(Pseudonym für Dallas Mayr, 1946-2018; schrieb auch als Jerzy Livingston)

Jack Ketchum kam als einziges Kind von deutschen Immigranten in Livingston, New Jersey, zur Welt. Nach wilden Jahren (Mädchen, Drogen, Vietnam-Demonstrationen) und einem Englischstudium am Bostoner Emerson College arbeitete er als Highschool-Lehrer, Literaturagent (unter anderem für Henry Miller) und Holzverkäufer. In seiner Freizeit schrieb er Artikel und Stories für verschiedene Magazine und verschlang die Werke von Robert Bloch (der „Psycho“-Autor war lange Zeit sein Mentor), Charles Bukowski und Ernest Hemingway. 1980 veröffentlichte er mit ‚Beutezeit‘ seinen ersten von fünfzehn Romanen. Darüber hinaus verfasste er Novellen, Kurzgeschichten, Essays, Drehbücher und autobiografische Texte und bekleidete Nebenrollen in einer Handvoll Filmen. Mit 71 Jahren erlag er in New York City einer Krebserkrankung.

‚Beutezeit‘ (Im Original ‚Off Season‘) fiel der Zensur zum Opfer und konnte vorerst nur in verstümmelter Form erscheinen, worauf Ketchum das Manuskript in den Müll warf. Ende der 90er unterzog er den „Entwurf“ einer gründlichen Überarbeitung, und 1999 kam der Roman in voller Pracht in die Buchläden, Titel: ‚Off Season: Unexpurgated Edition‘ – ein Meilenstein der Horror-Literatur. In dem abgeschiedenen (fiktiven) Ferienort Dead River an der Küste von Maine ereignet sich während 24 Stunden der ungeheuerliche Zusammenprall von drei gebildeten, zivilisierten Liebespaaren – Carla und Jim, Laura und Carlas Exfreund Nick, Carlas Schwester Marjie und der Vietnamveteran Dan, alle um die Dreissig, die sich in einem Bungalow ein wenig von ihrem harten Alltag erholen möchten – mit einer Horde von kannibalischen Hinterwäldlern, Kindern und Erwachsenen, die hier in einer primitiv eingerichteten Höhle hausen und auf frische Beute warten. Involviert ist auch die örtliche Polizei, verkörpert durch den alten Sheriff George Peters, seinen Assistenten Sam Shearing und ein Dutzend Hilfskräfte. In der ersten Hälfte der Erzählung widmet sich Ketchum vor allem der Einführung der Hauptpersonen, das Grauen kündet sich nur häppchenweise an, bis das wahnwitzige, von Ketchum detailreich beschriebe Gemetzel ausbricht. Pure Mordlust nimmt überhand, die Grenzen zwischen den Menschenfressern, den Touristen und den Cops zerfliessen – Parallelen zu den Greueltaten der vollgedröhnten US-Truppen in Vietnam sind offensichtlich.

Der zerrissene, von grauenhaften Flashbacks gemarterte Vietnamveteran Lee Moravian steht im Zentrum des Romans ‚Jagdtrip‘. Entfremdet und verlassen von seiner schwangeren Frau Alma und seinem fünfjährigen Sohn Lee Junior, lebt er mit einem zum Kampf abgerichteten Schäferhund in einer Hütte in den kalifornischen Wäldern und lebt vom Marihuana-Anbau und -Verkauf. Sein Gegenspieler ist der Schriftsteller und Abenteurer Bernard Kelsey, der ebenfalls in Vietnam war, und jetzt mit seiner adretten Frau Caroline und seiner zwanzig Jahre jüngeren Geliebten Michelle zur Entspannung ein paar Tage an einem Teich in der Nähe der Marihuana-Plantage verbringt – sein Agent Alan Walter, der ‚Rolling Stone‘-Fotograf Graham und sein alter Kumpel Charles Ross, ein Bühnenautor, sind ebenfalls mit von der Partie. Angesagt sind Schwimmen, Angeln, Jagen und Saufen, doch Kelsey hat die paranoide Mordmaschine Lee nicht auf der Rechnung. Auch in diesem Roman nimmt sich Ketchum viel Zeit für die Einführung seiner Figuren mit ihren Stärken und Schwächen, bis er Lee nach rund zwei Dritteln der Erzählung zum ersten Mal zuschlagen lässt. Was folgt sind hundert Seiten Nervenkitzel – mit einem überraschenden Ende.

‚Evil‘ ist Jack Ketchums Meisterwerk, kein Roman dringt tiefer unter die Haut. David, ein erfolgreicher Finanzexperte an der Wall Street, blickt nach zwei gescheiterten Ehen zurück auf verstörende Geschehnisse, die ihm dreissig Jahre zuvor, als er zwölf war, in einem unbenannten idyllischen Städtchen widerfahren sind und seither sein Leben geprägt haben. Neben dem Ich-Erzähler David bilden seine Nachbarin Ruth Chandler und ihre Söhne – die zwölfjährigen Zwillinge Willie und Donnie (Davids bester Freund) und der zehnjährige „Woofer“ – sowie Ruths Nichten, die vierzehnjährige Megan und die zehnjährige Susan, die nach dem Unfalltod ihrer Eltern kürzlich bei ihr untergebracht worden sind, den Kern des unfassbaren Dramas, in dem die örtliche Polizei erst ganz am Schluss zum Zuge kommt. Die Kinder vergöttern Ruth, weil sie ihnen gelegentlich Bier und Zigaretten besorgt, doch die hasserfüllte Frau verfällt dem Wahnsinn – mit der hübschen, selbstsicheren Megan als Ventil ihres Zorns. Was mit Beschimpfung und Peitschenschlägen beginnt, mündet in Vergewaltigung, Folter und Verstümmelung, woran auch Ruths Söhne aktiv teilnehmen, während David, hin- und hergerrissen zwischen Fassungslosigkeit, Abscheu, Faszination und sexuellen Phantasien, erst viel zu spät eingreift. Und alle Erwachsenen schauen weg. Der Roman beruht auf einem wahren Fall, der sich 1965 in Indianapolis zugetragen hat, und wurde 2007 durch Gregory M. Wilson mit Blanche Baker als Ruth und jugendlichen Laienakteuren anschaulich verfilmt.

Der Thriller ‚The Lost‘ gründet auf dem kurzen Leben des Serienkillers Charles Schmid aus Tucson, Arizona, der Mitte der 60er-Jahre sein Unwesen trieb. Aus schnell wechselnden Perspektiven erzählt Ketchum die Geschichte des charismatischen Psychopathen Ray, eines 17-jährigen sexbesessenen Dope-Dealers aus der Keinstadt Sparta, New Jersey, der im Sommer 1965 vor den Augen der zwei Jahre jüngeren, ihn verehrenden aber auch fürchtenden Kids Tim und Jennifer aus purer Lust am Töten zwei junge Mädchen durchlöcherte – und ungeschoren davonkam. Eines der Opfer starb sofort, das andere erliegt erst jetzt, vier Jahre später, den schweren Gehirnverletzungen, worauf Detective Charlie Schelling, der seinerzeit die Ermittlungen leitete, und sein damaliger Partner Ed Anderson – inzwischen im Ruhestand – beschliessen, den Fall wieder aufzurollen, da sie von Rays Schuld auch heute noch felsenfest überzeugt sind. Ketchum nimmt sich viel Zeit für die Darstellung des Figurentableaus und des Lebens in einem Provinzkaff vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs, der Hippie-Kultur (Woodstock, Flowerpower, Marihuana) und der Manson-Morde, bis er zum bluttriefenden Finale ansetzt mit einem Ray, dessen angestauter Hass sich in einem Amoklauf entlädt, als er von den jungen, bildhübschen Frauen Katherine und Sally zurückgewiesen wird. Die Verfilmung durch Chris Silvertson kam 2006 in die Kinos.

In seinem schnörkellosen Psychothriller ‚Psychotic‘ porträtiert Ketchum die psychisch labile New Yorker Geschäftsfrau Dora, die nach einer weiteren von unzähligen gescheiterten Beziehungen realisiert, dass ihr Leben bereits vor 25 Jahren in Stücke zerfallen ist, als sie von ihrer grossen Jugendliebe Jim im Stich gelassen wurde. Es gelingt ihr, sich in Jims Vorzeigefamilie – hübsche Frau, zwei aufgeweckte Kinder – einzuschleichen, um dann, getrieben von irren Rachegefühlen, auf brutale Weise zuzuschlagen.

Bibliografie (nur Romane):

‚Off Season‘ – ‚Beutezeit‘ (1979; the Unexpurgated Edition 1999), ‚Hide and Seek‘ – ‚Versteckt‘ (1984), ‚Cover‘ – Jagdtrip‘ (1987), ‚The Girl Next Door‘ – ‚Evil‘ (1989), ‚She Wakes‘ – ‚Sie erwacht‘ (1989), ‚Offspring‘ – ‚Beutegier‘ (1991), ‚Joyride‘ – ‚Amokjagd‘ (1994), ‚Stranglehold‘ – ‚Wahnsinn‘ (1995), ‚Red‘ – ‚Blutrot‘ (1995), ‚Ladies Night‘ – ‚Ladies Night‘ (1997), ‚The Lost‘ – ‚The Lost‘ (2001), ‚Old Flames‘ – ‚Psychotic‘ (2008), ‚The Woman‘ – ‚Beuterausch‘ (2011), ‚I’m Not Sam‘ – ‚Ich bin nicht Sam‘ (2012), ‚The Secret Life of Souls‘ (2016).