lisa Nerz begleitet ihn. Sie soll verdeckt im Milieu der Anti-Allesfresser-Aktivisten ermitteln. Erste Recherchen führen sie auf das anonyme Blog einer radikalen Veganerin. Dann geschieht ein weiterer Mord, und Lisa gerät in Lebensgefahr. Gekonnt changiert die Autorin zwischen Schilderungen von forensischen Untersuchungen, Lisas haarsträubenden Abenteuern und den wirren Blogeinträgen der Veganerin, ohne sich mit unappetitlichen Details und scharfsinnig-ironischen Betrachtungen zurückzuhalten.

Bibliografie:

Lisa Nerz-Serie: ’Der Masochist’ (auch unter dem Titel ’Vergeltung am Degerloch’, 1997), ’Training mit dem Tod’ (auch unter dem Titel ’Gaisburger Schlachthof’, 1998), ’Der Pferdekuss’ (auch unter dem Titel ‚Perdekuss‘, 1999), ’Harte Schule’ (2005), ’Höhlenangst (2005), ’Allmachtsdackel’ (2007), ‚Nachtkrater‘ (2008), ‚Mit Teufelsg’walt‘ (2009), ‚Notorisch Nerz‘ (Kurzkrimis, 2010), ‚Malefizkrott‘ (2010), ‚Totensteige‘ (2012), ‚Die Affen von Cannstatt‘ (2013), ‚Allesfresser‘ (2016), ‚Die zweite Welt‘ (2019), ‚Alles nicht echt‘ (2024);

Einzelwerke: ’Kynopolis’ (1994), ’Der Bernsteinfischer’ (2000), ’Der Winterwanderer’ (2002), ’Die Racheengel’ (2003), ’Die Liebesdiebin’ (2005).