(*1957)

George Pelecanos, geboren und aufgewachsen in Washington, D.C., als Nachkomme griechischer Einwanderer, ein Kind der Arbeiterklasse, unterstützte bereits mit zehn Jahren als Ausläufer seinen Vater, der in der Stadt ein kleines Lokal betrieb. Mit siebzehn schoss er seinem besten Freund mit einer .38er versehentlich ins Gesicht, wenig später erlitt sein Vater einen Herzinfarkt – für Pelecanos war die Jugendzeit jetzt endgültig vorbei, er musste die Kneipe seines Vaters übernehmen und für die Familie sorgen.

Neben und nach seinem Kunststudium, das er an der University of Maryland absolvierte und 1980 mit einem Bachelor abschloss, arbeitete Pelecanos als Tellerwäscher, Koch, Barkeeper, Bauarbeiter und Schuhverkäufer, später, bis 1989, als Manager einer Kette, die Küchengeräte verkaufte. Daraufhin machte er sich einen Namen als Drehbuchautor (unter anderem für die TV-Serien ‚The Wire‘ und ‚Treme‘), Journalist (‚New York Times‘, ‚Washington Post‘), Essayist, Produzent von Independent-Filmen, sowie – ab 1992, als er den ersten Teil der (nicht auf Deutsch vorliegenden) Trilogie um den griechisch-stämmigen Washingtoner Privatdetektiv Nick Stefanos verfasste – als Krimiautor.

In seiner zweiten Reihe, dem fünf Jahrzehnte umgreifenden „Washington Quartet“, widmet sich Pelecanos den Mythen Amerikas aus dem Blickwinkel von Arbeitern und Underdogs jeder Couleur. Die Tetralogie beginnt mit ‚Das grosse Umlegen‘, einem atmosphärisch ungemein dichten, in der zweiten Hälfte der 40er-Jahre angesiedelten Gangsterroman. Im Mittelpunkt steht der verheiratete griechische Immigrant Peter Karras, ein Held des Pazifikkriegs, der, obwohl auf der Lohnliste des brutalen Kredithais Burke stehend, seine Herkunft und seine Freunde nicht verleugnet und immer wieder versucht, in einer gewalttätigen, vom organisierten Verbrechen beherrschten Umgebung integer zu bleiben, selbst wenn er dazu einen Mord begehen muss – und der dafür mit dem Leben bezahlt.

Den historischen Hintergrund zu ‚King Suckerman‘ bildet die Woche der grossen Zweihundertjahrsfeiern 1976. Dimitri Karras (der Sohn von Peter Karras) und sein schwarzer Freund Marcus Clay, Vietnamveteran und stolzer Besitzer eines Plattenladens, führen ein recht lockeres Leben, hören gute Musik, rauchen ab und zu einen Joint – doch Karras beginnt mit Cannabis zu handeln, kommt dabei dem Gangsterboss Wilton Cooper in die Quere und gerät in die Bredouille.

‚Eine süsse Ewigkeit‘ spielt zehn Jahre nach ‚King Suckerman‘. Dimitri Karras und Marcus Clay sind enge Freunde geblieben. Clay führt in Washington mittlerweile vier Plattenläden, Karras, sein Geschäftsführer, ist ergraut – und hat sich härterem Stoff zugewandt: dem Kokain. Als ein Drogenkurier ausgerechnet vor Clays Laden tödlich verunfallt, wird das Freundespaar in einen wilden Kampf mit dem Grossdealer Tyrell und zwei in dessen Sold stehenden Cops verwickelt. Die wahren Helden sind indes die an den Rand der Gesellschaft gedrängten, als Drogenkuriere eingesetzten, vorzeitig vergreisten schwarzen Kids der Kokainmetropole Washington.

In dem das „Washington Quartet“ abschliessenden – die 90er-Jahre abdeckenden – Roman ‚Shame the Devil‘ treten Dimitri Karras und Nick Stefanos gemeinsam auf – bisher leider nur im Original. Die finstere Geschichte erzählt von den Folgen eines arg missglückten Raubüberfalls mit mehreren Toten, unter ihnen der Bruder des psychopathischen Gangsters Frank Farrow – und Karras‘ fünfjähriger Sohn. Als Farrow drei Jahre später wieder auftaucht, um den Tod seines Bruders zu rächen, stehen ihm zwei zu allem entschlossene Männer gegenüber: Der Privatdetektiv Nick Stefanos und dessen Freund Dimitri Karras, der nach einer langen Phase der Trauer wieder im Leben steht.

‚Schuss ins Schwarze‘ bildet den Auftakt zur Derek Strange & Terry Quinn-Serie. Derek Strange, ein cooler und abgebrühter Schwarzer Mitte fünfzig, hat vor dreissig Jahren den Polizeidienst quittiert, um in Washington eine Privatdetektei zu betreiben. Als er von der Mutter eines vor Jahresfrist erschossenen schwarzen Polizisten beauftragt wird, dessen angeschlagenen Ruf wiederherzustellen, trifft er auf den irisch-stämmigen Heisssporn Terry Quinn, der damals als Cop den Todesschuss abgegeben und daraufhin seinem Beruf den Rücken gekehrt hat. Das ungleiche Paar rauft sich zusammen, kommt einer Drogen-, Prostitutions- und Korruptionsaffäre auf die Spur, räumt in grossem Stile auf und rehabilitiert nebenbei den getöteten Polizisten – der Beginn einer schönen Freundschaft.

‚Ein schmutziges Geschäft‘, erschienen 2011, sieht einen neuen Protagonisten am Werk: Den Irakveteranen Spero Lucas aus Washington, D.C., der als lizenzloser Detektiv für einen Anwalt, gelegentlich auch auf eigene Rechnung ermittelt. Lucas ist Spezialist für die Wiederbeschaffung abhanden gekommener Dinge. Diesmal ist es eine Lieferung Marihuana, die dem gerade im Gefängnis einsitzenden Grossdealer Anwan Hawkins gestohlen wurden. Doch Hawkins spielt mit falschen Karten.

George Pelecanos, ein einflussreicher, von amerikanischen Kritikern und Berufskollegen hoch verehrter Autor, der im deutschsprachigen Raum bisher nicht richtig Fuss fassen konnte, lebt mit seiner Frau und seinen drei Adoptivkindern in Silver Springs, Maryland, und widmet sich vorrangig dem Verfassen von Spannungsromanen. Seine letztes Buch, die Kurzgeschichten-Sammlung ‚Martini Shot‘, kam 2015 heraus.

Bibliografie:

Nick Stefanos-Trilogie: ‚A Firing Offense‘ (1992), ‚Nick’s Trip‘ (1993), ‚Down by the River Where the Dead Men Go‘ (1995);

Washington Quartet: ‚The Big Blowdown‘ – ‚Das grosse Umlegen‘ (auch unter dem Titel ‚The Big Blowdown‘, 1996), ‚King Suckerman‘ – ‚King Suckerman‘ (1997), ‚The Sweet Forever‘ – ‚Eine süsse Ewigkeit‘ (1998), ‚Shame the Devil‘ (2000);

Derek Strange & Terry Quinn-Serie: ‚Right as Rain‘ – ‚Schuss ins Schwarze‘ (2001), ‚Hell to Pay‘ – ‚Wut im Bauch‘ (2002), ‚Soul Circus‘ (2003), ‚Hard Revolution‘ – ‚Hard Revolution‘  (2004), ‚What it Was‘ (2012);

Spero Lucas-Romane: ‚The Cut‘ – ‚Ein schmutziges Geschäft‘ (2011), ‚The Double‘ (2013);
Einzelwerke: ‚Shoedog‘ (1994), ‚Drama City‘ (2005), ‚The Night Gardener‘ – ,Der Totengarten‘ (2006), ‚The Turnaround‘ (2008), ‚The Way Home‘ – ‚Kein Weg zurück‘ (2009).