Hinweise auf bisher nicht besprochene Kriminalromane von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind. Die Texte habe ich in leicht angepasster Form in die Autorenporträts eingefügt.
Anthony J. Quinn: ‚Border Angels‘ (2013) – ‚Frau ohne Ausweg‘ (2023, Polar Verlag)
Organisierte Kriminalität im Grenzgebiet zwischen Nordirland und der Republik Irland vor dem Hintergrund der unbewältigten „Troubles“, des Zusammenbruchs des aberwitzigen Immobilienbooms und des heraufziehenden Brexit – dies ist das vielschichtige Thema von Quinns zweitem Band der grandiosen Celcius Daly-Serie. Im Mittelpunkt steht die Kroatin Lena, verschleppt aus ihrer Heimat und zur Prostitution gezwungen in einem zum Bordell umfunktionierten Bauernhaus in der Nähe von South Armagh. Bei eisiger Kälte gelingt ihr die Flucht aus diesem Höllenloch, derweil ihr brutaler Zuhälter gewaltsam ums Leben kommt. Police Inspector Celcius Daly begibt sich die auf Suche nach der jungen Frau, doch auch der kroatische Bordellführer und ein irischer Killer sind ihr auf den Fersen. ‚Frau ohne Ausweg‘: eine packende Geschichte mit eindrucksvollen Schilderungen der öden, verschneiten Gegend und präzis gezeichneten Charakteren.
Zum Porträt: Quinn, Anthony J.
Arthur Lyons: ‚Three With A Bullet (1984) – ‚Drei mit einer Kugel‘ (1988, Bastei Lübbe)
Der achte Band der Jake Asch-Serie konfrontiert den Detektiv mit der verkommenen Musikindustrie in seiner Heimatstadt Los Angeles – „Drogen, Sex und Rock ’n‘ Roll, ein Leben auf der Achterbahn“. Der umtriebige Promoter Freddie Segal erteilt ihm den Auftrag, herauszufinden, wer ihn seit einigen Monaten ruinieren will. Eine Kombination aus Geldgier, Eifersucht und Neid scheint das Motiv zu seine, doch eine Reihe von mysteriösen Todesfällen in Segals Umgebung führt Asch auf eine andere Spur. Geschickt verknüpft Lyons die schnörkellose Krimihandlung mit Schilderungen der Musikszene in den 80ern – „eine Welt voller Schwindler, Lügner und leichter Mädchen“; eine Welt, in der naive, hoffnungsfrohe Ausreisserinnen „bei lebendigem Leibe aufgefressen werden“. Das farbenfrohe Figurentableau – die Promotoren Freddie Segal und sein schwarzer Konkurrent J. D. Walton, der offensichtlich Jim Morrison nachgezeichnete Rockstar Phil Clooney, der Songwriter Carey Stack, der Asch gelegentlich assistiert, und der bullige indianische Cop Momaday – trägt das ihrige zu einer fesselnden Lektüre bei.
Zum Porträt: Lyons, Arthur
Dan J. Marlowe: ‚The Name of the Game Is Death‘ (1962) – ‚Das Spiel heisst Tod‘ (1993, Bastei Lübbe)
„Zwei Wachmänner am hellichten Tag bei einem tolldreisten Überfall niedergeschlagen. Bankräuber entkamen mit 178’000 Dollar. Ein Bankräuber und zwei Wachposten bei Schiesserei getötet.“ Dies ist die Schlagzeile am Tag, an dem der Gangster Earl Drake mit seinem Kumpel Bunny in Phoenix, Arizona, eine Bank ausgeraubt hat. Drake taucht unter, um eine Schussverletzung auszukurieren, während Buddy sich mit der Beute nach Florida verzieht. Die nun folgende, vergleichsweise friedliche Phase ermöglicht es Marlowe, Rückblenden auf Drakes Vergangenheit einzuschieben – die durch Gewalterlebnisse überschattete Kindheit und Jugendzeit, die ersten Morde als junger Mann, der Aufbau einer bürgerlichen Scheinexistenz als „Baumdoktor“ unter den Decknamen Chet Arnold und Roy Martin. Dabei zeichnet Marlowe seinen Protagonisten als gewalttätigen und amoralischen, aber durchaus zu Gefühlen fähigen Burschen, dem Tiere mehr bedeuten als Menschen. Als nach einigen Wochen Bunnys Nachrichten und Geldsendungen endgültig ausbleiben, macht Drake sich auf die Suche nach seinem Partner. Der Showdown in Florida ist explosiv und nichts für schwache Nerven.
Zum Portät: Marlowe, Dan J.
S. A. Cosby: ‚All the Sinners bleed‘ (2023) – ‚Der letzte Wolf‘ (2023, ars vivendi)
Titus Crown, nach zwölf Jahren Dienst beim FBI als erster Schwarzer in Charon County, Virginia, als Sheriff ernannt, wird von seinem Mitarbeiter Cam an den Schauplatz eines Amoklaufs gerufen: Der junge Afroamerikaner Latrell hat in der Highschool soeben den äusserst beliebten Lehrer Jeff Spearman abgeknallt, worauf er von zwei weissen Cops erschossen wurde. Kurz danach die unfassbare Entdeckung: Auf Spearmans Handy findet Titus pornografische Bilder, die an Scheusslichkeit nicht zu überbieten sind: drei Männer mit ledernen Wolfsmasken, die Teenager zu Tode quälen. Spearman, Latrell und eine dritte Person. Titus verspricht, „alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen, um den Letzten Wolf zu finden und ihm die Maske herunterzureissen“. Im Wurzelgeflecht einer Trauerweide stösst er mit seinem Team auf sieben Leichen. Schwarze Jungs und Mädchen. Die Wolfsjagd wird für Titus Crown eine Zerreissprobe, in diesem von fehlgeleitetem Patriotismus, Rassenhass und religiöser Besessenheit durchsetzten Landstrich im Jahr nach Trumps Wahlsieg.
Zum Porträt: Cosby, S.A.