(1932-2008)
Der gebürtige Stockholmer Olov Svedelid arbeitete als Journalist und PR-Experte, bevor er 1964 sein erstes Buch veröffentlichte. Mit rund zweihundert Publikationen (Kinder- und Jugendbücher, historische Romane, Satiren, Biografien, Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher und über hundert Krimis) gehörte er in seiner Heimat zu den literarischen Schwergewichten, während er im deutschsprachigen Raum nie richtig Fuss fassen konnte. Nach langer Krebskrankheit starb er 76-jährig in Stocksund, einer Kleinstadt bei Stockholm. Kurz vor seinem Tod ehre ihn die Schwedische Krimiakademie für sein aus siebenundzwanzig Roland Hassel- und vier Samuel Rosenbaum-Büchern sowie zahlreichen Standalones bestehendes Werk mit dem Grand Master.
Roland „Rolle“ Hassel ist ein halsstarriger, unbestechlicher und rabiater, jede Form von Korruption zutiefst verabscheuender Stockholmer Kriminalinspektor mit wüster Vergangenheit, dessen draufgängerische Art es mit sich bringt, dass er immer wieder in lebensgefährliche Situationen gerät. Nach geschiedener Ehe führt er eine glückliche Beziehung mit Virena, die im vierten Band ein Kind erwartet. Ab Mitte der 90er-Jahre steht er zeitweise für Interpol im Einsatz, sodass er es auch mit international operierenden Verbrecherorganisationen zu tun bekommt. Svedelid legte den Schwerpunkt stets auf rasante, schnörkellose Handlungsführung, Sozialkritik und Schilderungen des Innenlebens seiner Figuren servierte er nur in trockenen Häppchen, und von den Methoden und der Moral der schwedischen Polizei schien er noch weniger zu halten als seine Zeitgenossen Sjöwall und Wahlöö.
Der erste Hassel-Band ‚Als vermisst gemeldet‘ dreht sich um den verschwundenen Weinvertreter Valentin Karlberg, der nebenbei als Geschäftsführer einer illegalen Stockholmer Spielbank arbeitet. Bei seinen Ermittlungen gerät Hassel in den Fokus einer mordlüsternen, durch einen schwedischen Psychopathen und einen polnischen Schläger angeführten Truppe, die für ein Syndikat die Drecksarbeit erledigt. Ein Syndikat, das durch einen Mitarbeiter der Kriminalpolizei mit Tipps gefüttert wird.
Auf den ersten Seiten des vierten Romans ‚Die Opfer‘ muss Hassel hilflos zusehen, wie sein langjähriger Kollege Bolinder durch Sören Linder, Boss einer Bande, die Schwarzhandel mit Fleisch betreibt, zu Tode gefoltert wird. Als weitere Morde geschehen, findet Hassel heraus, dass Linder und seine Komplizen inzwischen eine weitaus gefährlichere und einträglichere Erwerbsquelle gefunden haben: Sie nehmen Umweltgifte aus dem In- und Ausland entgegen, kippen es irgendwo ab – und räumen alle unliebsamen Zeugen aus dem Weg.
‚Piraten‘ stellt für Hassel einen Wendepunkt dar: Man ermittelt gegen ihn wegen Raub und Mord an zwei Polizisten, suspendiert ihn vom Dienst und steckt ihn für eine Woche in Untersuchungshaft. Dank guter Beziehungen erhält er daraufhin eine Stelle bei einer Interpol-Spezialgruppe. Undercover begibt er sich auf die Jagd nach Piratenbanden, die hoch versicherte, mit wertvoller Fracht beladene Schiffe samt Besatzung in die Luft sprengen. Die Spur führt zu dem Syndikat „Black Circle“. Doch welche Rolle spielt die mächtige, anscheinend idealistisch gesinnte Geheimorganisation der „Odeoniten“, die sich aus Wirtschaftskapitänen und ehemaligen Spitzenpolitikern zusammensetzt?
Gemeinsam mit dem in Stockholm lebenden Strafverteidiger Leif Silbersky verfasste Olov Svedelid vier Krimis um den weisen Holocaust-Überlebenden Samuel Rosenbaum, stilistisch und psychologisch ausgefeilte, Haken schlagende Geschichten, in denen die Autoren mit fein geschliffenen Figurenschilderungen glänzen. Rosenbaum, ein wortkarger, eigenwilliger Fatalist, der sich lieber in philosophische Werke als in juristische Schriften vertieft, und seine junge, begabte Grossnichte Rhea Moser, betreiben in Stockholm eine kleine Kanzlei und geraten bei ihren Ermittlungen immer wieder in Bedrängnis.
‚Applaus für einen Mörder‘ spielt im Stockholmer Kleintheatermilieu. Während der Probe zu einem neuen Stück stösst der Nichtsnutz Istvan Schwager seinem allseits verehrten Bruder Josef auf der Bühne vor Publikum ein Messer in die Brust. Dieser sinkt zu Boden, bleibt regungslos liegen. Istvans Worte vor Gericht, nachdem er Rosenbaum gegenüber zuvor noch seine Unschuld beteuert hatte: „Hab ihn totgemacht. Mehr sage ich nicht“. Doch Rosenbaum zweifelt an dieser Version, kommt geheimnisvollen Verstrickungen innerhalb des Theaterensembles auf die Spur – und schüttelt die verblüffende Lösung aus dem Ärmel.
Bibliografie (nur deutschsprachige Titel, Erscheinungsjahr des Originals):
Roland Hassel-Serie: ‚Als vermisst gemeldet‘ (1972), ‚Fahndung nach Monsieur Fontaine‘ (1976), ‚Die Opfer‘ (1984), ‚Wiedergänger‘ (1988), ‚Die heimliche Macht‘ (1993), ‚Piraten‘ (1995), ‚Hassels Hölle‘ (1996), ‚Der Tag des Gerichts (1998), ‚Boten des Todes‘ (1999), ’Gierige Geschäfte‚ (2002).
Samuel Rosenbaum-Serie (gemeinsam mit Leif Silbersky): ‚Applaus für einen Mörder‘ (1988), ‚Schwarze Messe für eine Leiche‘ (1989), ‚Eine Stimme für den Tod‘ (1990).
Einzelwerke: ‚Sklavenhändler‘ (1979), ‚Aus der Balance‘ (2001).
Bei „Applaus“ handelt es sich um ein Gerichtsdrama, da es hauptsächlich im Gericht spielt; außerhalb des Gerichtssaals spielen viele kürzere Szenen, auch mit Action und Verfolgung, vor allem Szenen mit der jungen Strafverteidigerin Rhea und ihrem Onkel Silberbaum.
Der Mordfall während eines Theaterstücks in der freien Theaterszene gewinnt besonderen Reiz, da er im Gerichtssaal rekonstruiert wird und die Autoren den dramaturgischen Aufbau des Rätsels in einem Beziehungsdrama meisterhaft beherrschen. Erst ganz am Schluss wird glasklar, dass nur bestimmte Personen auf der Theaterbühne die Tat begangen haben können. Hätte ich die elementaren Regeln des Rätselkrimis beachtet und mich von dem Spiel nicht ablenken lassen, hätte sogar ich es erraten können.
Zugleich ist der Krimi das beeindruckende Zeugnis eines Überlebenden der Konzentrationslager, der sich die Humanität bewahrt hat. Denn der Tod seiner Frau und seines Kindes könne nur einen Sinn erhalten, wenn er den „kommenden Generationen als Mahnung zur Humanität und zum Mitleid“ diene (S. 219). Den Fall seines Klienten liest er „rückwärts“, auf Basis seiner Thora-Ausbildung, deren Essenz er an seine Neffin Rhea weiterzugeben sucht.
In Schweden war Silberbaum Kult. Zwei Fernsehkrimis schafften es sogar ins deutsche Fernsehen „Schülermord“ und „Rosenbaum – Die Zeugin“ (letzterer ohne Romanvorlage, beide 1993, Regie Kjell Sundvall). „Applaus für einen Mörder“ erreichte sogar auf deutsch eine 2. Taschenbuchauflage, obwohl die Autoren – Olov Svedelid mit dem bekannten Strafverteidiger Leif Silbersky, der auch Assange in Schweden verteidigte – bei uns fast unbekannt blieben.
Gerade lese ich den dritten – der insgesamt leider nur drei – ins Deutsche übersetzten Krimis der Reihe mit dem steinalten Rechtsanwalt Rosenbaum: „Eine Stimme für den Tod“. Von den dreien ist er der spannenste: Ich kann ihn kaum weglegen!
Die erfahrende Enkelin Rhea des steinalten Strafverteidigers Rosenbaum, die sich selber in zahlreichen Gerichtsprozessen einen Namen gemacht hat und seine Rechtsanwaltspraxis übernehmen wird, ist durch diesen Fall persönlich betroffen. Denn sie liebt den Hauptverdächtigen des Mordfalls, einen Abgeordneten des schwedischen Reichstags, der in Untersuchungshaft einsitzt, und ist mit ihm verlobt. Zugleich ist dessen Partei bedroht, weil sie in Nachfolgekämpfen langjähriger Führungspersonen steckt. Mittendrin ermittelt Rosenbaum, assistiert von Rhea, bei genau diesen Personen die Fakten, die den Verdächtigen und damit auch die Partei entlasten könnten. An Spannung ist diese Konstellation kaum zu überbieten. Rosenbaum nimmt den Part des objektiven Strafverteidigers ein, während Rhea zwischen der Jura und ihren Emotionen als Verlobte und Liebhaberin zu dem des Mordes Verdächtigten – für alle Leser offensichtlich – hin- und hergerissen ist. Sehr anspruchsvoll und höchst unterhaltsam.
Der in Schweden bekannte Strafverteidiger Leif Silbersky (1938-2024; unter anderem gehörte der Whistle-Blower Assange zu seinen Klienten) ist Co-Autor dieser Reihe – und das sorgt für viel Realitätsgehalt dieses „Rechtsstaats-Thrillers“.