(*1968)
Geboren in Belfast als viertes von fünf Kindern, aufgewachsen in der nordirischen (nördlich von Belfast gelegenen) Küstenstadt Carrickfergus, studierte Adrian McKinty Jura an der University of Warwick und Politik und Philosophie an der University of Oxford, Abschluss 1993. Anschliessend zog es ihn nach New York City, wo er unter anderem als Barkeeper, Rugbycoach und Buchhändler arbeitete, während seine Frau in Israel studierte. 2000 ging er nach Denver, Colorado, und unterrichtete Englisch an einer Highschool. Nebenbei schrieb er Kurzgeschichten und Krimis. 2008 liess er sich mit seiner Familie in Melbourne nieder, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Als er davon nicht mehr leben konnte, verdiente er sich seine Brötchen als Bartender, Fahrradkurier und Uber-Fahrer, bis ihn Don Winslows Agent, der Drehbuchautor Shane Salerno, dazu brachte, es mit einem Thriller zu versuchen. Der haarsträubende Mega-Bestseller ‚The Chain‘ ermöglichte ihm dann das Fortsetzen seiner Karriere als Krimiautor. Heute lebt McKinty – stolzer Besitzer von Tausenden Vinyl-Alben – mit seiner Frau, der Autorin Leah Garrett, und den beiden gemeinsamen Töchtern wieder in New York City.
Den Kern seines Werks bildet die ursprünglich als Trilogie gedachte Reihe um Sean Duffy, Detective der Royal Ulster Constabulatory (RUC) – der einzige katholische Bulle in ganz Nordirland. Sie besteht aus acht brillanten, in sich geschlossenen, von lebensechten Charakteren getragenen Romanen, in denen McKinty Zeitgeschichte, namentlich die „Troubles“ (Euphemismus für den Krieg zwischen den protestantischen Monarchisten/Unionisten/Loyalisten und den katholischen Rebellen/Nationalisten/Republikanern), mit Kriminalfällen verknüpft. Die Originaltitel sind fast durchgängig von Songzeilen des Musikers Tom Waits entlehnt. Duffy ist ein unbeugsamer, scharfsinniger Ermittler mit einem Abschluss in Psychologie, unfehlbaren Instinkten und einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit; ein leidenschaftlicher Whisky- und Wodka-Gimlet-Trinker, Liebhaber von Rock, Blues, Jazz, klassischer Musik und anspruchsvoller Literatur. Gelegentlich dreht er sich einen Joint oder zieht eine Linie Koks. Tag für Tag schaut er unter seinem BMW nach einem Sprengsatz mit Quecksilberzünder, findet keinen und fährt los. Sein langjähriger Partner und guter Freund ist der gleichaltrige Detective Sergeant John „Crabbie“ McCrabban, seit kurzem Vater von Zwillingen – auch er ein ausgefuchster, aus hartem Holz geschnitzter Bursche. Die Romane sind prall gefüllt mit sarkastischen Sprüchen, kleinen Geschichten, alltäglichen Szenen, popkulturellen Verweisen, Running Gags, lakonischen Dialogen und Selbstgesprächen. Hin und wieder wendet sich Duffy direkt an den Leser.
‚Der katholische Bulle“ spielt im Frühsommer 1981 kurz nach dem Tod des charismatischen IRA-Anführers Bobby Sands am 66. Tag seines Hungerstreiks, der dazu führte, dass die katholischen Paramilitärs der nordirischen Polizei den Krieg erklärten. Detective Duffy, vor ein paar Wochen in den Belfaster Vorort Carrickfergus versetzt und zum Sergeanten befördert, ermittelt einen Fall, in dem jemand zwei schwule Männer geschändet und ermordet hat: steckt ein Serienkiller dahinter? (homosexuelle Handlungen waren damals in Nordirland strafbar.) Doch dann entpuppt sich eines der Opfer als führender IRA-Funktionär, womit ein politisches Motiv in den Vordergrund rückt.
‚Die Sirenen von Belfast‘: Im Frühjahr 1982, als viele britische Sicherheitskräfte in den Falklandkrieg abgezogen wurden, finden Duffy und Crabbie auf einem verlassenen Fabrikgelände in einem Koffer einen tiefgekühlten männlichen Torso. Die forensische Untersuchung ergibt eine Vergiftung mit einer exotischen Pflanze als Todesursache, was einen Zusammenhang mit den Troubles weitgehend ausschliesst. Die Detectives stellen fest, dass der Torso zu Bill O’Rourke, einem Agenten des amerikanischen Finanzamtes, gehört. Und dass der Besitzer des Koffers vor einigen Monaten erschossen worden war. Duffy vermutet eine Verbindung zwischen den Morden. Er reist auf eigene Faust in die USA, wo er dem steinreichen Autofabrikanten John DeLorean und den amerikanischen Behörden in die Quere kommt – und einen Mordanschlag nur mit viel Glück überlebt.
‚Die verlorenen Schwestern‘ ist eine atemberaubende Mischung aus Locked-Room-Mystery und Politthriller. Der Bombenanschlag der IRA auf die britische Premierministerin Margaret Thatcher vom 12. Oktober 1984 bildet den Hintergrund. Am 25. September 1983 gelang 38 IRA-Terroristen der Ausbruch aus dem nordirischen Hochsicherheitsknast Maze Prison. Unter ihnen der (fiktionale) Bombenspezialist Dermot McCann, der sich dann nach Libyen absetzen konnte. Im Auftrag von Special Branch soll Duffy den Flüchtigen, mit dem er in der Schulzeit befreundet war, aufspüren und aus dem Verkehr ziehen – dem Anschein nach ein aussichtsloses Unterfangen. Doch jetzt kommt Dermot McCanns Ex-Schwiegermutter Mary ins Spiel, denn sie ist die einzige Person, die über McCanns Pläne Bescheid weiss. Und sie ist bereit, Duffy zu helfen, falls er das Rätsel um den Tod ihrer Tochter auflöst, deren Leiche man vier Jahre zuvor in einem von innen verriegelten Pub gefunden hat. Der Fall wurde damals als Unfall deklariert, doch für Mary war es Mord.
‚Gun Street Girl‘, angesiedelt im Herbst 1985, der Zeit der Iran-Contra-Affäre und des Anglo-Irischen Abkommens, beginnt mit der Ermordung des wohlhabenden Ehepaars Kelly. Saubere Schüsse in Schläfe und Herz mit einer Neun-Millimeter-Halbautomatik – die Handschrift eines Auftragskillers. Am nächsten Tag findet man die Leiche ihres Sohnes Michael im Meer. Scheinbar hat er in einem Abschiedsbrief die Tat gestanden und sich dann von einer Klippe gestürzt. Doch Duffy spürt, dass etwas faul ist. Ein paar Tage später kommt Michaels Freundin Sylvie gewaltsam ums Leben: ein Mord, der wie ein Selbstmord aussehen soll? Duffy zweifelt nun nicht mehr daran, dass er einer grossen Sache auf der Spur ist. Bei seinen Nachforschungen stösst er auf den Diebstahl von Raketensystemen aus einer nordirischen Rüstungsfabrik, in den offensichtlich höchste US-amerikanische Behörden verwickelt sind.
Im Februar 1987, in ‚Rain Dogs‘, wartet noch einmal ein Locked-Room-Mistery auf Duffy und Crabbie, der neu dazugestossene Rookie Lawson komplettiert das Team. Die junge Financial Times-Reporterin Lily Bigelow ist im Carrickfergus Castle zu Tode gestürzt. Niemand ausser ihr befand sich in der verriegelten und verrammelten Burg. Alles spricht für Suizid, selbst wenn kein Abschiedsbrief gefunden wird. Dass ihr Notizbuch fehlt und sich der linke Schuh am rechten Fuss befindet, macht Duffy jedoch stutzig. Er verbeisst sich in den Fall und findet heraus, dass die Journalistin vor ihrem Tod einem Pädophilen-Ring im Umfeld der Jugendstrafanstalt Kinkaid auf der Spur war.
‚Dirty Cops‘ spielt im Jahr 1988. Ein vorbestrafter Drogendealer ist mit einer Armbrust erschossen worden. Keine Augenzeugen, keine Spuren. Bereits ein paar Nächte zuvor war ein Dealer mit derselben Waffe angeschossen worden. Er überlebte, aber reden will er nicht. Das Gesetz des Schweigens, denn die Belfaster Drogenszene wird durch paramilitärische Unionisten beherrscht. Duffy und Crabbie kommen mit ihren Ermittlungen nicht recht voran – bis sich die Ereignisse überschlagen.
31. Dezember 1989: „In einem Jahr würde ich vierzig sein, doch in Nordirland sind vierzig wie andernorts fünfzig, vierzig und nordirischer Polizist wie sechzig. Ich war ausserdem katholischer Polizist, rechnen Sie sich das mal selbst aus“, denn ein katholischer Polizist in Nordirland ist „der niedrigste Abschaum, noch schlimmer als ein Spitzel“ – „die niedrigste Lebensform auf Erden“. Dies ist Duffys trübe Bilanz auf den ersten Seiten des siebten Bandes ‚Cold Water‘. Die letzten vier Jahre vor der endgültigen Pensionierung arbeitet er noch tageweise bei der Polizei, damit er in den Genuss einer vollen Rente kommen wird. Die Freizeit verbringt er bis dahin mit Frau und Kind am neuen Wohnsitz in der schottischen Küstenstadt Portpatrick. Sein aktueller Fall betrifft das Verschwinden der klugen, frühreifen Kat McAtamney, einer 15-jährigen Angehörigen der fahrenden Volksgruppe, genannt „Tinker“, am Silvester 1989. Sie war mit gefälschten Papieren in ihrem Auto unterwegs. Das Auto wird wenig später aus einem See geborgen, vom Mädchen jedoch keine Spur – ihre Leiche wurde vermutlich in den Ozean getrieben. Der Verdacht fällt auf drei ältere Männer, die mit Kat eine Art Affäre hatten. Als Duffy sie sich der Reihe nach vorknöpft, wird auf ihn geschossen. Dann trifft die Meldung ein, dass die Vermisste sich in einem besetzten Gebäude befindet, doch es ist eine Falle, die Duffy und seinen Kollegen fast das Leben kostet. Dies lässt darauf schliessen, dass Typen von Special Branch und vom MI5 mit im Spiel sind. Hakenschlagend führt McKinty die Erzählung einem unerwarteten Ende zu.
Im achten Band ‚Alter Hund, neue Tricks‘ sind Duffys Dienste noch einmal gefragt, als ein kürzlich unter falschem Namen zugezogener Landschaftsmaler mit einer abgesägten Schrottflinte erschossen wird: Bauchschuss und Kopfschuss – typisches Vorgehen der IRA. Als Duffy dann im Wohnwagen des Toten auf eine Liste mit Namen von hochrangigen heutigen und früheren IRA-Männern stösst, stellt sich die Frage: Was auf aller Welt ist innerhalb der IRA los? Steht eine „Nacht der langen Messer“ unmittelbar bevor?
Duffys Kommentare zu den Troubles:
In Irland mussten alle Spielzeugwaffen orange sein, damit die Kleinen nicht von Soldaten oder Polizisten auf Streife erschossen wurden.
Ich war der Einzige, der sich ein Stück weit mit Serienmördern auskannte, also vermittelte ich ihnen (seinen Kollegen) das Basiswissen – Kindheitstrauma, Zeuge von Gewalt, Ausgrenzung, Haftstrafen als Jugendlicher oder Erwachsener -, aber das traf unglücklicherweise auf die halbe Bevölkerung von Belfast zu.
Seine Replik auf die Feststellung eines Vorgesetzten, in Nordirland habe es noch nie einen Serienkiller gegeben: Nein, bislang hat jeder, der so tickt, es geschafft, sich einer der beiden Seiten anzuschliessen. Nach Herzenslust foltern und morden, aber für „die Sache“.
Hast du jemals vom Belfaster Sixpack gehört? Kugeln in den Knöcheln, Kniescheiben und Ellbogen.
In Ulster reicht immer alles weiter, als man sich das jemals vorstellen konnte.
Für uns sind die Achtziger Helikopter, tiefhängende Wolken, Soldaten, verwirbelnde Aschewolken über der grossen, grauen, sterbenden Stadt.
McKinty über die Bedeutung der irischstämmigen Amerikaner während den Troubles: „Irish Americans in the Troubles played just about the same role that Americans played in Vietnam or in Iraq or in Afghanistan. With limited knowledge of the situation on the ground they blundered in and tried to make things better and in most cases made things a lot worse.“
McKintys Frühwerk umfasst die Michael Forsythe-Trilogie, die nicht ins Deutsche übersetzte Lighthouse-Trilogie und einige Standalones.
Belfast, 1992, die Troubles sind immer noch in vollem Gang. Michael Forsythe aufgewachsen in Belfast, ist ein kaltschnäuziger, schlitzohriger, überraschend diszplinierter und gebildeter, von moralischen Bedenken weitgehend freier Überlebenskünstler mit versteckter romantischer Seite. Nach dem Militärdienst verlässt er mit neunzehn seine Heimat, um im Big Apple seine Träume zu verwirklichem. Als illegaler Immigrant findet er Unterschlupf in Darkey Whites mächtiger irischer Organisation und bewährt sich schnell als Mann fürs Grobe. Forsythe ist auf gutem Weg, bis er den unverzeihlichen Fehler begeht, sich auf ein Verhältnis mit Darkeys Flamme Bridget einzulassen, worauf dieser ihm in Mexiko eine tödliche Falle stellt. Doch Forsythe überlebt mit knapper Not. Mit einem Fuss weniger, nach einer wahren Odysse, kehrt er zurück nach New York City – nichts als gnadenlose Rache im Sinn. ‚Der sichere Tod‘ ist ein fulminanter Mix aus Abenteuer- und Gangsterroman mit einem Antihelden, dem man trotz seiner psychopathischen Züge ein glimpfliches Entkommen aus dem Alptraum wünscht.
Der zweite Teil der Michael Forsythe-Trilogie, ‚Der schnelle Tod‘, spielt fünf Jahre später, im Sommer 1997. Nach dem Gemetzel in New York mit weitgehender Vernichtung von Darkeys Imperium befindet sich Michael Forsythe in einem Zeugenschutzprogramm des FBI, als er während eines Urlaubs auf Teneriffa in eine Auseinandersetzung zwischen Hooligans verwickelt wird und im Gefängnis landet. Um nicht jahrelang im Knast zu schmoren, lässt er sich auf einen Deal mit dem britischen Geheimdienst ein: Er soll die fanatische, in Boston ansässige IRA-Splittergruppe „Söhne des Cuchulainn“ unterwandern und verhindern, dass diese den Waffenstillstand zwischen IRA und Grossbritannien torpediert. Der Einstieg zu den „Söhnen“ gelingt ihm spielend, doch dann wird seine Kontaktperson zum Geheimdienst, die todesmutige Agentin Samantha, auf grausamste Art gefoltert und ermordet, und Forsythe ist jetzt nicht mehr aufzuhalten. Die finale Abrechnung ist nichts für schwache Nerven.
Der Standalone ‚Ein letzter Job‘, ein harter, rasanter, aus wechselnden Perspektiven erzählter Gangsterroman, bringt ein kurzes Wiedersehen mit Michael Forsythe, der sich mit seiner Frau Bridget in New York ein kriminelles Imperium aufgebaut hat. Die Hauptrolle gehört jedoch dem Patee (der Begriff steht für ein Mitglied des fahrenden Volks irischen Ursprungs) Killian, einem sympathischen, charakterfesten Burschen, der Michael von klein auf kennt. Killian hatte mit sechzehn schon fünfzig Autos geklaut, war Fahrer bei einem Postüberfall gewesen und konnte weder lesen noch schreiben. Als er zwanzig war, nahm ihn der Ire Sean unter seine Fittiche, versorgte ihn mit einer soliden Bildung und wurde ihm eine Art Ersatzvater bei seiner Arbeit als „Mann der Diplomatie“, als „Talleyrand der Tinker“ in der irischen Unterwelt, als Spezialist darin, Menschen zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Killian ist ein versierter Zuhörer und Verhandler, ist sich jedoch nicht zu schade, einem Gegner wenn nötig die Kniescheibe zu zertrümmern. Jetzt ist er vierzig und möchte nach Abschluss seines Architekturstudiums ein bürgerliches Leben beginnen. Ein letzter Job soll ihm das nötige Startkapital einbringen. Dick Coutler, Fluglinien-Besitzer mit besten politischen Verbindungen, bietet ihm eine halbe Million Pfund, wenn er seine drogenabhängige Ex-Frau, die vor fünf Wochen mit seinen beiden Töchtern verschwunden ist, aufspürt. Als Killian merkt, dass ein russischer Auftragskiller ihm auf den Fersen ist, schwant ihm, dass weit mehr hinter dem Auftrag steckt als Coulters Angst um die Kinder.
Bibliografie:
Michael Forsythe-Trilogie (The Dead Trilogy):
Dead I May Well Be‘ – ‚Der sichere Tod‘ (2003), ‚The Dead Yard‘ – ‚Der schnelle Tod‘ (2006), ‚The Bloomsday Dead‘ – ‚Todestag‘ (2007);
Lighthouse-Trilogie:
‚The Lighthouse Land‘ (2006), ‚The Lighthouse War‘ (2007), ‚The Lighthouse Keepers‘ (2007);
Sean Duffy-Serie:
‚The Cold Cold Ground‘ – ‚Der katholische Bulle‘ (2012), ‚The Sirens in the Street‘ – ‚Die Sirenen von Belfast‘ (2013), ‚In The Morning I’ll Be Gone‘ – ‚Die verlorenen Schwestern‘ (2014), ‚Gun Street Girl‘ – ‚Gun Street Girl‘ (2015), ‚Rain Dogs‘ – ‚Rain Dogs‘ (2016), ‚Police at the Station and They Don’t Look Friendly‘ – ‚Dirty Cops‘ (2017), ‚The Detective Up Late‘ – ‚Cold Water‘ (2018), ‚Hang On St. Christopher‘ – ‚Alter Hund, neue Tricks‘ (2020);
Einzelwerke:
‚Orange Rhymes With Everything‘ (1997), ‚Hidden River‘ (2005), ‚Fifty Grand‘ (2009), ‚Falling Glass‘ – ‚Ein letzter Job‘ (2011), ‚Deviant‘ (2011), ‚The Son is God‘ (2014), ‚The Chain‘ – ‚The Chain‘ (2019), ‚The Island Orion‘ (2022).