(Pseudonym für Roy Peter Martin, 1931-2014; schrieb auch als Hampton Charles)

Roy Peter Martin, geboren und aufgewachsen in London als Spross eines Postangestellten und einer Schneiderin, ging von 1942 bis 1948 an die Highbury Grammar School und studierte danach, unterbrochen durch den Militärdienst bei der Royal Air Force 1950/51, Philosophie und Politikwissenschaft am Birkbeck College in London, das er 1956 mit dem Master abschloss. 1958/59 studierte er an der westdeutschen Universität Tübingen. Seine erste, 1951 mit Marjorie Peacock geschlossene Ehe wurde 1960 geschieden. Im selben Jahr heiratete er die Schauspielerin Joan Drumwright und hatte mit ihr zwei Söhne, James und Adam.

Ab den frühen 60er-Jahren arbeitete Martin während über zehn Jahren als Kultur- und Erziehungsberater für die britische Botschaft in verschiedenen Ländern, Japan (Kyoto, 1963-1970) und Ungarn (Budapest, 1972-1973) waren seine wichtigsten Stationen. 1973 kehrte er nach London zurück, 1977 wurde seine Ehe aufgelöst. Im folgenden Jahr heiratete er seine dritte Frau Catherine Sydee, eine Künstlerin. Von 1979 bis 1983 war Martin noch einmal als Kulturberater in Japan tätig (er hatte sich längst in das Land und seine Bevölkerung verliebt und sprach fliessend Japanisch), danach liess er sich endgültig in London nieder, um sich nun – vier Jahre nach seinem Debüt als Krimiautor – hauptberuflich dem Schreiben zu widmen. Sein Pseudonym James Melville setzt sich aus den Vornamen seiner Söhne Adam Melville und James Peter zusammen.

Das Herzstück von Melvilles Krimiwerk bildet die 13-teilige Serie um Superintendent Otani aus Kobe. Tetsuo Otani ist verheiratet mit der treuen und reizvollen Hausfrau Hanae, die ihn oft bei seinen Fällen berät, und Vater der aufmüpfigen, mit Akira Shimizu verheirateten Tochter Akiko, ein Paar mit linksradikaler Vergangenheit, zu dem er eine enge Beziehung pflegt, das jedoch später nach England übersiedelt. Er ist ein konservativer, den alten japanischen Werten verpflichteter, etwas steifer Mann mittleren Alters und ein scharfsinnier Ermittler. Seine Assistenten sind Jiro Kimura und Hachiro „Ninja“ Noguchi, zwei am Rande der japanischen Gesellschaft stehende Männer: Der smarte, attraktive Junggeselle Kimura wurde in Chicago geboren und vergrämt Otani mit seinen sexuellen Abenteuern, und Noguchi gehört zu den Japanern koreanischer Herkunft, eine Population, die in Japan nicht anerkannt ist. Noghuchi hat überdies mit einer Koreanerin einen Sohn, der in Drogengeschäfte verwickelt ist, und pflegt Beziehungen zu Kobes Unterwelt. Die mit leichter Feder und viel Humor erzählten Romane vermitteln faszinierende Einblicke in die japanische Mentalität und Kultur, in die Gegensätze zwischen den Traditionen und der Moderne, aber auch in die düsteren Seiten des Landes.

Als Melvilles bestes Buch gilt ‚Der Tod eines Daimyo‘ (der Begriff „Daimyo“ steht für einflussreiche, oft untereinander zerstrittene japanische Grossgrundbesitzer, die nicht notwendigerweise eine blütenweisse Weste tragen – oder, einfacher ausgedrückt, für „Gangsterboss“), Teil sechs der Otani-Serie, eine in Japan und England spielende Geschichte. In Cambridge wird ein ehrenwertes Mitglied einer japanischen Handelsdelegation ausgerechnet vor den Augen des bei seiner Tochter und seinem Schwiegersohn weilenden Tesuo Otani erstochen wird, während in Kobe der betagte Yakuza-Führer Konnsuke Yamamoto seinen letzten Schnaufer tut – zwei Ereignisse, die eng miteiander verknüpft sind; und deren Hintergründe dank der ausgezeichneten Zusammenarbeit zwischen dem in England bleibenden Otani und seinen beiden von Kobe aus operierenden Mitarbeitern ans Tageslicht kommt.

Unter dem Pseudonym Hampton Charles erweiterte Martin die Miss Seeton-Serie (Miss Emily Seeton ist eine pensionierte Lehrerin und Hobbyschnüfflerin) des 1980 verstorbenen Heron Carvic um drei Bände. Zwei Krimis um den britischen Geheimagenten Ben Lazenby, ein gemeinsam mit seiner zweiten Frau verfasstes Buch über die japanische Küche (‚Japanese Cooking‘), zwei historische Romane (Chrysantheme und Schwert‘ und ‚Der getarnte Phönix‘) und das Sachbuch ‚The Chrysanthenum Throne: A History of the Emperors of Japan‘ runden das Werk des Autors ab. Mitte der 90er-Jahre beendete er seine schriftstellerische Laufbahn nach einem Hirnschlag, von dem er sich gut erholte, und genoss nun das Leben in vollen Zügen.

Roy Peter Martin verbrachte seinen Lebensabend an der Seite der Historikerin Carloe Rawcliffe in der ostenglischen Stadt Norwich, County Norfolk, und starb dort im Alter von 83 Jahren.

Bibliografie:

Superintendent Otani-Serie: ‚The Wages of Zen‘ – ‚Lohn des Zen‘ (1979), ‚The Chrysanthenum Chain‘ – ‚Die Chrysanthemen-Kette‘ (1980), ‚A Sort of Samurai‘ – ‚Ein alter Samurai‘ (1981), ‚The Ninth Netsuke‘ – ‚Das neunte Netsuke‘ (1982), ‚Sayonara, Sweet Amaryllis‘ – ‚Sayonara für eine Sängerin‘ (1983), ‚Death of a Daimyo‘ – ‚Der Tod eines Daimyo‘ (1984), ‚The Death Ceremony‘ – ‚Die Todeszeremonie‘ (1985), ‚Go Gently, Gaijin‘ – ‚Vorsicht Fremder‘ (1986), ‚Kimono for a Corpse‘ – ‚Kimono für eine Leiche‘ (1987), ‚The Reluctant Ronin‘ – ‚Ein Ronin spielt nicht mit‘ (1988), ‚A Haiku for Hanae‘ – ‚Ein Haiku für Hanae‘ (1989), ‚The Bogus Buddha‘ – ‚Der Falsche Buddha‘ (1990), ‚The Body Wore Brocade‘ (1992);

Ben Lazenby-Romane: ‚Diplomatic Baggage‘ (1995), ‚The Reluctant Spy‘ (1995).

Als Hampton Charles: Miss Seeton-Trilogie: ‚Advantage Miss Seeton‘ (1990), ‚Miss Seeton at the Helm‘ (1990), ‚Miss Seeton, by Appointment‘ (1990).