(*1963)

Hannelore Cayre wurde in Neuilly-sur-Seine geboren und wuchs in der Pariser Banlieue auf. Ihre Mutter war jüdische Österreicherin, der Vater katholischer Tunesier. Nach dem Jurastudium in Paris spezialisierte sie sich auf Urheberrecht und wurde Finanzdirektorin bei ‚France 3 Cinéma‘. Nebenberuflich drehte sie zwei Kurzfilme. Ihr Plan, die Filiale des Fernsehsenders ‚Canal +‘ in den USA zu leiten, zerschlug sich, als sie in Chile einen Verkehrsunfall erlitt, der einen anderthalb Jahre dauernden Spitalaufenthalt nach sich zog. In dieser Zeit adoptierte sie ein kleines chilenisches Mädchen. Zurück in Frankreich, beendete sie ihr Studium, wurde 1997 vereidigt und arbeitete anschliessend wie ihr Mann Jean-Christophe Tymoczko als Pflichtverteidigerin im Strafrecht. Sie lebt mit ihrer vierköpfigen Familie im 19. Arrondissement von Paris.

Christophe Leibowitz-Bertier – Pflichtverteidiger in Schnellverfahren, die nur bei Schuldsprechung des Angeklagten honoriert werden (!), Alkoholiker mit buntem Sexualleben und grossem Herz, die „Schande der Pariser Anwaltskammer“ – spielt die Hauptrolle in Cayres schwarzhumorigen, aberwitzigen Krimis ‚Der Lumpenadvokat‘ und ‚Das Meisterstück‘, die sich in vielen Zeitsprüngen immer wieder aufeinander beziehen und am besten in einem Rutsch (insgesamt 300 Seiten) gelesen werden.

Im ersten Roman lässt sich Leibowitz auf einen Deal mit dem aalglatten, geldgeilen Anwalt Dalil Lakdar ein. Mittels Rollentausch, für versprochene anderthalb Millionen Euro, soll Lakdars Mandant, der Gangster David Sellem, dem Leibowitz zum Verwechseln ähnlich sieht, aus dem Knast befreit werden. Natürlich wird unser Freund von seinem Gegenspieler in die Pfanne gehauen, doch der abgebrühte Pflichtverteidiger hat noch ein paar Pfeile im Köcher.

Endlich wieder auf freiem Fuss, mit einem schicken Auto unterwegs und einem Haufen Geld auf dem Konto, widmet sich Leibowitz im zweiten Roman wieder seinem Brotberuf als Pflichtverteidiger von kleinen Ganoven jeder Couleur, wodurch er in einen kniffligen, weit zurückreichenden Fall von Raubkunst verwickelt wird, in die Zeit der Vichy-Regierung unter Pétain – sieben Meisterwerke und ein bisher völlig unbekanntes (gefälschtes?) Werk seines Lieblingsmalers Egon Schiele sind ihm in die Hände gefallen.

Patience Portefeuil, Deckname „die Alte“, schlitzohrig, abgebrannt und skrupellos, nach sieben glücklichen Ehejahren seit 25 Jahren verwitwet, arbeitet als Arabisch-Übersetzerin für die Pariser Gesetzeshüter, ein Job, in dem sie Tag für Tag endlose Telefonate ihrer Opfer – vorwiegend nordafrikanische Drogenhändler – abhört, und der ihr eines schönen Tages den Weg aus ihren finanziellen Nöten weist: Was liegt näher, als ein paar Delinquenten über den Tisch zu ziehen, indem sie sich als marokkanische Dealerin ausgibt, und ihre Beute danach geschickt zu waschen? ‚Die Alte‘, ein funkelndes Mosaik aus Familengeschichte, Schelmenstück und Krimikomödie mit ernstem Hintergrund, wird getragen von der unvergesslichen, rotzfrechen Protagonistin, für die political correctness ein Fremdwort ist.

Bibliografie:

Christoph Leibowitz-Serie: ‚Commis d’office‘ – ‚Der Lumpenadvokat‘ (2004), ‚Toiles de Maître‘ – ‚Das Meisterstück‘ (2005), ‚Ground XO‘ (2007);

Einzelwerk: ‚La Daronne‘ – ‚Die Alte‘ (2017).