(Kürzel für Cornell George Hopley-Woolrich, 1903-1968; schrieb auch als William Irish und George Hopley)

Geboren in New York City, wuchs Cornell Woolrich nach der Scheidung seiner Eltern zunächst bei seinem Vater Gennaro auf, der in Mexico City als Ingenieur tätig war. Mit zwölf Jahren kehrte er zu seiner Mutter Claire nach New York zurück. Von 1921 bis 1926 besuchte er sporadisch die Columbia University (er belegte die Fächer Journalismus, Philosophie und Literatur), brach das Studium jedoch vorzeitig ab, um seinem grossen Vorbild F. Scott Fitzgerald nachzueifern und Schriftsteller zu werden. Sein zweiter Roman ‚Children of the Ritz‘ trug ihm 1929 einen Vertrag mit den ‚First National Pictures‘ ein – Woolrich ging nach Hollywood, wo er während drei Jahren an mehreren Drehbüchern mitarbeitete, ohne den Durchbruch zu schaffen.

Nach einer katastrophalen, nur drei Monate dauernden Ehe mit Gloria Blackton, einer Tochter des Stummfilmpioniers J. Stuart Blackton, und ein paar homosexuellen Abenteuern zog Woolrich 1932 zu seiner dominanten Mutter, mit der ihn eine bizarre Hass-Liebe verband. Obwohl recht begütert, verbrachten die beiden die folgenden 25 Jahre in dem schäbigen, hauptsächlich von Zuhältern, Nutten und Kriminellen bewohnten Hotel Marseilles in den Slums von Harlem. Als die Mutter 1957 starb, brach für Woolrich eine Welt zusammen. Er übersiedelte in das New Yorker Hotel Franconia, verfiel dem Alkohol und war nach dem Verlust eines Beines an den Rollstuhl gefesselt. Sein letzter Wohnsitz war das Hotel Sheraton-Russell in Manhattan. Verbittert und vereinsamt erlag er dort mit 64 Jahren einem Schlaganfall. Zum Gedenken an seine Mutter stiftete er seinen Nachlass von 850’000 Dollar der Columbia University zur Unterstützung von Journalismus-Studenten.

Woolrichs literarisches Werk umfasst sechs von Fitzgerald beeinflusste, zwischen 1926 und 1932 erschienene Gesellschaftsromane („Jazz Age Fiction“), über 200 Kurzgeschichten, die in den einschlägigen Pulp-Magazinen abgedruckt wurden, sechzehn, zum Teil unter den Pseudonymen William Irish, George Hopley und H.H. Holmes publizierte Spannungsromane (darunter die einflussreiche „Schwarze Serie“) und die Fragment gebliebene Autobiografie ‚Blues for a Lifetime‘.

Die „Schwarze Serie“ enthält sechs klaustrophobische, atmosphärisch dichte, oft aus der Sicht von Frauen beschriebene, in der Regel unglücklich endende Psychothriller (die so genannten „Black-Romane“: im Titel taucht immer das Adjektiv black auf), in denen die Zweifel, Obsessionen und elementaren Ängste der Protagonisten – zumeist kleine, verloren wirkende Leute, deren Leben durch ein Ereignis aus den Fugen gerät – einfühlsam und plastisch beschrieben sind, während der Handlungsführung zugunsten der Spannung (Woolrich war ein Meister der „tickende Uhr“-Technik) bisweilen etwas die Plausibilität abgeht.

Als Woolrichs beste Romane gelten ‚Die Braut trug schwarz‘, ‚Die Nacht hat tausend Augen‘, und ‚Ich heiratete einen Toten‘, alle aus den 40er-Jahren, der produktivsten Zeit des Autors. ‚Die Braut trug schwarz‘, der erste Band der „Schwarzen Serie“, erzählt von Julie Killeen, einer jungen Frau aus New York, die zur Serienmörderin wird, als ihr Mann unmittelbar nach der Hochzeit vor der Kirche überfahren wird. Ihr Motiv bleibt zunächst unklar, die Kriminalpolizei, verkörpert durch Lew Wanger, tappt im Dunkeln, denn die Verwandlungskünstlerin Julie geht äusserst geschickt vor, und zwischen den durchwegs männlichen Opfern scheint es keine Gemeinsamkeiten zu geben.

‚Die Nacht hat tausend Augen‘ ist Woolrichs Meisterwerk. Harlan Reid, Witwer und erfolgreicher Geschäftsmann, wird in wenigen Wochen sterben – dies sagt zumindest ein schrulliger, älterer Mann voraus, Jeremiah Tompkins, dessen Prophezeiungen bisher immer eingetroffen sind und Reid auch oft geholfen haben -, und zwar zu einem exakt vorausgesagten Zeitpunkt im Rachen eines Löwens! Als die angekündete Todesstunde immer näher rückt, zerfällt Reids Persönlichkeit. Dies geht seiner Tochter Jean dermassen nahe, dass sie Selbstmord begehen will. Der junge Polizist Tom Shawn kann sie in letzter Sekunde davon abhalten, worauf sie ihm den Grund für ihren Seelenschmerz verrät. Shawn und sein Vorgesetzter Lieutenant McManus, die beide nicht an Prophezeiungen glauben, mobilisieren nun den Polizeiapparat, um Tompkins (und seinen mutmasslichen Hintermännern) das Handwerk zu legen und Harlan Reids Leben zu retten, doch dieser scheint den Tod bereits in sich zu tragen. Aus diesem Rohmaterial baut Woolrich, „der Magier der Finsternis“, eine faszinierende, unter die Haut gehende Geschichte, in der die Figuren (wie meistens bei Woolrich) hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert sind in einer düsteren und bedrohlichen Welt voller Fallen, Seltsamkeiten und Intrigen.

‚Ich heiratete einen Toten‘ ist die Geschichte der jungen Helen, einer einsamen, mittellosen Frau, die sich in New York in einen Dreckskerl verliebt, von ihm geschwängert und bald darauf auf die Strasse gestellt wird. In ihrer Verzweiflung steigt sie in den Zug nach San Francisco, wo sie herkommt. Sie trifft auf ein nettes, frisch verheiratetes Paar – Patrice, auch sie hochschwanger, und Hugh. Die beiden befinden sich auf der Reise zu seinen Eltern, die ihre Schwiegertochter noch nie gesehen haben. Dann verunglückt der Zug, Patrice und Hugh sterben, und die schwer verletzte Helen, die durch einen Zufall Patrices Ehering am Finger trägt, bringt ihr Baby zu Welt. Hughs wohlhabende Eltern halten Helen für Patrice, freuen sich über ihren Enkel nehmen die beiden bei sich auf. Nach heftigen Gewissenskämpfen beschliesst Helen, die Wahrheit zu verschweigen, um nicht wieder in der Gosse zu landen. Sie verliebt sich in Hughs Bruder Bill, doch ihre Hoffnung auf ein wenig Glück im Leben wird jäh zerstört, als ihr nichtsnutziger Ex-Lover (der Vater ihres Kindes) auf der Bildfläche erscheint.

Woolrich, in den 40er- und frühen 50er-Jahren auch in kommerzieller Hinsicht ein recht erfolgreich Autor, wäre wohl längst vergessen, wenn nicht Alfred Hitchcock (‚Das Fenster zum Hof‘), Robert Siodmak (‚Phantom Lady‘), Francois Truffaut (‚Die Braut trug schwarz‘, ‚Walzer in die Dunkelheit‘) und andere namhafte Regisseure seine Kurzgeschichten und Romane verfilmt hätten.

Im Jahr 1988 veröffentlichte Francis M. Nevins Jr. die grossartige Woolrich-Biografie ‚Cornell Woolrich: First You Dream, Then You Die‘. Der Titel bezieht sich auf Woolrichs oft zitierten Aphorismus, der das Kriminalwerk, aber auch das Weltbild des Autors auf den Punkt bringt.

Bibliografie:

Romane:

Als Cornell Woolrich:

Die „Schwarze Serie“: ‚The Bride Wore Black‘ (auch unter dem Titel ‚Beware the Lady‘) – ‚Die Braut trug schwarz‘ (auch unter dem Titel ‚Die Braut trägt schwarz‘, 1940), ‚The Black Curtain‘ – ‚Der schwarze Vorhang‘ (1941), ‚Black Alibi‘ – ‚Schwarzes Alibi‘ (1942), ‚The Black Angel‘ – ‚Der schwarze Engel‘ (auch unter dem Titel ‚Adresse: Friedhof‘, 1943), ‚The Black Path of Fear‘ – ‚Der schwarze Pfad‘ (auch unter dem Titel ‚Der dunkle Pfad der Angst‘, 1944), ‚Rendezvous in Black‘ – ‚Rendezvous in Schwarz‘ (auch unter dem Titel ‚Die Tote vom 31. Mai‘, 1948);

Andere Romane: ‚Savage Bride‘ – ‚Die wilde Braut‘ (1950), ‚Death Is My Dancing Partner‘ (1959), ‚Into the Night‘ – ‚Die Nacht trägt schwarz‘ (zu Ende gebracht von Lawrence Block, 1987).

Als William Irish:

‚Phantom Lady‘ – ‚Phantom Lady‘ (1942), ‚Deadline at Dawn‘ – ‚Am Ende dieser langen Nacht‘ (auch unter dem Titel ‚Jagd im Morgengrauen‘, 1944) ‚Waltz into Darkness‘ – ‚Walzer in die Dunkelheit‘ (1947), ‚I Married a Dead Man‘ – ‚Ich heiratete einen Toten‘ (1948), ‚Strengler’s Serenade‘ (1951).

Als George Hopley:

‚Night Has a Thousand Eyes‘ – ‚Die Nacht hat tausend Augen‘ (1945), ‚Fright‘ – ‚Schatten der Nacht‘ (1950).

Geschichtensammlungen:

Als Cornell Woolrich:

‚Nightmare‘ (1956), ‚Violence‘ (1958), ‚Hotel Room‘ (1958), ‚Beyond the Night‘ (1959), ‚The Doom Stone‘ (1960), ‚The Ten Faces of Cornell Woolrich‘ (1965), ‚The Dark Side of Love‘ (1965).

Als William Irish:

‚I Wouldn’t Be in Your Shoes‘ (1943), ‚After-Dinner Story‘ (1944), ‚If I Should Die Before I Wake‘ (1945), ‚The Dancing Detective‘ (1946), ‚Borrowed Crime‘ (1946), ‚Dead Man Blues‘ (1946), ‚The Blue Ribbon‘ (1949), ‚Somebody on the Phone‘ (1950), ‚Six Nights of Mystery‘ (1950), ‚Bluebeard’s Seventh Wife‘ (1952), ‚Eyes That Watch You‘ (1952).