(*1960)

Kurt Lanthaler, geboren in Bozen/Bolzano, aufgewachsen in St. Pauls an der Weinstrasse im Südtirol, ist ein vielseitiger und produktiver Mann: Mitarbeiter bei Printmedien und Radiostationen 1978 bis 1990; Beleuchter, Kameramann und Produktionleiter bei mehreren Fernseh- und Kinoproduktionen; zwei Jahre Studium an der Deutschen Film- und Fernseh-Akademie Berlin; Verfasser von Gedichten, Kurzgeschichten, Romanen, Drehbüchern, Theaterstücken, einem Hörspiel und einem Libretto; Übersetzer von Peppe Lanzetta und Roberto Alajmo aus dem Italienischen; Frontman der Blueskombo ‚Bethlehem Revival Band‘; Gründungsmitglied der ‚Südtiroler Autorenvereinigung‘. Er bezeichnet sich selbst als „Italienischen Autor, der deutsch schreibt“, und lebt seit 1987 vornehmlich in Berlin.

Lanthalers Kriminalwerk enthält fünf sauber gebaute, in einem eigenwilligen Stil (einer Mischung aus Umgangssprache, italienischen Einsprengseln und Südtiroler Dialekt), mit feinem Humor und unaufdringlich zeitkritischem Blick erzählte, durch präzise Milieuschilderungen und viele kleine Beobachtungen abgerundete Romane, in denen die Südtiroler Hauptfigur Tschonnie Tschenett, Aussteiger und Gelegenheitsdetektiv, ihr Treiben unablässig kommentiert, mitunter auch in dialogartigen Selbstgesprächen. Die Geschichten sind jeweils mit einem umfangreichen, unterhaltsam-lehrreichen Glossar versehen.

Tschonnie Tschenett, Jahrgang 1952, arbeitete nach abgebrochenem Gymnasium in einem Bestattungsunternehmen, bis er frustriert das Weite suchte und als Seemann auf allen Meeren unterwegs war. Nach siebzehn abenteuerlichen Jahren zurück in seiner Heimat, lebt er seit 1987 zusammen mit Carabinieri, Polizisten und Zollbeamten im „Haus Waldfrieden“ im beschaulichen Wallfahrtsort Maria Trens, einem Dorf südlich von Sterzing, und hält sich mit Jobs wie Aushilfs-LKW-Fahrer, Rausschmeisser und Disc Jockey über Wasser. Seine engsten Bezugspersonen sind die mütterliche Kneipenwirtin Berta und der von apulischen Kleinbauern abstammende Polizeibeamte Totò, zwei eigenständige Figuren. Tschenett hat eine Schwäche für alkoholische Getränke jeder Art, für junge Frauen – und für Dinge, die ihn eigentlich nichts angehen, sodass er immer wieder in Kriminalfälle reinstolpert.

Der erste Titel ‚Der Tote im Fels‘, im Winter 1991/92 als Fortsetzungsgeschichte in der Bozener Tageszeitung ‚Il mattino/EXTRA‘ erschienen, ist auf der (fiktiven) Basistunnel-Baustelle am Brenner angesiedelt, wo Tschenett darauf wartet, dass sein LKW mit Bauschrott beladen wird. Als bei Sprengarbeiten die nur wenige Tage alte Leiche eines Unbekannten ans Tageslicht kommt, schnappt sich Tschenett in der allgemeinen Aufregung den Aktenkoffer des Toten – ein verhängnisvoller Fehler, denn bald schon sind ihm korrupte Polizisten, ein rechtsradikaler Terrorist, der für ein freies Tirol kämpft, ein alter Nazi, Grundstückspekulanten und anderes Gelichter auf den Fersen.

‚Grobes Foul‘, chronologisch der erste, 1989, zwei Jahre vor ‚Der Tote im Fels‘, spielende Roman, dreht sich natürlich um Fussball. Und um Mord. Unterwegs nach Sterzing mit seinem LKW, trifft Tschonnie Tschenett in einer trostlosen Nacht zufällig auf Paolo Canaccia, den Stürmerstar der AS Roma mit einer Vergangenheit als Profi bei Hertha BSC, der sein Sommertraining zurzeit im Südtirol absolviert – und als Opfer einer Erpressung in einen Mord verwickelt wird. Tschenett übernimmt die Ermittlungen des unübersichtlichen Falls. Und bringt damit seine Karriere als Privatdetektiv ins Rollen.

In ‚Herzsprung‘ steht der rastlose Amateurdetektiv auf der Fahndungsliste der italienischen Polizei, nachdem er einen von ihnen mit Handschellen an einen LKW gefesselt hat. Seine Flucht über die „grüne Grenze“ führt ihn nach Österreich, Berlin und schliesslich nach Herzsprung bei Wittstock, wo ihm ein alter Kumpel einen lukrativen Job vermittelt – Zigarettenschmuggel im grossen Stil mit vietnamesischen Asylbewerbern als Kanonenfutter, wie Tschenett erst viel zu spät begreift.

‚Azzurro‘ wirft einen Blick zurück auf Tschenetts dunkle Vergangenheit des Jahres 1977, als er – als Seemann an Bord eines Fischdampfers auf dem Nordmeer unterwegs – beschuldigt wurde, einen Kollegen über Bord geworfen und damit in den sicheren Tod im eisigen Wasser getrieben zu haben. Fast zwanzig Jahre später trifft er in Hamburg zufällig auf seinen damaligen Widersacher; er verprügelt ihn windelweich und muss dafür ins Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel. Nach sieben Monaten wieder auf freiem Fuss, zieht es Tschenett in den warmen Süden. Er landet in Albanien, im Frühjahr 1997 eine Hochburg der internationalen Geldwäscherei und Waffenschieberei, wo gerade heftige Aufstände (der so genannte Lotterieaufstand) stattfinden und das Land an den Rand eines Bürgerkriegs führen. Doch Tschenett übersteht auch dieses Abenteuer unbeschadet – und kommt nach einer scheusslichen Fahrt durch das Adriatische Meer in der apulischen Hafenstadt Brindisi halbwegs zur Ruhe.

Nach fünf Jahren in einer kleinen Wohnung am Hafen von Saloniki, wo er sich als Dolmetscher und Koch durchschlug, ist wieder einmal ein Tapetenwechsel fällig: Tschenett geht nach Neapel, begegnet dort seinem Freund Totò, der gerade an einem völlig absurden „Kongress der europäischen Polizisten“ (eine Art Trainingskurs für den bevorstehenden G8-Gipfel in Genua) teilnimmt, und wird dann mit der Entführung eines 16-jährigen Mädchens konfrontiert. Lanthaler entwirft in diesem, seinem letzten, Tschonnie Tschenett-Krimi ‚Napule‘ (neapolitanisch für Neapel) ein farbiges Sittengemälde der zerrütteten süditalienischen Stadt.

Bibliografie:

Tschonnie Tschenett-Serie: ‚Der Tote im Fels‘ (1993), ‚Grobes Foul‘ (1993), ‚Herzsprung‘ (1995), ‚Azzurro‘ (1998), ‚Napule‘ (2002).