(1939-2008)

James Crumley wurde als Sohn einer Arbeiterfamilie in Three Rivers, Südtexas, geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen dort und in New Mexico auf. 1958 studierte er ein paar Monate Ingenieurwissenschaften am Georgia Institute of Technology. Von 1959 bis 1961 diente er in der US-Army, vorwiegend auf den Philippinen. 1964 schloss er an der Texas Arts and Industries University in Geschichte ab, 1966 erwarb er einen Master of Fine Arts in Creative Writing an der Iowa State University. In seiner Freizeit arbeitete er auf Ölfeldern und als Barkeeper.

Crumley engagierte sich für den Umweltschutz und gegen den Vietnamkrieg und gab 1969 den Antikriegsroman ‚One to Count Cadence‘ heraus. Inspiriert von den Werken Raymond Chandlers, auf die er kurz zuvor gestossen war, veröffentlichte er 1975 seinen ersten von sieben Krimis, denen das amerikanische Vietnamtrauma den Stempel aufdrückt. Nach einem rastlosen Leben mit Stationen in Montana, Arkansas, Colorado und Washington State liess er sich 1984 in Missoula, Montana, nieder.

Neben den acht Romanen, die er immer wieder umschrieb, und einer Handvoll Kurzgeschichten verfasste Crumley mehrere Drehbücher, die jedoch nicht verfilmt wurden. Da er vom Schreiben nicht leben konnte, war er auch als Skriptdoktor in Hollywood, als Dozent an der University of Montana und als Gastprofessor an zahlreichen Colleges tätig. Crumley war fünfmal verheiratet, zuletzt während sechzehn Jahren mit der Dichterin und Künstlerin Martha Elizabeth, und hatte insgesamt fünf Kinder, die aus der zweiten und vierten Ehe stammten. 2008 zollte James Crumley – „The Poet of Hard Boiled“, oder, in seinen eigenen Worten, „A Bastard Child of Raymond Chandler“ (wenngleich seine Krimis wohl eher mit jenen von Robert Stone zu vergleichen sind) – seinem ausschweifenden Lebenswandel Tribut und starb 68-jährig in einem Krankenhaus in Missoula.

Crumleys Protagonisten sind Milton Chester Milodragovitch, genannt Milo, aus Montana und Chauncey Wayne Sughrue, genannt Sonny oder C.W., aus Südtexas; zwei kaputte, vom Leben gebeutelte Outlaws, bzw., in Crumleys Worten, „Milo ist meine gute Seite, Sughrue meine schlechte“. Die beiden hatten sich in den frühen 70er-Jahren zum ersten Mal getroffen, wenige Wochen, nachdem Milo in Meriwether, Montana, eine Detektei eröffnet hatte. Sie wurden Freunde und Partner, trennten sich nach einem handfesten Streit und rauften sich später wieder zusammen. Ihren einzigen gemeinsamen Auftritt haben sie in ‚Jeder gräbt sein eignes Grab‘, dem fünften Teil der Reihe.

Milo, Enkel eines russischen Einwanderers und Sohn von alkoholsüchtigen Eltern, die beide Suizid begingen, war fünfmal verheiratet und ist Vater eines Sohnes, den er aus den Augen verloren hat. In jungen Jahren nahm er am Koreakrieg teil. Nach dem College arbeitete er zehn Jahre als Deputy Sheriff, danach als Privatdetektiv und/oder Barkeeper. Er ist etwas älter und vermutlich eine Spur intelligenter und weniger gewalttätig als Sughrue, spricht aber wie dieser in hohem Masse dem Alkohol, Kokain und Sex zu. Sein Intimfeind ist der Cop Lieutenant Jamison, mit dem er aufwuchs und im Krieg war – und der jetzt mit einer von Milos Ex-Frauen verheiratet ist. Der hart gesottene Waffennarr Sughrue („Sug as in Sugar, rue as in rue the fucking day“) war im Vietnamkrieg, wo er mit jeder Art von Drogen experimentierte und wegen eines Kriegsverbrechens – er löschte „aus Versehen“ eine ganze vietnamesische Familie aus – vor Militärgericht gestellt, jedoch nicht verurteilt wurde. Im Gegenzug spionierte er für die Armee, indem er Universitäten und radikale Studentenorganisationen infiltrierte. Später machte er einen Abschluss in Englisch, zog es dann aber vor, als Repomann zu arbeiten oder in San Francisco vermisste Kinder aufzuspüren. Schliesslich landete auch er in Meriwether.

Crumleys zweiter Krimi ‚Der letzte echte Kuss‘ aus dem Jahr 1978 gilt als Meilenstein des Privatdetektivromans. Im Auftrag der sympathischen Barbesitzerin Rosie Flowers, begleitet von dem versoffenen Schriftsteller Abraham Trahearne und einer biertrinkenden Bulldogge namens Fireball, für ein Honorar von lumpigen 87 Dollar, macht sich Sughrue auf die Suche nach Rosies Tochter Betty Sue, die vor zehn Jahren mit sechzehn spurlos verschwunden ist – und bringt Erschütterndes ans Licht.

Sughrue steht auch in Crumleys spektakulärstem Buch ‚Tequila Blues‘ im Mittelpunkt. Sarita Cisneros, die Frau des zwielichtigen republikanischen Politikers Pines und angeblich die Mutter von Sughrues Kumpel Norman, ist offenbar samt ihrem Dienstmädchen Wynona entführt worden, Sughrue soll sie aufspüren. Er trommelt ein paar Kriegskameraden zusammen und begibt sich mit seiner entfesselten, drogengeschädigten Truppe auf einen Höllenritt durch die Gegend. Dann verliebt sich Sughrue in Wynona, die junge Mutter des kleinen Lester, dessen Vater Pines ist. Der blutige Showdown findet in New Mexico statt, und Sughrues Liebe nimmt ein trauriges Ende.

In ‚Jeder gräbt sein eignes Grab‘ kann Milo an seinem 53. Geburtstag endlich sein beträchtliches Erbe antreten – doch das Geld und dessen betrügerischer Verwalter, der Banker Andy Jacobson, sind abhandengekommen. Zusammen mit seinem langjährigen Freund, dem inzwischen mit der smarten und warmherzigen Ex-Anwaltsgehilfin Whitney verheirateten Sughrue, der den kleinen Lester adoptiert hat, macht er sich auf, die verdienten Millionen vielleicht doch noch zu ergattern.

‚Land der Lügen‘ sieht einen gealterten Milo in Brennpunkt des Geschehens. Liiert mit der bisexuellen Tierärztin Betty Porterfield, betreibt er neuerdings eine Bar in Texas, in der er Geld wäscht, das er bei einem Drogendeal beiseiteschaffen konnte. Doch Milo ist auch mit knapp sechzig noch auf Speed, er langweilt sich in seinem neuen Job, beginnt wieder als Privatdetektiv und ist schon bald mit Fällen überhäuft: Aufspüren einer jungen Frau, die ihrem Mann entlaufen ist; Schutzdienst für eine Schönheit, die von einem Stalker bedroht wird; Suche nach dem schwarzen Ex-Häftling Enos Walker, der (wahrscheinlich in Notwehr) einen kriminellen Barbesitzer getötet hat, und den Milo vor der Todesstrafe bewahren will. Milo bezieht Prügel, wird beinahe Opfer eines Mordanschlags, gerät selbst unter Mordverdacht und muss sich mit ausgekochten Frauen herumschlagen – zu viel des Guten, er schwört, nie wieder einen Fuss nach Texas zu setzen. ‚Land der Lügen‘ ist eine wilde und figurenreiche Geschichte, in der Crumley dem Amerika der Gegenwart den Spiegel vorhält; einem Amerika, dessen Macht, so der Autor, auf Drogen, Geld und Waffen gebaut ist.

Bibliografie:

Milo & Sughrue-Serie: ‚The Wrong Case‘ – ‚Schöne Frauen lügen nicht‘ (Milo, 1975), ‚The Last Good Kiss‘ – ‚Der letzte echte Kuss‘ (Sughrue, 1978), ‚Dancing Bear‘ – ‚Der tanzende Bär‘ (auch unter dem Titel ‚Kerle, Kanonen und Kokain‘, Milo, 1983), ‚The Mexican Tree Duck‘ – ‚Tequila Blues‘ (Sughrue, 1993), ‚Bordersnakes‘ – ‚Jeder gräbt sein eignes Grab‘ (Milo & Sughrue, 1996), ‚The Final Country‘ – ‚Land der Lügen‘ (Milo, 2001), ‚The Right Madness‘ (Sughrue, 2005).