(*1971)

Geboren in New York State, wuchs Benjamin Whitmer in einer Landkommune im südlichen Ohio auf. Er brach die Highschool ab, um ein Hippyleben zu führen, und hielt sich unter anderem als Fabrikarbeiter, Landschaftsgärtner, Tellerwäscher, Anstreicher und Collegelehrer über Wasser. Danach arbeitete er als Redakteur für eine kleine Firma, die Sicherheitstechnik herstellte. Nach einer hässlichen Scheidung liess er sich mit seinen beiden halbwüchsigen Kindern in Colorado nieder und widmet sich seither hauptberuflich dem Schreiben von Sachbüchern, Kurzgeschichten und (bisher drei) ultraschwarzen Romanen – Whitmer, ein grosser Western-Fan, bezeichnet sie als „Working class tragedies“.

‚Im Westen nichts‘ spielt am Fuss der Appalachen in der Nähe der Industriestadt Cincinnati, Ohio, vier Figuren bilden den Mittelpunkt. Douglas Pike, früher ein gewalttätiger Verbrecher, heute von Schuldgefühlen zerrissen, denn er hat Dinge getan, die ihn nicht mehr loslassen, nimmt gelegentlich kleinere Jobs an. Rory, ein junger, aufstrebender Amateurboxer ist sein einziger Kumpel. Pikes Leben ändert sich von Grund auf, als seine Tochter Sarah, die er letztmals gesehen hat, als sie sechs war, auf dem Drogenstrich in Cincinnati ums Leben kommt, und ihre zwölfjährige Tochter Wendy, eine belesene Aussenseiterin, die sich ihre Trauer nicht anmerken lässt, in seiner Einzimmerwohnung abgeliefert wird – er bricht mit Rory auf, um Sarahs Tod zu rächen. Die vierte Hauptperson ist Pikes Gegenspieler Derrick Kreiger, ein zurzeit wegen Tötung eines schwarzen Jugendlichen suspendierter Cop aus Cincinnati, der auch sonst eine Menge Dreck am Stecken hat. Junkies, Nutten, hartherzige, abgetakelte Ladies und monströse Hinterwäldler mit dem Wortschatz eines Zweijährigen runden das Figurentableau ab. Dialoge wie „Gibt’s hier etwas zu essen?“ „Klar doch, ich habe drei Mexikaner in der Küche“, „Ich esse keine Mexikaner“ sorgen für einen Hauch von Heiterkeit, und Wendys Begegnungen mit den beiden Männern sowie Rückblicke auf Pikes und Rorys Vergangenheit werfen ein schales Licht auf die gewalttriefende Erzählung.

‚Nach mir die Nacht‘, angesiedelt im San Luis Valley der südlichen Rocky Mountains nicht weit von Denver, Colorado, kreist um zwei Vater-Sohn-Beziehungen: Jene zwischen der zentralen Figur Patterson, einem in die Jahre gekommenen, geschiedenen Schwerarbeiter in Katastrophengebieten, und Justin, seinem aufgrund eines groben ärztlichen Fehlers in jungen Jahren gestorbenen Sohn, sowie jene zwischen Pattersons altem Kumpel Henry, einem versoffenen ehemaligen Rodeoreiter, und seinem kokain- und testosterongesteuerten Sprössling Junior, den er nach dem frühen Krebstod der Mutter in diverse Heime abschob. Mit siebzehn schloss Junior sich dem Drogenschmuggler Vincente an – fürderhin sein Ersatzvater. Junior hat eine aufgeweckte kleine Tochter namens Casey, die bei ihrer Mutter lebt. Die raue, mit grellen Schilderungen von Gewaltakten gespickte Erzählung wird immer wieder durch wunderbare Naturschilderungen und Pattersons rührende Briefe an Justin unterbrochen, in denen er seinen Alltag reflektiert. Nazitypen, Rednecks, Meth-Kocher, Verschwörungstheoretiker und Biker bilden den Hintergrund, während die Ordnungshüter durch Abwesenheit glänzen. Mit Koks, Crystal Meth, Schnaps und jeder Art von Waffen versuchen Patterson, Henry und Junior verzweifelt, den Selbstekel und die Trauer über ihr versautes Leben zu verdrängen. Keiner von ihnen ist durch und durch schlecht – ihre guten Seiten flackern immer wieder kurz auf.

Silvesterabend 1968 in den Bergen von Colorado: Zwölf Männer sind aus dem Old Lonesome Prison ausgebrochen, befinden sich, zersplittert in kleine Gruppen, im Schneesturm auf der Flucht, gejagt von mordlüsternen, durch Dexedrin aufgeputschten Gefängniswärtern, einem Spürhunderudel und Jim Cavey, dem versiertesten Fährtenleser der Region, sowie den beiden auf eine heisse Story scharfen Zeitungsleuten Stanley und Garrett (die meisten Verfolger sind schwer angeknackste Korea- oder Vietnamveteranen), während der soziopathische Gefängnisdirektor Cyprus Jugg die Fäden zieht. In vierundzechzig Kapiteln skizziert Whitmer aus ständig wechselnden Perspektiven das zum Scheitern verurteilte Unterfangen der Flüchtlinge Mopar Horn, der neben dam Gefängnis aufgewachsen ist, Mitch Howard, ein dunkelhäutiger, im Knast gequälter Hüne, Bad News Dixon, der 1966 am Kampf um Hügel 488 in Südvietnam teilnahm und seither jede Art von Drogen konsumiert, und Wesley Warrington, der als erster der vier Verbrecher den Löffel abgibt. Eine wichtige Rolle spielt Dayton Horn, „die Ausgestossene“, die in der Gegend eine Marihuana-Plantage unterhält und ihrem Cousin Mopar das Leben retten will. In der klaustrophobischen, einsamen, von heulenden Kojoten besiedelten Schneelandschaft fliesst das Blut in Strömen, bis der Spuk nach fünfzehn Stunden ein Ende hat.

Bibliografie:

‚Pike‘ – ‚Im Westen nichts‘ (2010), ‚Cry Father‘ – ‚Nach mir die Nacht‘ (2014), ‚Old Lonesome‘ – ‚Evasion‘ – ‚Flucht‘ (im Original bisher nicht, auf Französisch 2018 und auf Deutsch 2020 erschienen).