(1944-2003, schrieb auch als Donald Lancaster)

William Leonard Marshall, geboren in Sydney, ausgebildet an der Australian National University in der australischen Hauptstadt Canberra, lebte Ende der 60er-Jahre in Hongkong, wo er heiratete – und sich für seine Yellowthread Street-Romane inspirieren liess. Nach längeren Aufenthalten auf den Philippinen, in der Schweiz, Australien und Irland verbrachte er die späten 80er- und einen grossen Teil der 90er-Jahre in den USA, New York City, Los Angeles und Philadelphia waren seine wichtigsten Stationen. Ende der 90er-Jahre kehrte er mit seiner Frau Mary und der gemeinsamen Tochter nach Australien, in die Gegend von Brisbane, zurück. Das britische Verlagshaus Farrago, das von 2016 bis 2018 sämtliche Bände der Yellowthread Street-Serie herausgegeben hat, liess verlauten, dass der Autor (unbemerkt von der Öffentlichkeit) im Jahr 2003 verstorben ist.

Marshall arbeitete unter anderem als Journalist, Lehrer, Korrekturleser, Bühnenautor und in einem Beerdigungsinstitut. Geprägt durch Ed McBains 87th Precinct-Serie veröffentlichte er von 1975 bis 1998 die sechzehnteilige in Hongkong anbesiedelte Yellowthread Street-Serie, als die Metropole noch in britischer Hand war. Auf ihr basiert die in dreizehn Folgen im Jahr 1990 ausgestrahlte Fernsehserie ‚Yellowthread Street‘.

Als Hauptakteure figurieren der kluge Detective Chief Inspector Harry Feiffer, ein Europäer, der in Hongkong aufwuchs und mit der reizenden Nicola glücklich verheiratet ist, seine rechte Hand Senior Inspector Christopher O’Yee – halb Ire, halb Chinese – und das nicht besonders helle Inspektoren-Gespann Bill Spencer und Phil Auden. Sie sind Kriminalbeamte des Yellowthread Street-Reviers im fiktionalen Hong Bay District von Hongkong („Hong Bay befindet sich an der Südspitze der Insel, und in den Touristenführern steht, dass es nicht ratsam ist, diese Gegend nach Einbruch der Dunkelheit zu betreten“ – Zitat William Marshall) und müssen viel Unbill erdulden bei ihrer Arbeit für die Royal Hong Kong Police: Bombenkrachen, einen Tierschlächter, kreischende Wände im Polizeirevier, Grossindustrielle, die sich selbst die Augäpfel ausreissen, mordende Riesentiere, einen Angriff von „untoten“ japanischen Soldaten gar. Marshall erzählt seine raffiniert gebauten, an Slapstick- und Horrorszenen reichen Geschichten mit raschen Perspektivenwechseln und einem gerüttelt Mass rabenschwarzen Humors.

Als Einstieg empfiehlt sich ‚Kino-Killer‘, der zweite Band der Reihe. er handelt von einem Mörder, der in verschiedenen Kinos zu einem ihm geeignet scheinenden Zeitpunkt – etwa während einer spektakulären Actionszene – einen zufällig ausgewählten Mann von hinten durch Kopfschuss mit einer vierschüssigen Deringer abserviert. Ein Fall also, wie ihn die Cops am meisten hassen: Kein Motiv, keine brauchbare Fährte, kein Zeuge, keine erkennbare Verbindung zwischen den Opfern – sie wissen einzig, dass der Mörder um die fünfzig ist, und dass seine Jackentaschen mit Zehncentstücken gefüllt sind. Als Feiffers Truppe die Kinos zu überwachen beginnt, erweitert er sein Tätigungsfeld und schlägt in einem Auktionshaus zu. Dann aber, als der Kino-Killer, dessen Leben dem Leser in kurzen Einschüben kundgetan wird, einem Eisenbahnpolizisten das Licht ausbläst, kommen die geplagten, übermüdeten, immer wieder über nutzlosen Zeugenaussagen brütenden Cops dem Rätsel doch noch auf die Spur.

Von Marshalls weiteren acht Romanen, die in New York, Shanghai oder auf den Philippinen spielen, ist einzig ‚Manila Bay‘ ins Deutsche übersetzt worden, ein Feuerwerk aus skurrilem Witz und alptraumhaften Szenen. Drei scheinbar unabhängig voneinander in der philippinischen Hauptstadt Manila operierende Polizisten (sowie der legendäre einbeinige Kampfhahn Battling Mendez) stehen im Brennpunkt des Geschehens: Lieutenant Felix Elizalde, der einer Mordserie in der Hahnenkampfszene auf den Grund geht; Detective Sergeant Babtiste Bontoc, Nachfahre von Angehörigen eines Kopfjägerstammes, der verdeckt in einem Dinosaurierpark arbeitet; und Detective Jesus-Vincente Ambrosio, auf der Jagd nach einem Dieb, der selbst gebastelte Stinkbomben in Taxis wirft, um reiche Touristen auszurauben. Und ganz am Schluss erst fügt sich alles wundersam zusammen.

Bibliografie:

Yellowthread Street-Serie: ‚Yellowthread Street‘ (1975), ‚The Hatchet Man‘ – ‚Der Kino-Killer‘ (1976), ‚Gelignite‘ – ‚Bombengrüsse aus Hongkong‘ (1976), ‚Thin Air‘ – ‚Dünne Luft‘ (1977), ‚Skulduggery‘ – ‚Das Skelett auf dem Floss‘ (1979), ‚Perfect End‘ – ‚Die Katze frisst den Schmetterling‘ (1981), ‚Sci Fi‘ – ‚Feuerkiller‘ (1981), ‚War Machine‘ – ‚Die Ehre der Kämpfer‘ (1982), ‚The Far Away Man‘ (1984), ‚Roadshow‘ – ‚Hongkong Roadshow‘ (1985), ‚Head First‘ – ‚Postlagernd Jenseits‘ (1986), ‚Frogmouth‘ – ‚Froschmaul‘ (1987), ‚Out of Nowhere‘ (1988), ‚Inches‘ – ‚Last Exit: Hongkong‘ (1994), ‚Nightmare Syndrome‘ – ‚Hongkongcrash‘ (1997), ‚To the End‘ (1998);

Manila Bay-Romane: ‚Manila Bay‘ – ‚Manila Bay‘ (1986), ‚Whisper‘ (1988);

New York Detective-Romane: ‚The New York Detective‘ (1989), ‚Faces in the Crowd‘ (1991);

Twentieth Century-Romane: ‚The Age of Death‘ (1970), ‚The Middle Kingdom‘ (1971);

Einzelwerke: ‚The Age of Death‘ (1969), ‚Shanghai‘ (1971).

Als Donald Lancaster: ‚The Sandbaggers‘ (1980).