(*1963)

Geboren in der Kleinstadt Meiningen, Thüringen, studierte Sybille Ruge Schauspiel an der Leipziger Theaterhochschule „Hans-Otto“ und war danach als Kostümbildnerin und Bühnenschauspielerin tätig. Sie verliess die DDR, die sie als „riesigen Kindergarten“ erlebte, unmittelbar nach dem Mauerfall. Seit Mitte der 90er-Jahre arbeitet sie als Textildesignerin für Inneneinrichtungen (Vorhänge, Teppiche usw.), ab 2003 in Frankfurt/Main. Sie lebt in der Schweiz, ist fasziniert von Raumfahrt und ein Fan von Heiner Müllers Texten und Raymond Chandlers Krimis. Im Jahr 2022 erschien ihr erster Roman ‚Davenport 160 x 90‘ (der Titel bezieht sich auf die Masse eines für die Geschichte nicht ganz bedeutungslosen Bürotischs), in dem sie die neoliberale Gesellschaft an den Pranger stellt – ein bitterböser, respektloser, in lakonischem Stil verfasster Noir.

Die 35-jährige Ich-Erzählerin Sonja Slanski ist eine radikale, schlagfertige Frau, mit der nicht gut Kirschen essen ist. Als Schuldeneintreiberin, Vermittlerin und Detektivin mit ebenso nützlichen Kontakten zu Russland wie zur lokalen Unterwelt und Hackerszene und einer sorgfältig verborgenen melancholischen Seite, betreibt sie in Frankfurt eine Firma im Bereich des „Forderungsmanagements“ – so steht’s auf ihrer Visitenkarte. Sie lebt allein in einem Loft, liebt Schweizer Wodka und Boxsport und hat stets einen pointierten Spruch auf Lager: „Ich halte Networking für eine hinterhältige Bezeichnung für Schnorren und Ausnutzen flüchtiger Bekanntschaften“ – „Künstler waren für mich Typen auf Hartz-IV, die der Welt nichts zu bieten haben als ihre Krisen und Ängste“ – „Alle pissen um sich herum ihr Revier frei“ – „Ich lief vorbei an dem Platz mit dem Klumpen aus Beton, der entweder ein Holocaust-Denkmal oder eine Skater-Rampe war“ – und unzählige mehr. Und sie ist stolze Besitzerin eines Revolvers Rossi 971, Blue Steel 4 Inch Barrel, ein Geschenk ihres russischen Stiefvaters: „Die Rossi war echt und sie war Freiheit. Wenn man die Schnauze voll hatte, konnte man damit einen Schlusspunkt setzen.“

Nach Abwicklung eines lukrativen Routineauftrags, bei dem sie der verbrecherischen Anwaltskanzlei Hoffer & Behring hart an den Karren fährt, stolpert sie über einen Fall, der ihr nahe geht: Die bei ihr vor kurzem untergeschlüpfte Künstlerin und „Art Escort“ Luna Moon, die sich später als ihre kleine Halbschwester erweist, kommt in ihrem Loft gewaltsam ums Leben. Slanski, die es zuhause nicht mehr aushält, zieht in ein Hotel und begibt sich auf die Suche nach dem Mörder, der es vielleicht gar nicht auf Luna, sondern auf sie selbst abgesehen hatte. Dabei trifft sie auf einen attraktiven – namenlos bleibenden – Kommissar, der sie ersucht, undercover den Herren Hoffer und Behring auf den Zahn zu fühlen und herauszufinden, ob es Verbindungen gibt zwischen dem Mord und den krummen Geschäften der beiden Anwälte. Dem Kriminalfall kommt allerdings weitaus geringere Bedeutung zu als der Darstellung der vielschichtigen, höchst eigenständigen Protagonistin, die beim Leser einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Bibliografie:

‚Davenport 160 x 90‘ (2022).