(*1923)

David D. Osborn wurde als Sohn begüterter Eltern in New York City geboren. Unmittelbar nach der Schulzeit, die er in New Mexico verbrachte, liess er sich bei der US-Army zum Piloten ausbilden. Im Zweiten Weltkrieg kam er im Südpazifik zum Einsatz. Nach dem Krieg absolvierte er ein Studium an der Columbia University, das er sich mit PR-Arbeiten für Off Broadway-Theater verdiente. 1951 wurde er Leiter der Presseabteilung einer Werbefilm-Produktionsfirma. Vier Jahre später geriet er wegen „antiamerikanischen Aktivitäten“ ins Visier des McCarthy-Ausschusses. Er emigrierte deshalb nach Frankreich, in das Provence-Städtchen Le Bar-sur-Loup, arbeitete dort tagsüber in einem Steinbruch – und schrieb nachts erfolgreich Drehbücher für britische Film- und Fernsehproduktionen. Es folgte eine Zeit in London und Paris mit verschiedenen Tätigkeiten in der Filmindustrie. Anfang der 70er-Jahre liess er sich in einem kleinen Alpendorf in der französischen Schweiz nieder, wo er zwölf Jahre zurückgezogen lebte und sich vor allem dem Schreiben widmete. Seit längerer Zeit in Connecticut ansässig, bringt er auch heute noch, mit fast hundert Jahren, einen Roman nach dem andern zu Papier, zuletzt ‚Cold Case 369‘ im September 2022.

Osborns belletristisches Werk enthält fünf für Bücher für Kinder und Jugendliche sowie vierzehn Spannungsromane für Erwachsene: elf Einzelwerke und den leichtfüssigen Dreiteiler um die freischaffende Fotojournalistin und Gelegenheitsdetektivin Margaret Barlow aus New York City, eine beherzte, athletische, jung gebliebene Witwe Ende fünfzig, die sich in ihrer Freizeit am liebsten dem Drachenfliegen hingibt.

‚Jagdzeit‘, Osborns bekanntester, 1975 durch Peter Collinson verfilmter Roman mit Peter Fonda in der Haupt- und William Holden in einer Nebenrolle, ist eine aufwühlende, schockierende, tieftraurige Studie über die dunkelsten Seiten der Spezies Mensch – nichts für schwache Nerven. Die drei wohlhabenden, einem angesehenen, gutbürgerlichen Elternhaus entstammenden, seit ihrer Collegezeit unzertrennlichen (bzw. durch ein gemeinsam begangenes, im Prolog geschildertes Verbrechen aneinander gefesselten) amerikanischen Geschäftsmänner und Familienväter Ken, Greg und Art verabschieden sich wie jedes Jahr von ihren Familien, um in den abgelegenen Wäldern von Michigan zwei Wochen lang die Sau rauszulassen: Saufen, Ficken, Schiessen, Quälen, Töten. Sie entführen Liebespärchen (diesmal sind es Nancy und Martin, beide verheiratet, aber nicht miteinander), demütigen und misshandeln sie, bis sie sie schliesslich zum Abschuss freigeben; Treibjagd als vergnügliches Spiel, als „guter, sauberer, typisch amerikanischer Grosse-Jungs-Spass“, eine verdiente Ablenkung vom harten Berufsalltag. Doch dieses Jahr läuft’s nicht wie gewohnt: die Jäger werden von ihrer Vergangenheit eingeholt und selbst zu Gejagten – ein perfekt vorbereiteter Heckenschütze setzt alles daran, ihrem grausamen Treiben endgültig ein Ende setzen. ‚Jagdzeit‘ wurde 2011 bei Pendagron in neuer Übersetzung wieder aufgelegt und mit einem informativen Nachwort des Krimiautors Frank Göhre abgerundet.

‚Der Maulwurf‘ spielt Ende der 70er-Jahre, in der Zeit der Ölkrise, die der US Regierung jetzt zum Verhängnis werden könnte. Mit dem „Unternehmen Trikolore“, ausgeheckt von dem frei schaffenden Finanzgenie Henry Jedder, gesponsert durch die Regierung, die Hochfinanz und die grossen Erdölgesellschaften, will man die europäischen Ölreserven unter Kontrolle bringen und die dadurch gewonnene Macht dazu benutzen, Europa die Senkung seiner Exporte und die gleichzeitige Erhöhung seiner Importe amerikanischer Produkte aufzuzwingen – die Wirtschaft der USA wäre gerettet (und damit auch die Regierung). Verantwortlich für die Operation ist die „Dallas Research Foundation“. Sie operiert mit Bestechung und Erpressung hochrangiger Politiker, wer nicht spurt, wird liquidiert. Frankreich soll als Versuchskaninchen dienen, die anderen Mächte Europas würden im Erfolgsfall folgen, später auch Japan. Die wichtigsten Rollen in dem undurchsichtigen Ränkespiel bekleiden (neben Jedder) Richard Ender, Chef der „Dallas Research Foundation“, sein unmittelbarer Untergebener Aaron Zeismann, ein zerrissener französisch-amerikanischer Doppelagent, der mit der Europäischen Gemeinschaft eng vertraut ist, Aarons väterlicher Mentor Paul Henry Bejerec, Leiter der französischen Geheimdienst-Organisation SDECE, Senator Julian Strachey, ein liberaler Politiker, der seit Jahren einen Kreuzzug gegen das „Big Business“ führt und Präsident der USA werden möchte, Ryan Collins, der über Leichen gehende US Botschafter in Frankreich, Arnheimer Larsen, ein ehemaliger FBI-Agent, der sich auf Folter und Mord spezialisiert hat, und Aarons Freund Louis Tattel, ein französischer Ex-Geheimagent der in Paris ein Hotel besitzt und noch immer ausgezeichnet vernetzt ist. Um diese Figuren (sowie Aarons Frau Juliet und Ex-Geliebte Margita) komponierte Osborn eine anspruchsvolle und ungemein spannende Geschichte – einzig die Schilderungen der Liebesbeziehungen fallen etwas ab.

Bibliografie:

‚The Glass Tower‘ (1971), ‚Open Season‘ – ‚Jagdzeit‘ (1974), ‚French Decision‘ – ‚Der Maulwurf‘ (1980), ‚Love and Treason‘ – ‚Schach der Dame‘ (1982), ‚Jessica and the Crocodile Knight‘ (1984), ‚Heads‘ – ‚Köpfe‘ (auch unter dem Titel ‚Tödliches Experiment‘, 1985), ‚The Last Pope‘ (2004), ‚The Cape Cod Blues‘ (2017), ‚A Cold Wind from the Andes‘ (2017), ‚Alicia’s Secret‘ (2017), ‚Delta Red‘ (2018), ‚Evantide‘ (2019), ‚The Somersville Bodies‘ (2021), ‚Cold Case 369‘ (2022);

Margaret Barlow-Trilogie: ‚Murder on Martha’s Vineyard‘ – ‚Mord auf Martha’s Vineyard‘ (1988), ‚Murder on the Chesapeake‘ – ‚Mord an der Chesapeake Bay‘ (1992), ‚Murder in the Napa Valley‘ – ‚Mord in Napa Valley‘ (1993).