Geboren wurde er als Salvatore Lombino, ab 1952 hiess er offiziell Evan Hunter, am besten bekannt ist er jedoch unter dem Pseudonym Ed McBain – und er zählt genreunabhängig zu den grössten und vielseitigsten US-Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunders.

‚Goldilocks‘ – ‚Es bleibt in der Familie‘, 1976

Der erste Band der Matt Hope-Serie beleuchtet eine Familientragödie mit dem Allgemeinarzt Jamie Purchase im Mittelpunkt. Er hat zwei erwachsene Kinder aus geschiedener erster Ehe, Michael und Karin, und ist seit einigen Jahren mit Maureen verheiratet, die er als die Frau seines Lebens bezeichnet. Als er nach einer Pokerrunde mit seinen Kumpels und einem Schäferstündchen bei seiner neuen Geliebten um ein Uhr früh nach hause kommt, findet er Maureen und ihre beiden gemeinsamen Töchterchen bestialisch ermordet vor. Sein Alibi ist lückenhaft, doch er beteuert seine Unschuld und ersucht seinen Freund und Rechtsbeistand Matt Hope um Hilfe.

Am nächsten Tag behauptet Jamies Sohn Michael, die Tat begangen zu haben, doch seine Geschichte hat zu viele Löcher – und dann trifft ein zweites Geständnis bei der Polizei ein. Eine Besonderheit der Geschichte ist McBains Kunstgriff, die Mordermittlungen immer wieder mit Matts eigenen Liebeswirren zu verknüpfen – seine Ehe nähert sich unaufhaltsam ihrem Ende, und auch seine Aussenbeziehung hat wohl keine Zukunft.

‚Three Blind Mice‘ – ‚Drei blinde Mäuse‘, 1990

‚Drei blinde Mäuse‘ ist einer von McBains besten Krimis. Die blinden Mäuse sind drei vietnamesische Immigranten, denen die Vergewaltigung von Jessica, der Ehefrau des Grossgrundbesitzers Stephen Leeds, zur Last gelegt wird. Überraschenderweise werden sie schon bald aus der Untersuchungshaft entlassen – und kurz danach auf scheussliche Weise umgebracht. Ein Racheakt von Leeds, dessen Geldbeutel in der Wohnung der Opfer gefunden wird, und den mehrere Zeugen in der Mordnacht in der Nähe der Wohnug der Vietnamesen gesehen zu haben behaupten?

Jessica bittet Matt Hope, ihren Mann zu verteidigen, und dieser verbeisst sich – wenn auch zunächst widerwillig – in den scheinbar hoffnungslosen Fall. Seine Gegner sind die attraktive stellvertretende Staatsanwältin Patricia Demming und sein Freund Detective Morris Bloom von der Mordkommission, während der schwarze Privatdetektiv Warren Chambers für Hope die Laufarbeit erledigt. Scharfe Wortgefechte im Gerichtssaal treiben die Handlung zügig voran, und auch die Liebe kommt nicht zu kurz. Abgerundet wird die vielschichtige Erzählung durch plastische Schilderungen der Eigenheiten Floridas.

‚Gladly the Cross-Eyed Bear‘ – ‚Der schielende Bär‘, 1996

Das groteske Kreuzverhör zu Beginn des Romans zeigt Ed McBain als glänzenden Humoristen – es geht um einen Urheberrechtsstreit: Basiert der schielende Stoffbär auf der Idee der jungen Grafikerin Elaine Cummings oder aber auf jener ihres früheren Arbeitgebers Brett Toland von der Spielzeugfabrik ‚Toyland‘?

Am nächsten Tag wird Brett auf seiner Jacht erschossen, die Tatwaffe zeigt Elaines Fingerabdrücke, und Matt Hope, der ja bei jeder Gelegenheit behauptet, er sei kein Strafrechtler, hat wieder einmal einen Mordfall am Hals („Ich werde zur Bulldogge, wenn es darum geht, Indizien auszugraben, die Kiefer um sie zu schliessen, und sie zu schütteln, bis sie quieken. Aber ich glaube nicht, dass ich die Haifischmentalität besitze, die man braucht, um einen Mordfall zu verhandeln“). Diesmal ohne Unterstützung durch Warren Chambers, denn dieser schlägt sich mit einem Drogendrama herum, das ihm sehr nahegeht, und in dem wir das Grauen eines Kokainentzuges hautnah miterleben.

‚Driving Lessons‘ – ‚Fahrstunde‘, 2000

Das Einzelwerk ‚Fahrstunde‘ wird unter McBains Romanwerk aufgeführt, ist indes eine lupenreine Novelle mit einem hinterhältigen Plot um Betrug und Liebe, Rache und Tod. Die begabte 16-jährige Studentin Rebecca überfährt während einer Fahrstunde eine Frau und verletzt sie tödlich. Die Tat wird ihrem Fahrlehrer angelastet, stand dieser doch zum Zeitpunkt des Unfalls offensichtlich unter Drogen – und das Opfer war niemand anderes als seine Frau. Eine fehlende Cola-Büchse bringt die Polizisten schliesslich auf die überraschende Lösung.

‚Big Bad City‘ – ‚Big Bad City‘, 1999

Ermordung eines kleinen koreanischen Lebenmittelhändlers, Überfall auf einen Schnapsladen durch einen fetten weissen Mann, der nach seiner Verhaftung vor den Augen der Cops im Knast einen schwarzen Bodybuilder ersticht, neun Basketballspieler, die ihren zehnten Mann umnieten, „Cookie Boy“, ein professioneller Serieneinbrecher, der in den Wohnungen seiner Opfer zum Trost selbstgemachte Kekse zurücklässt, und die junge erwürgte Nonne Mary Vincent, deren bewegte Vergangenheit Rätsel aufgibt – ein Haufen Arbeit für Steve Carella und seine kleine Crew des 87. Reviers an diesem brütend heissen Sommerabend in der „grossen, üblen Stadt“. Und dann treibt auch noch ein gewisser Sonny Cole sein Unwesen, ein kleiner Gangster, der vor einiger Zeit Carellas Vater umbrachte, aufgrund eines juristischen Formfehlers auf freiem Fuss blieb und jetzt auch Carella abservieren will, bevor ihm dieser zuvorkommt.

Den roten Faden in dem 49. Titel der 87th Precinct-Serie bilden die nicht miteinander verbundenen, höchst gegensätzlichen Fälle Cookie Boy, Nonnenmord und Sonny Cole, während die anderen – alltäglichen – Verbrechen nur kurz aufleuchten. Die zuständigen Ermittler sind diesmal Steve Carella und Artie Brown bzw. Meyer Meyer und Bert Kling, während ausgerechnet der dumpfe, ständig furzende Rassist Fat Ollie Weeks vom 83. Revier dem Möchtegern-Cop-Killer auf die Schliche kommt – und seinen Kollegen vom 87. Revier mit obszönen Nonnenwitzen auf den Geist geht.

‚The Sentries‘ – ‚Desperados der Freiheit‘, 1965

Der fanatische Patriot Jason Trench, ein Ex-Marine, der sich in Tokio während des Koreakrieges mit Schwarzmarktgeschäften einen Haufen Geld unter den Nagel reissen konnte, begibt sich nach minutiöser Planung – begleitet von seiner hochschwangeren Frau Annabelle – mit 42 perfekt ausgebildeten Söldnern, gewaltiger Kriegsausrüstung und einem gekaperten Küstenwachenschiff nach Kuba, um dem Kommunismus einen Schlag zu versetzen, selbst wenn er damit einen globalen Krieg auslöst.

Dies ist die Ausgangslage der furiosen Abenteuergeschichte ‚Desperados der Freiheit‘, in der McBain mit atemberaubenden Actionszenen, schnellen Perspektivenwechseln und kurz eingeschobenen Rückblenden das Tempo hochhält. Die deutsche Version lässt hier indes zu wünschen übrig – an Uwe Antons Ed McBain-Übersetzungen kommt sie bei weitem nicht heran.

Frank Göhre & Alf Mayer: ‚Cops in the City – Ed McBain und das 87. Polizeirevier‘, 2015

Thomas Wörtches Vorwort mit Sätzen wie „Das Kaleidoskopische, Pointillistische, nicht strikt Diskursive der Methode Göhre/Mayer hat zudem den Vorteil, Abschweifungen, Rhythmus und Wechsel der Perspektive und damit den ganzen komplexen Gegenstandsbereich „Ed McBain“ in Bewegung zu halten und daraus helle Erkenntnisfunken zu schlagen“ kann man getrost überspringen.

Was auf knapp dreihundert Seiten folgt, besteht aus einer riesigen Fülle an Material über den Autor, seine Polizeirevier-Cops und das soziale Gefüge der „Big Bad City“, das die Autoren kenntnisreich und höchst unterhaltsam präsentieren. Darüber hinaus kommen McBains Bewunderer Lawrence Block, Max Allan Collins und Stephen King sowie der geniale japanische Filmregisseur Akira Kurosawa zu Wort. Pflichtlektüre für jeden Ed McBain-Fan!

Verfilmungen

Richard Brooks brachte 1955 den Standalone ‚Blackboard Jungle‘ mit Glen Ford und Sidney Poitier als Hauptdarsteller auf die Leinwand.

Im Jahr 1963 drehte Akira Kurosawa mit ‚High and Low‘ eine japanische Version des 87th Precinct-Krimis ‚King’s Ransom‘.

Philippe Labros 1971 erstaufgeführte Adaption von ‚Ten Plus One‘ trägt den Titel ‚Without Apparent Motive‘ und spielt in Nizza mit Jean-Louis Trintignant als Steve Carella.

Donald Sutherland verkörpert Carella in Chabrols gelungener Verfilmung des Romans ‚Blood Relatives‘, der Streifen kam 1978 in die Kinos.

‚Lightning‘ wurde 1995 durch Bruce Paltrown für das US-Fernsehen mit dem Titel ‚Ed McBain’s 87th Precinct‘ verfilmt. Randy Quaid spielte die Hauptrolle.

Zwei Folgen der Inspektor Columbo-Serie mit Peter Falk als Carella basieren auf Kurzgeschichten von Ed McBain.

https://krimiautorena-z.blog/2017/02/03/mcbain-ed/