(*1935)

Alan Williams kam als Sohn des Autors und Schauspielers Emlyn Williams und der Schauspielerin Molly Shan im United Kingdom zur Welt, sein verstorbener jüngerer Bruder Brook war ebenfalls Schauspieler. Seine Ausbildung in Stowe (Buckinghamshire), Grenoble und Heidelberg schloss er 1957 am King’s College, Cambridge, mit einem Bachelor in modernen Sprachen ab.

Neben und nach seiner Ausbildung führte er ein wildes, gefährliches Leben. 1956 nahm er am Ungarn-Aufstand teil, danach bereiste er maskiert die DDR und schmuggelte mit Freunden einen polnischen Studenten in den Westen, bevor er in München für den hauptsächlich von der CIA finanzierten Sender ‚Radio Free Europe‘ arbeitete – ein einflussreiches Instrument während des Kalten Kriegs. Zurück in England, setzte er seine journalistische Laufbahn bei der ‚Western Mail‘ und ‚The Guardian‘ fort.

In den 60er-Jahren berichtete er als Auslandskorrespondent für den ‚Daily Express‘ aus allen möglichen Krisenregionen – Algerien, Sowjetunion, Tschechoslowakei, Vietnam, Rhodesien, Ulster, Zypern, Israel und Mozambique. Dies bescherte ihm nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch brisanten Stoff für seine Romane. Als er in Algerien der Spionage verdächtigt wurde, musste er bei Nacht und Nebel aus dem Land gebracht werden. 1967 schmuggelte er Solschenizyns in der UdSSR verbotenes Manuskript ‚Krebsstation‘ nach England.

Alan Williams, ein starker Trinker und charmanter Frauenheld, war dreimal verheiratet. Seiner Ehe mit Antonia Simpson entsprangen zwei Kinder, Owen und Laura, jener mit der Literaturagentin Maggie Noach eine weitere Tochter namens Sophie. Laut seinen Nachkommen lebt er einsam und krank in einer kleinen Wohnung in London.

Williams debütierte 1962, während seiner Zeit als Auslandskorrespondent, als Autor. Bis 1981 folgten zehn weitere Romane, mit Ausnahme der fulminanten Abenteuergeschichte ‚Schlangenbrut‘ ausschliesslich Politthriller. Der Schauspieler, Schriftsteller, Komponist und Geheimagent Noel Coward sagte über seinen Patensohn: „He is an authentic writer. Theres is, as with all his generation, too much emphasis on sex, squalor and torture and horror, but it’s graphically and imaginatively written“. 1986 veröffentlichte Williams mit Maggie Noach ‚The Dictionary of Disgusting Facts‘, 1992 gab er die Sammlung ‚The Headline Book of Spy Fiction‘ heraus, danach war Schluss.

In Williams‘ Erstling ‚Zur Hölle mit Leila‘ bildet der Algerienkrieg den Hintergrund. Rupert Quinn, ein junger, von seinem Beruf gelangweilter, nicht besonders charakterfester Journalist aus Nordengland, sucht in Marokko die Sonne und das Abenteuer. Er erhält einen Job bei einer Reiseagentur, zunächst ohne zu wissen, dass diese nicht nur Touristen, sondern in erster Linie auch Waffen für die algerische Befreiungsfront FLN transportiert, beginnt eine intensive Liebesbeziehung mit der schönen algerisch-stämmigen Französin Leila Soissons, einer Verbindungsoffizierin der FLN – und wird dann in den von Terrorakten und Folter geprägten Bürgerkrieg verwickelt. Das traurige Finale spielt sich am Kraterrand des Ätna auf Sizilien ab.

‚Schlangenbrut‘ ist in einem namenlosen südamerikanischen Staat angesiedelt. Eine zusammengewürfeltes Gruppe, bestehend aus dem jungen Briten Ben Morris, der seine heiss geliebte Frau vor vier Monaten bei einem Autounfall verloren hat, und hofft, hier auf andere Gedanken zu kommen oder allenfalls zu sterben, dem amoralischen und versoffenen südafrikanischen Pilot Reyderbeit, der mysteriösen Engländerin Melanie MacDougall und dem psychopathischen Deutschen Hitzi Leiter machen Jagd auf Rohdiamanten im Wert von einer Million Dollar, die an den Ufern eines vulkanischen Flusses rumliegen sollen. Die unüberwindlich scheinenden Hindernisse sind ein 3000 Meter hoher Vulkangebirgszug, eine vierzig Meilen lange, extrem heisse Wüste, ein steiles Felsmassiv, die durch Moskitos, Giftschlangen und fleischfressende Krabben verseuchten Magrovensümpfe des Landes der äusserst fremdenfeindlichen Xatu-Indianer und eine Verbrecherbande, die in einem Helikopter hinter den Steinen her sind.

Neil Ingleby, ein angesehener, ausgebrannter Londoner Journalist, spielt die Hauptrolle in Williams‘ herausragendem Thriller ‚Blutiger Sand‘ (im Original „Barbouze“ – der Begriff steht für „falscher Bart“ und ist eine abschätzige Bezeichnung für terroristisch agierende Undercover-Spione). Er bezieht drei Monate Urlaub, um zu reisen, vielleicht ein Buch zu schreiben, vor allem aber, um sich wieder einmal lebendig zu fühlen, hat jedoch bestimmt nicht damit gerechnet, in einem nordafrikanischen Protektorat Frankreichs (gemeint ist Algerien), dem die französische Regierung die Unabhängigkeit zurückgeben will, in einen schmutzigen Dreifrontenkrieg zwischen abtrünnigen französischen Militärs (die Geheimarmee OAS, eine rechtsradial-nationalistische Organisation), die dies um jeden Preis verhindern wollen, der Nationalen Befreiungsfront FLN und den regierungstreuen französischen „Barbouzes“ verwickelt zu werden – und in eine selbstmörderische Vermittlerrolle gedrängt wird. Der gefährlichste „falsche Bart“ ist der Franzose Charles Pol, ein fetter Ränkeschmied – Mischung aus Spion und Schurke -, den Williams in sechs Romanen auftreten lässt, jedoch nie als Hauptperson, sondern als genialer Manipulator, der im Hintergrund die Fäden zieht.

Der irische Journalist, Fotograf und Autor Murray Wilde, der aus ‚Schlangenbrut‘ bekannte Desperado Ryderbeit, der geniale schwarze Navigator „Wunderknabe Jones“, die attraktive, mit einem widerwärtigen CIA-Agenten verheiratete Algerierin Jacqueline Conquest und Charles Pol als Drahtzieher schliessen sich in Williams‘ fünftem, 1969 in Vietnam, Laos und Kambdscha spielendem Krimi ‚Die Milliardenfalle‘ zusammen, um der US-Army Finanzreserven im Wert von anderthalb Milliarden Dollar abzuluchsen. Der Plan ist genial, die Durchführung lange Zeit auch – doch zuletzt legt Pol sie alle rein.

Auch in ‚Konjunktur für Killer‘ steht eine typische Alan Williams-Figur im Brennpunkt des Geschehens: Der umstrittene Londoner Journalist und Autor Magnus Owen, der aus dem zypriotischen Bürgerkrieg mit schweren Verletzungen zurückgekehrt ist, kürzlich von seiner Frau verlassen wurde und seinen Kummer jetzt im Schnaps ertränkt. Und auch hier gibt es einen Bösewicht, diesmal nicht Charles Pol, sondern Oberst John Cane, sowie eine „femme fatale“ – Canes Widersacherin Maya. Cane, Verfasser des Buchs ‚England am Abgrund‘, ist einer der Führer der fanatischen, erzreaktionären Vereinigung „Fraternitas“ (im Orginal: Die titelgebende „Brotherhood“), die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Gift des Liberalismus mit allen Mitteln auszurotten. Magnus Owen – auch er bis anhin kein Anhänger fortschrittlicher Strömungen – soll sie dabei unterstützen. Doch dann tritt eine oppositionelle polnische Organisation auf den Plan, angeführt von dem Geheimagenten George Novak und der charismatischen Schönheit Maya. Gelingt es ihnen, den mit seinem Schicksal hadernden Journalisten auf ihre Seite zu ziehen? Die furios endende Geschichte spielt in London, Island und Warschau.

Bibliografie

‚Long Run South‘ – ‚Zur Hölle mit Leila‘, 1962, ‚Barbouze‘ (auch unter dem Titel ‚The False Beard‘) – ‚Blutiger Sand‘, 1964, ‚Snake Water‘ – ‚Schlangenbrut‘ (1966), ‚The Brotherhood‘ (auch unter dem Titel ‚The Prurity League‘ – ‚Konjunktur der Killer‘ (1969), ‚The Day of the Lazy Fog‘ – ‚Die Milliardenfalle‘ (1971), ‚The Beria Papers‘ (1973), ‚Gentleman Traitor‘ (1975), ‚Shah-Mak (auch unter dem Titel ‚A Bullet for the Shah‘, 1976), ‚The Widow’s War‘ (1978), ‚Dead Secret‘ (1980), ‚Holy of Holies‘ (1981).

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