(1946-2018)
Geboren in Südafrika als Sohn einer niederländisch-britisch/irischen Familie, wuchs Peter Temple zweisprachig (Afrikaans und Englisch) in einer kleinen Stadt an der Grenze zu Botswana auf. Nach der Schulzeit verbrachte er ein Jahr beim Militär in Kapstadt. Bei seiner darauffolgenden Tätigkeit für die regierungskritische Tageszeitung ‚Cape Argus‘ wurde er mit den schlimmsten Auswüchsen der Apartheid konfrontiert. Nachdem er mit Mitte zwanzig Anita geheiratet hatte, zog er mit ihr in das heutige Mahkanda, um Geschichte und Politik an der Rhodes University zu studieren. Aufgrund der Ermordung des Anti-Arpartheid-Aktivisten Steve Biko im Jahr 1977 kehrte er dem Land endgültig den Rücken und ging nach Hamburg, wo er als Übersetzer arbeitete. 1980 liess er sich mit seiner Frau in Sydney nieder. Zwei Jahre später zog er nach Melbourne, führte seine journalistische Laufbahn weiter und hielt Vorlesungen im Bereich Medienwissenschaften. 1995 wurde er freier Autor. Peter Temple erlag 71-jährig in seinem Haus in Ballarat, Victoria, einer Krebserkrankung und hinterliess seine Frau und seinen Sohn Nicholas.
Temples vielfach preisgekröntes literarisches Werk besteht aus fünf grandiosen Standalones und der vierteiligen – unter der holprigen Übersetzung und der Unmenge von Randfiguren und Nebensträngen leidenden – Jack Irish-Serie.
Jack Irish arbeitete in Melbourne erfolgreich als Strafverteidiger, bis er nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau den Boden unter den Füssen verlor. Er liess sich treiben, verbrachte die Tage in schäbigen Pubs und kehrte der Jurisprudenz den Rücken. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er seither mit Pferdewetten, Schreinerarbeiten und Gelegenheitsjobs – Schulden eintreiben, Zeugen ausfindig machen, hin und wieder eine Ermittlung.
Am Anfang des ersten Bandes ‚Vergessene Schuld‘ meldet sich einer seiner früheren Klienten bei ihm, der Ex-Junkie und Ex-Polizeispitzel Danny McKillop, der wegen fahrlässiger Tötung – er soll mit zwei Promille eine junge Linksaktivistin überfahren haben, beteuerte jedoch stets seine Unschuld – acht Jahre im Gefängnis einsass. Unmittelbar vor dem vereinbarten Treffen wird Danny erschossen. In den folgenden Tagen werden weitere an den damaligen Ereignissen Beteiligte aus dem Weg geräumt, was Irish und seine neue Freundin, die mutige Journalistin Linda Hillier, jedoch nicht von weiteren Nachforschungen abhält – und ein bis in höchste politische Kreise reichendes Komplott aufzudecken.
MacArthur John Faraday, genannt Mac, Ich-Erzähler des Noirs ‚Die Schuld vergangener Tage‘, war dreizehn lange Jahre verdeckter Drogenfahnder bei der Bundespolizei, bevor er nach einem fürchterlich schiefgelaufenen Job aus dem Dienst aussschied und sich in sein ländliches Geburtsdorf südlich von Melbourne zurückzog, um als Schmied und Gartenbauer zu arbeiten. Auf der ersten Seite der Erzählung holt ihn die Vergangenheit ein, als sein Nachbar und bester Freund Edward „Ned“ Lowey erhängt in seiner Scheune vorgefunden wird. Kein Abschiedsbrief, kein offensichtlicher Grund für einen Suizid, doch in Neds Nachlass findet Mac drei Zeitungsberichte über die kürzliche Entdeckung des mindestens zehn Jahre alten Skeletts eines sechzehnjährigen Mädchens, das offensichtlich einem Genickbruch erlegen war. Zudem erfährt er, dass Ned seinerzeit Aufträge in Kinross Hall, dem nahegelegenen Jugendheim für „gefallene Mädchen“, erledigt hat. Dann geht es Schlag auf Schlag: Weitere Menschen kommen ums Leben, auf Mac werden Anschläge verübt, und alle Spuren führen nach Kinross Hall – Hort der Niedertracht, Heimtücke und sexuellen Gewalt. Der raffinierte Plot und Temples feines Händchen für Dialoge und Figuren zeichnen den sorgfältig ins Deutsche übertragenen Krimi aus.
Der Politthriller ‚Tage des Bösen‘ spielt in Johannisburg, Hamburg, London und Wales. John Anselm, ehemaliger Kriegsreporter deutsch-amerikanischer Abstammung, wurde Anfang der 90er-Jahre in Beirut entführt und dreizehn Monate gefangen gehalten. Als gebrochener Mensch, der seine Panikattacken mit Alkohol unterdrückt, arbeitet er seither in Hamburg für die Agentur W&K, die „Informationen sammelt und verkauft“ – bzw. Personen aufspürt, die nicht gefunden werden wollen. Zielperson ist diesmal der Bodyguard Jonathen Niemand, einst als Söldner und Killer in Südafria am Werk, der zufällig in den Besitz einer Videokassette kam, die ein Massaker in Angola durch amerikanische Truppen dokumentiert. Hochexplosives Material, das Niemand jetzt in London an die Enthüllungsjournalistin Caroline Wishart verkaufen will. Doch schnell wird ihm klar, dass mehrere Parteien an dem Film interessiert sind, und dass jeder, der den Film gesehen hat, unverzüglich liquidiert wird. Schnelle Perspektiven- und Schauplatzwechsel und die ausgewogene Mischung aus harten Actionszenen und diffenzierten Charakterstudien halten die Spannung hoch.
‚Kalter August‘ ist Temples Meisterwerk, hier hat er seine Spezialität, die nichtlineare Erzählstruktur – er bremst den Erzählfluss immer wieder durch Zeitsprünge, Szenenwechsel, innere Monologe, kleine Geschichten, Erinnerungsfetzen und überraschende Details – perfektioniert. Detective Sergeant Joe Cashin, geschiedener Vater eines Sohnes, den er nie sieht, ist die Hauptperson. Er arbeitete bei der Mordkommission Melbourne, bis er sich nach traumatischen Erlebnissen in das nahegelegene (fiktive) Küstenstädtchen Port Monro versetzen liess. Dort leitet er jetzt die kleine Polizeistation und renoviert mit einem Wanderarbeiter das alte zerfallene Haus, in dem er aufgewachsen ist. Die Geschichte beginnt mit der Ermordung des alten Fabrikanten und Wohltäters Charles Bourgoyne. Drei jugendliche Aborigines werden der Tat bezichtigt und durch korrupte Polizisten in den Tod gehetzt. Cashin zweifelt an ihrer Schuld. Vielmehr vermutet er einen Zusammenhang zwischen dem Mordanschlag auf Bourgoyne und dem durch diesen vor Jahren ins Leben gerufenen Projekt, in Heimen lebenden Waisenknaben einen „unvergesslichen“ Ferienaufenthalt in einem Sommercamp zu ermöglichen. Ein Projekt, das nach einem Brand, dem drei Jungs zum Opfer fielen, ein schnelles Ende nahm. Zusammen mit dem indigenen Detective Sergeant Paul Dove und Helen Castleman vom Aboriginal Legal Service wühlt Cashin im Dreck und enthüllt ein Geflecht aus Rassismus und Korruption, Machtgier, Rachsucht und politischen Intrigen.
In seinem letzten Roman ‚Wahrheit‘ zeichnet Peter Temple in lakonischem Stil das Bild einer verrohten, zerfallenden Gesellschaft. Ich-Erzähler Stephen Villani, Leiter des Morddezernats des Bundesstaates Victoria in Melbourne, ist eine vielschichtige gebrochene Gestalt: Ältester Sohn eines verwitweten, gefühlskalten Vietnamveteranen, kaputte Ehe, drei Kinder, unter ihnen Lizzie, die mit fünfzehn bereits tief im Drogensumpf steckt; ein eigenwilliger, kompromissloser und unbestechlicher, etwas ausgebrannt wirkender Cop, der seine feinfühlige Seite mit grimmig-humorigen Sprüchen übertüncht. Der gewaltsame Tod einer jungen Prostituierten in einem luxuriösen Apartmentkomplex bildet den Ausgangspunkt einer durch hochrangige Politiker und Polizisten gedeckten, immer weitere Kreise ziehenden Mordserie, deren Aufklärung Villani alles abverlangt.
Jack Irish-Serie: ‚Bad Debts‘ – ‚Vergessene Schuld‘ (1996), ‚Black Tide‘ – ‚Spur ins Nichts‘ (1999), ‚Dead Point‘ – ‚Die letzte Botschaft‘ (2000), ‚White Dog‘ – ‚Totengedenken‘ (2003);
Standalones: ‚An Iron Rose‘ – ‚Die Schuld vergangener Tage‘ (1998), ‚Shooting Star‘ – Shooting Star‘ (1999), ‚In the Evil Day‘ – ‚Tage des Bösen‘ – ‚2002), ‚The Broken Shore‘ – ‚Kalter August‘ (2005), ‚Truth‘ – ‚Wahrheit‘ (2009).