(1916-1990)

Walker Percy, geboren in Birmingham, Alabama, wurde nach dem frühen Tod seiner Eltern von einem Cousin des Vaters, dem ledigen Anwalt, Maler und Lyriker William Alexander Percy, adoptiert und wuchs mit seinen jüngeren Brüdern Phin und Roy in Greenville, Mississippi auf. Hier entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft mit dem Autor Shelby Foote. Percy studierte Chemie an der University of North Carolina in Chapel Hill und daraufhin Medizin an der Columbia University in New York mit den Spezialgebieten Psychologie und Pathologie (Master-Abschluss 1941). Im Jahr 1942 gab er seine Tätigkeit als praktizierender Arzt aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung endgültig auf. 1947, ein Jahr nach seiner Heirat mit Mary Bernice „Bunt“ Townsend, konvertierte er zum Katholizismus. 1950 liess er sich mit seiner Frau in Covington, Louisiana, nieder und wurde Wissenschaftler und Schriftsteller. Geprägt durch den dänischen Existentialisten Soren Kierkegard, gelang ihm mit seinem ersten Roman ‚Der Kinogeher‘ Anfang der 60er-Jahre der literarische Durchbruch. Der Vater von zwei Töchtern erlag kurz vor seinem 74. Geburtstag einer Krebserkrankung.

Percy war einer der bedeutendsten Südstaatenautoren der jüngeren Zeit. Er verfasste zahlreiche Essays, zwei Sachbücher zu psychiatrischen und existentialistischen Themen und sechs literarische Werke, unter ihnen zwei lose miteinander in Verbindung stehende Romane mit dem in Louisiana praktizierenden und forschenden Psychiater Thomas More als Hauptperson. Der erste Band, ‚Liebe in Ruinen‘, ist kein Krimi, sondern das Portrait des versoffenen, an Lebensüberdruss und Paranoia leidenden Arztes, der den Alltag mit der Entwicklung des so genannten Lapsometers ausfüllt – eines Instruments, mit dem sich der Grad der Entfremdung des Menschens von sich selbst feststellen lässt.

‚Das Thanatos-Syndrom‘ – auf dem Umschlag der Fischer-Ausgabe prangt das irreführende Prädikat „Eine Mischung aus James Bond, Sherlock Holmes und Father Brown“ – spielt in der nahen Zukunft in dem Landstrich Feliciana unweit von New Orleans. Nach zwei Jahren Gefängnis wegen illegalen Handels mit Amphetaminen kehrt Tom More nach Feliciana zurück, um seine Arbeit als Psychiater wieder aufzunehmen. Bald bemerkt er bei einigen seiner Patienten – und auch bei seiner Frau Ellen – mehr oder weniger subtile Auffälligkeiten in der Sexualität und im Sprachverhalten, die ihn an Idiot-Savant- und tierische Verhaltensmuster erinnern. Er vertieft sich in die Fallgeschichten, schliesst sich mit der jungen Epidemiologin Lucy Lipscomb zusammen, und die beiden finden heraus, dass das örtliche Trinkwasser mit radioaktiven – aus dem nahe gelegenen Reaktor stammenden – Natriumionen verseucht ist.

Eingebunden in einen mit komischen und satirischen Passagen durchsetzten Thriller, kommen im zweiten Teil der Geschichte auch ethische und gesellschaftliche Probleme zur Sprache. Eine Gruppe von mächtigen weissen Männern, unter ihnen Wissenschaftler und Ärzte, hat sich zum Ziel gesetzt, das soziale Leben zu perfektionieren, indem sie die Menschheit von Kriminalität, häuslicher Gewalt, Teenager-Schwangerschaften, Depressionen und Drogenabhängigkeit befreien – Massenprophylaxe an Stelle einer Individualtherapie. Ihr Weg dorthin ist das an Zynismus kaum zu überbietene Projekt „Blue Boy“: Ausmerzung von „wertlosen“ Personen (Behinderte, Greise, ungewollte Kinder, AIDS-Patienten) unter dem Deckmandel der Euthansie, sowie Abschaffung des freien Willens, der Emotionen, und moralischen Fesseln durch Ergänzung von Grundnahrungsmitteln mit Hormonen und schwerem Salz. Unterstützt durch ein paar idealistisch gesinnte Verbündete (Toms skurriler Onkel Hugh, der schwarze Farmer Vergin, Father Smith und die erwähnte Lucy Lipscomb), setzt Tom More, der zunächst vorgibt, sich an den Experimenten zu beteiligen, alles daran, den Verschwörern das Handwerk zu legen – und wächst über sich hinaus.

Bibliografie:

Dr. Thomas More-Romane: ‚Love in the Ruins‘ – ‚Liebe in Ruinen‘ (1971), ‚The Thanatos Syndrome‘ – ‚Das Thanatos-Syndrom‘ (1987).