(1942-1995)

Jean-Patrick Manchette, geboren in Marseille, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Paris. Er studierte ein paar Semester Anglistik und unterrichtete kurze Zeit in England an einer Blindenschule. Danach arbeitete er (meist gemeinsam mit seiner griechisch-stämmigen Frau Mélissa, geborene Petcanas) als Übersetzer ins Französische (unter anderem des Politroman-Autors Ross Thomas, mit dem er befreundet war, und des Noir-Autors Donald Westlake) und schrieb Drehbücher und Dialoge für Fernsehen und Kino.

Manchette trat 1960 der Studentengewerkschaft UNEF bei und wurde während des Algerienkrieges politisch aktiv. Ab 1965 stand er den links-anarchistischen Situationisten nahe. Er war an den Geschehnissen des Frühjahrs 1968 beteiligt. Desillusioniert vom Ausgang seiner revolutionären Aktivitäten, veröffentlichte Manchette von 1971 bis 1981 neun (von ihm selbst als ‚Schmöker‘ bezeichnete) Kriminalromane, mit denen er den Néo-Polar begründete: eine linksradikale, sozial engagierte, von der gescheiterten 68er-Bewegung geprägte, jedoch auch durch amerikanische Noir-Autoren wie Dashiell Hammett und James M. Cain beeinflusste literarische Strömung.

Darüber hinaus arbeitete der rastlose Jazz- und Kinoliebhaber als Journalist (v.a. für das Magazin ’Polar’), Comic-Autor, Chefredakteur eines Comic-Fachblattes, Herausgeber einer Sciencefiction-Reihe, Filmkritiker, Essayist (Schwerpunkt: Noir-Autoren und ihre Werke; eine sehr empfehlenswerte, auch auf Deutsch vorliegende Sammlung trägt den Titel ’Chroniques’), Jugendbuch-, Reisebuch-, Drehbuch- und Bühnenautor.

Dieser ungemein produktiven Zeit folgte eine lange Periode des Schweigens, der Erschöpfung, unterbrochen einzig durch ein paar Arbeiten für Film und Fernsehen, bis Manchette in den frühen 90ern mit ‚Die Blutprinzessin‘ noch einmal einen Roman verfasste, der den Auftakt zu einem mit ’Les Gens du Mauvais Temps’ betitelten Zyklus über die Geschichte der 1950er-, 60er-, 70er- und 80er-Jahre hätte bilden sollen. Er starb kurz vor dessen Beendigung an Lungenkrebs und hinterliess seine Frau und seinen 1962 geborenen Sohn Tristan, der unter dem Pseudonym Doug Headline als Journalist und Autor arbeitet und 2014 im Alexander Verlag ‚Portrait in Noir‘ herausgab, eine Sammlung von auf Deutsch bisher unveröffentlichten Texten seines Vaters.

Manchettes Romane – schnörkellose, in einem kühlen, kargen Stil, mit hektischen Perspektivenwechseln erzählte, an gewalttätigen Szenen reiche Geschichten – sind geprägt durch die pessimistische Weltsicht des Autors. Im Mittelpunkt stehen gebrochene Protagonisten, die ihre Gefühle und Ideale, ihre Identität verloren haben; Antihelden, die in Intrigen verwickelt werden und ums nackte Überleben kämpfen.

‚Lasst die Kadaver bräunen’, gemeinsam mit dem 1937 geborenen Regisseur und Schriftsteller Jean-Pierre Bastid verfasst, zeigt Manchette bereits auf der Höhe seiner Kunst. Die rasante, in einem verlassenen südfranzösischen Weiler spielende Geschichte dreht sich um die abgetakelte Künstlerin und Anarchistin Luce, ihre Gäste Brisorgeuil, Luces Anwalt und Liebhaber, und Bernier, ein versoffener Autor, um die Gangster Rhino, Gros und Jeannot, die nach dem Überfall eines Transporters mit 250 Kilo Gold im Weiler untertauchen, und um zwei ahnungslose örtliche Gendarmen, die eher zufällig dort auftauchen. Eine explosive Mischung, es kommt zu einem blutigen Kampf, und die Kadaver häufen sich.

Manchettes zweiter Krimi ‚Die Affäre N’Gustro’ thematisiert den Fall Ben Barka. Der marokkanische Oppositionspolitiker Al Medhi Ben Barka, Führer einer Befreiungsbewegung, wurde am 29. Oktober 1965 im Pariser Exil durch den marokkanischen Geheimdienst entführt und zu Tode gefoltert, eine bis heute nicht restlos geklärte Affäre, in diehöchst wahrscheinlich auch die französische Regierung verwickelt war.

‚Nada‘ ist die Geschichte der bunt zusammen gewürfelten anarchistischen Gruppe „Nada“, bestehend aus einer Frau und vier Männern, die den amerikanischen Botschafter aus einem Pariser Edelpuff entführt, sich auf dem Land versteckt – und schliesslich von der unter dem Kommando eines sadistischen Kommissars stehenden Polizei hingerichtet wird.

In ‚Fatal‘ sieht Aimée Joubert keinen anderen Sinn mehr in ihrem Leben, als sich als bezahlte Killerin am heuchlerischen, abgestumpften Bürgertum zu rächen. Sie zieht durch die französische Provinz und legt ein paar reiche Säcke um – doch am Ende ist auch sie tot.

‚Position: Anschlag liegend‘, ein harter, mit minimalistischen Mitteln erzählter Roman, befasst sich mit dem Schicksal des 30-jährigen Auftragskillers Martin Terrier, der sich zur Ruhe setzen will und plötzlich selbst zum Gejagten wird. Terrier überlebt – mit einer Kugel im Kopf, von seiner Freundin verlassen -, um fortan als Kellner in einem trostlosen Bistro rumzuhängen.

In seinen zwei turbulenten, mit grotesken Szenen gespickten Krimis um den Däumchen drehenden, erfolglosen Privatdetektiv Eugène Tarpon, einen ehemaligen Flic, der den Polizeidienst quittierte, nachdem er versehentlich eine Demonstrantin getötet hatte (‚Volles Leichenhaus‘ und ‚Knüppeldick‘), erweist sich Manchette als Meister der Parodie.

‚Tödliche Luftschlösser‘ und ‚Westküstenblues‘ handeln von durchschnittlichen Bürgern – das eben erst aus einer psychiatrischen Klinik entlassene Kindermädchen Julie im ersten, der leitende Pariser Angestellte Georges Gerfault im zweiten Buch -, die eines Tages, scheinbar durch puren Zufall, ins Fadenkreuz von Killern geraten.

Manchettes Vermächtnis ‚Die Blutprinzessin‘, eine eigenwillige Verbindung von Noir- und Politroman, spielt 1956 zur Zeit des Ungarnaufstandes, der kubanischen Revolution und des Algerien- und Indochinakrieges – historische Ereignisse, die der Autor geschickt mit der Romanhandlung verzahnt.

Bibliografie:

’Lasst die Kadaver bräunen’ (gemeinsam mit Jean-Pierre Bastid, 1971), ‚Rette deine Haut Killer: Die Affäre N’Gustro‘ (auch unter dem Titel ‚Rette deine Haut, Killer‘, 1971), ‚Tödliche Luftschlösser‘ (auch unter dem Titel ‚Der Killer im Labyrinth‘, 1972), ‚Nada‘ (1972), ‚Volles Leichenhaus‘ (auch unter dem Titel ‚Sieben Stufen zum Himmel, 1973), ‚Knüppeldick‘ (auch unter dem Titel ‚Mit fast heiler Haut‘, 1976), ‚Westküstenblues‘ (auch unter dem Titel ‚Killer stellen sich nicht vor‘, 1977), ‚Fatal‘ (auch unter dem Titel ‚Herz aus Blei: eine femme fatale mit tödlichen Waffen‘, 1977), ‚Position: Anschlag liegend‘ (auch unter dem Titel ‚Die Position des schlafenden Killers‘, 1981), ‚Blutprinzessin‘ (1996).