(*1967)

Astrid Paprotta, geboren in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Düren bei Köln, aufgewachsen ab 1973 in Frankfurt/Main, studierte zuerst Germanistik, dann Psychologie sowie Sonder- und Heilpädagogik an der dortigen Universität und arbeitete in dieser Zeit in einer psychiatrischen Einrichtung. Danach war sie Journalistin bei der ‚Frankfurter Rundschau‘ und dem ‚Journal Frankfurt‘, bevor sie sich in den 90er-Jahren dem Verfassen von Belletristik zuwandte. 1996 erschien ihr erster Roman ‚Melitta-Mann jagt Dr. Best‘, eine Groteske aus der Warenwelt, gefolgt von der Milieustudie ‚Der Mond fing an zu tanzen‘, dem Aldi-Feldforschungsbuch ‚Aldidente‘ – und ihrem ersten Krimi ‚Mimikry‘.

Paprotta lebt als freie Autorin in Frankfurt/Main, wo auch ihr vierteiliger Kriminalromanzyklus ‚Spiegelungen‘ (das Ina Henkel-Quartett) und ihr Einzelwerk ‚Feuerprobe‘ angesiedelt sind. Zuletzt arbeitete sie als Drehbuchautorin für das deutsche Fernsehen (‚Tatort‘, ‚Soko Wismar‘) und führte von Februar 2007 bis Oktober 2011 ein lesenswertes Blog.

‚Mimikry‘, eine eigenständige Mixtur aus Psychodrama und Polizeiroman, sieht zwei weibliche Hauptpersonen im Mittelpunkt: die schnoddrige, etwas verhuschte, mit dem coolen, wegen Cannabishandel und Diebstahl vorbestraften Exil-Polen Tom zusammen lebende Frankfurter Kriminaloberkommissarin Ina Henkel, die kürzlich von der Sitte zur Mordkommission stiess, und die Fernsehfrau Birgit „Biggi“ Benz, die graumäusige Assistentin des schmierigen Talkshow-Moderators Gabriel Mosbach, in dessen Umfeld mehrere Morde geschehen – die Opfer sind einsame, psychisch angeschlagene Menschen, die in der Nachmittagssendung ‚Real Life Entertainment‘ über ihr Innenleben berichten durften. An der Seite ihres Vorgesetzten Kriminalhauptkommissar Ralf Stocker – ein kultivierter, etwas zwanghaft wirkender End-Dreissiger, der sich von niemandem ausser vielleicht seiner Frau und seinem kleinen Sohn duzen lässt – verbeisst sich Ina Henkel in den Fall und bemerkt erst ganz am Schluss, dass sie selbst ins Visier des Täters geraten ist.

Zu Beginn des zweiten Krimis ‚Sterntaucher‘ muss der junge Streifenpolizist Dorian Kammer, ein von seiner Jugendzeit gezeichneter, gespaltener Mann, auf einem Friedhof die Leiche seines brutal ermordeten 18-jährigen Bruders Robin identifizieren, Ina Henkel und ihr ruppiger Kollege Hauptkommissar Alexander Kissel übernehmen den Fall. Bei ihren nur schleppend vorankommenden Recherchen eröffnet sich ihnen allmählich eine unfassbar traurige und abscheuliche Familiengeschichte, in der das Brüderpaar von einer künstlerisch begabten, als allein erziehende Mutter jedoch total überforderten Frau – der charismatischen Sängerin Katja Kammer, die im Drogenmilieu versank, ihre Jungs bei Pflegeeltern deponierte und danach scheinbar spurlos verschwand – im Stich gelassen worden war.

‚Die ungeschminkte Wahrheit‘ konfrontiert Ina Henkel mit einer Serie von Morden an sozialen Aussenseitern, die niemand zu vermissen scheint und deren Leichen grell geschminkt sind. Die Kommissarin – von Alpträumen heimgesucht, seit sie in ‚Sterntaucher‘ einen Menschen, den Täter, erschossen hat, getrennt von ihrem Lebensgefährten Tom, den sie danach nicht mehr ertragen konnte – trifft im Laufe ihrer Ermittlungen auf die TV-Moderatorin Denise Berninger, die sich in ihrer ‚Aktenzeichen-XY‘-ähnlichen Sendung ‚Fadenkreuz, das Kriminalmagazin‘ für eine kompromisslose Verbrechensverfolgung stark macht, eine populäre, durch einen Stalker bedrängte Frau um die dreissig, die zwei der Opfer gekannt hatte. Ina Henkel – mit neuem Liebhaber, Benny, einem netten, aus der ehemaligen DDR stammenden Hähnchengriller – verbeisst sich in den Fall und kommt nach vielen Umwegen den Machenschaften eines Pharmakonzerns auf die Schliche, der Obdachlose für schauderhafte Experimente missbraucht. Dann aber nimmt Denise Berninger, die mit einem der gewinnsüchtigen Konzern-Manager seit zehn Jahren liiert ist, das Gesetz in die eigene Hand – und wird wegen Totschlags zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

‚Die Höhle der Löwin‘ (2006 als bester deutscher Krimi des Jahres 2005 ausgezeichnet) knüpft hier an: Während ihrer Haftzeit erkrankt Denise Berninger („der blonde Racheengel“) an Tuberkulose und wird in ein Krankenhaus verlegt, wo ihr ein Krankenpfleger zur Flucht verhilft. Ina haftet sich an ihre Fersen, findet sie in Bukarest und lockt sie – unwissentlich – in eine Falle der Polizei, ein deutscher Fahnder kommt dabei ums Leben. Denise kann indes ein zweites Mal entkommen, taucht unter. Eingebettet in diese Ereignisse schildert Paprotta die Fixpunkte der Lebensgeschichte der Flüchtigen – mit neunzehn Jahren Mutter eines Sohnes, Andrei, den sie kurz nach der Geburt auf Druck ihrer Eltern bei der Familie des rumänischen Vaters, Dan Bancu, zurücklassen muss, zorn- und schmerzerfüllte Attacke mit einem Messer gegen die selbstherrlichen Eltern, deshalb langer Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, wo sie einen Zivildienst-Leistenden (und zukünftigen Pharma-Manager) kennen lernt – der Beginn einer langjährigen, unheilvollen, von Abhängigkeit und Unterordnung geprägten Beziehung, der sie mit einer blutigen Gewalttat ein Ende setzt. Ina Henkel, die immer mehr Zuneigung für Denise Berninger entwickelt und, von Schuldgefühlen geplagt, ihren Beruf kaum mehr aushält, wechselt nun die Seiten – und setzt alles daran, den Jungen aufzuspüren, der offenbar (wie viele Bukarester Strassenkinder) als billige Arbeitskraft in den Westen verschleppt worden ist.

In ihren vier eng miteinander verknüpften, in einer kunstvoll-knappen, sehr eigenwilligen Sprache erzählten Romanen zeigt Astrid Paprotta mit viel Einfühlungsvermögen und ganz ohne moralische Einstellung die Mechanismen, die aus Menschen Mörder machen, und zeichnet wie beiläufig, anhand von raffinierten inneren Monologen, die Entwicklungsgeschichte einer jede Art von Gewalt zu tiefst verabscheuenden, den Anblick und Geruch der Mordopfer fast nicht ertragenden Polizistin, die bei ihren Ermittlungen in die Seelen von Tätern und Opfern eindringt, ihr eigenes Leben jedoch nie ganz in den Griff bekommt – und am Ende den Dienst bei der Mordkommission quittiert: Sie verschwindet in irgend einem Büro der Verwaltung.

Das Einzelwerk ‚Feuertod‘, Paprottas zuletzt erschienener Krimi, zählt in kompositorischer und stilistischer Hinsicht zu den herausragenden deutschsprachigen Spannungsromanen der Gegenwart. Eine Serie von mörderischen Brandanschlägen verbreitet Angst und Schrecken in der Frankfurter Innenstadt. Die beiden Ermittler Hauptkommissar Niklas und der LKA-Beamte Potofski stossen auf einen Sumpf von Versicherungsbetrug, Korruption, Erpressung und skrupelloser Immobilienspekulation. Doch dann schlägt die Autorin eine waghalsige Pirouette – und entwirft das Psychogramm einer jungen Frau, Anna Kohler, deren Leben zehn Jahre zuvor durch einen Brand zerstört worden ist. Wichtige Rollen in dem sich verästelnden Fall spielen die Wirtschaftsanwältin und Lokalpolitikerin Ellen Rupp, Vorsitzende einer Law-and-Order-Bürgerinitiative, die mit ihrem jungen Liebhaber beim ersten Brand ums Leben kommt, der mittellose, sich als wichtiger Zeuge entpuppende Friseur Claude Czerny, sein Hausgenosse Moritz Blume, der als Privatdetektiv für Ellen Rupp tätig war, und der Unternehmensberater Florian Westheim, der vor vielen Jahren eine gewisse Anna Kohler geheiratet und danach in Rupps Kanzlei untergebracht hatte.

Bibliografie:

Ina Henkel-Serie („Spiegelungen“): ‚Mimikry‘ (1999), ‚Sterntaucher‘ (2002), ‚Die ungeschminkte Wahrheit‘ (2004), ‚Die Höhle der Löwin‘ (2005);

Einzelwerk: ‚Feuertod‘ (2007).