(Pseudonym für Gunard R. Hjerstedt, 1904-1969; schrieb auch als John Corbett, William Richards und Donald King)

Gunard R. Hjerstedt alias Day Keene – das Pseudonym ist eine Kurzform des Namens seiner Mutter, Daisy Keeney – wurde im südlichen Teil Chicagos als Sohn eines schwedischen Strassenbauarbeiters und einer irischen Mutter geboren. Er verliess die Schule mit siebzehn, um sich einer Chautauqua-Truppe anzuschliessen (Chautauqua war eine 1874 gegründete Bewegung, die der Bevölkerung ländlicher nordamerikanischer Gegenden verschiedene Formen von Kultur näherbrachte). Ende der 20er-Jahre liess er sich im New Yorker Künstlerviertel Greenvich Village nieder und setzte sich als Bühnenschauspieler und -autor in Szene. Anfang der 30er-Jahre zog er nach Chicago, wo er Kurzgeschichten für verschiedene Pulp-Magazine sowie Radioscripts (unter anderem Beiträge zum ‚Little Orphan Annie‘-Programm und zur Soap ‚Kitty Keene, Inc.‘) verfasste.

Nach Aufenthalten in Kalifornien und Mexiko bezog Day Keene in den späten 40ern Wohnsitz an der Westküste Floridas, in Tampa, freundete sich dort mit seinen Berufskollegen John D. MacDonald, Talmage Powell, Robert Turner, Jonathan Craig und Gil Brewer an und schrieb höchst erfolgreich Kriminalromane für die Paperbacks; später kamen Western und andere Romane hinzu. Er starb 64-jährig in North Hollywood und hinterliess seinen Sohn Albert James Hjerstedt (1924-2001), der unter dem Pseudonym Al James Kurzgeschichten und Kriminalromane veröffentlichte.

Keene war ein ungemein flinker Autor, der in seinen gut vierzig Krimis – abgesehen von zwei amüsanten Bänden um den hawaiisch-irischen Privatdetektiv und Korea-Veteranen Johnny Aloha – ohne Serienheld ausgekam. Seine Noir-Romane, in denen der Alkohol (vor allem Rum) stets in Strömen fliesst, zeichnen sich aus durch schnörkellose Plots, lakonische Dialoge und verdrehtem Witz, während die Figurenzeichnung nicht zu Keenes grossen Stärken gehörte. Meistens geht es um einen zu Unrecht eines Verbrechens verdächtigten Mannes, der verzweifelt versucht, seine Unschuld zu beweisen, oder um einen durchschnittlichen Bürger, den eine „femme fatale“ ins Verderben stürzt.

Besonders populär war Keene in Frankreich – mehrere seiner Romane sind zuerst dort erschienen, und ‚La bête à l’affat‘ ist im Original vermutlich gar nicht herausgekommen. Überdies wurden vier Romane in den 50er- und 60er-Jahren durch französische Regisseure verfilmt. Herausragend: Der Psychothriller ‚Joy House‘, Filmtitel ‚Les félins‘, gedreht von René Clément mit Alain Delon und Jane Fonda in den Hauptrollen.

Zu Keenes besten Krimis gehört ‚Mexikanische Serenade‘. Ad Connors, ein leidlich erfolgreicher New Yorker Pulp-Autor Anfang dreissig, wird in Mexico Stadt Zeuge eines Autounfalls, in den die hinreissende, kein Wort Spanisch sprechende Amerikanerin Eleana Hayes verwickelt ist. Nicht ganz selbstlos nimmt sich Connors seiner Landsfrau an – und wird in einen aufwühlenden Kriminalfall gezogen, mit einem lüsternen mexikanischen Ein-Stern-General, einer geheimnisvollen verschleierten Frau, einem ermordeten mexikanischen Anwalt, einem zwanzig Jahre zurückliegenden Verbrechen und allerlei amourösen Verwicklungen als wichtigste Bausteine.

‚Home Is the Sailor‘ (auf Deutsch: ‚Der Teufel mit dem Papagei‘), 2005 in der verdienstvollen Reihe ‚Hard Case Crime‘ nach fast vierzig Jahren wieder aufgelegt, gilt manchen Kritikern als Keenes Meisterwerk. Swen „Swede“ Nelson, 33-jährig, blond, gross gewachsen und muskelbepackt, ein rechtschaffener, nicht besonders smarter Bursche, hat nach achtzehn Jahren die Nase gestrichen voll von dem entbehrungsreichen Leben als Abenteurer und Matrose und sehnt sich nach einer Farm in Minnesota, einer lieben Frau und ein paar Kindern. Er hängt die Seefahrt an den Nagel und begibt sich mit 14’000 Dollar in der Tasche auf den Weg in den Norden. Bei einem Zwischenhalt in Laguna Beach, am Ende einer durchzechten Nacht, trifft er auf die junge Motelbesitzerin Corliss Mason, eine atemberaubende Schönheit mit obskurer Vergangenheit – und verstrickt sich heillos in eine verhängnisvolle „amour fou“.

Bibliografie:

Johnny Aloha-Romane: ‚Dead in Bed‘ – ‚Die Cordovan-Millionen‘ (auch unter dem Titel ‚Millionen für Gwen‘, 1959), ‚Payola‘ – ‚Einladung zum Mord‘ (1960);

‚Framed in Guilt‘ (auch unter dem Titel ‚Evidence Most Blind‘) – ‚Blind ins Verderben‘ (1949), ‚Farewell to Passion‘ (auch unter dem Titel ‚The Passion Murders‘) – ‚Es gibt kein Entrinnen‘ (1951), ‚My Flesh Is Sweet‘ – ‚Mexikanische Serenade‘ (auch unter dem Titel ‚Nachts kam der Tod‘, 1951), ‚Love Me and Die‘ – ‚Lieb mich und stirb‘ (gemeinsam mit Gil Brewer, 1951), ‚To Kiss or Kill – ‚Tödliche Küsse‘ (auch unter dem Titel ‚Küss mich oder stirb‘, 1951), ‚Wake Up to Murder‘ – ‚Ein Mordsdetektiv‘ (auch unter dem Titel ‚Dies ist mein Tag‘, 1952), ‚If the Coffin Fits‘ – ‚Wenn der Sarg passt‘ (1952), ‚Naked Fury‘ – ‚Bis zum Hals in der Tinte‘ (auch unter dem Titel ‚Die nackte Gewalt‘, 1952), ‚Home Is the Sailor‘ – ‚Der Teufel mit dem Papagei‘ (1952), ‚Hunt the Killer‘ – ‚Rücklings wie der Hai beisst‘ (1952), ‚About Doctor Ferrel‘ – ‚Orchidee im Sumpf‘ (1952), ‚Mrs. Homicide‘ – ‚Herzliches Beileid‘ (auch unter dem Titel ‚Miss Mörderin‘, 1953), ‚Strange Witness‘ – ‚Die Gör muss weg‘ (auch unter dem Titel ‚Gefährliche Zeugin‘, 1953), ‚Death House Doll‘ – ‚Das Mädchen in der Todeszelle‘ (1954), ‚The Big Kiss-Off‘ – ‚Willkommen zu Hause‘ (1954), ‚His Father’s Wife‘ – ‚Die Frau seines Vaters‘ (1954), ‚Homicidal Lady‘ – ‚Gestehen Sie, Herr Staatsanwalt!‘ (1954), ‚Sleep with the Devil‘ – ‚Vom Scheitel bis zum Mord‘ (auch unter dem Titel ‚Das teuflische Spiel‘, 1954), ‚Joy House‘ – ‚Die goldene Falle‘ (1954), ‚Notorious‘ – ‚Kopf in der Schlinge‘ (1954), ‚The Dangling Carrot‘ – ‚Tod in Blond‘ (1955), ‚Flight by Night‘ – ‚Flug in die Hölle‘ (1955), ‚Who Has Wilma Lathrop?‘ – ‚Wer hat Wilma Lathrop?‘ (auch unter dem Titel ‚Asphaltdschungel‘, 1955), ‚Bring Him Back Dead‘ – ‚Mord unter Mördern‘ (1956), ‚Murder on the Side‘ – ‚Sarg mit fliessend Wasser‘ (1956), ‚La bête à l’affat‘ (1956; im Original, Titel Forests of the Night‘, nicht erschienen) ‚It’s a Sin to Kill‘ – ‚Mord unter Palmen‘ (auch unter dem Titel ‚Tod unter Palmen‘, 1958), ‚Passage to Samoa‘ – ‚Von dieser Leiche weiss ich nichts‘ (1958), ‚Dead Dolls Don’t Talk‘ – ‚Tote Zeugen reden nicht‘ (1959), ‚Too Black for Heaven‘ – ‚Zu schwarz für die Ewigkeit‘ (1959), ‚Moran’s Woman‘ – ‚Eine Frau wie Wachs‘ (1959), ‚Take a Step to Murder‘ – ‚Anders küsst keine mehr‘ (1959), ‚So Dead My Lovely‘ – ‚Hochzeitsnacht im Leichenhaus‘ (1959), ‚Miami 59′ – ‚Miami, Hotel International‘ (1959), ‚Too Hot to hold‘ – ‚Alles Gute aus Chicago‘ (1959), ‚The Brimstone Bed‘ – ‚Der Erpresser‘ (1960), ‚Bye, Baby Burning‘ – ‚Kein Alibi‘ (1963), ‚L.A. 46′ – Los Angeles, Paradies der Sünder‘ (1964), ‚Carnival of Death‘ – ‚Haltet die Clowns‘ (1965), ‚Chicago 11‘ – ‚Chicago, Appartmenthaus am See‘ (1966), ‚Acapulco C.P.O. – ‚Heisser Tag in Acapulco‘ (1967).

Als William Richards: ‚Dead Man Tide‘ (1953).

Gemeinsam mit Dwight Vincent: ‚Chautauqua‘ 1960).