(*1947; schreibt auch als T. J. Middleton)
Tim Binding kam in der deutschen Stadt Essen zur Welt, wo sein Vater nach dem Krieg eine hohe Position in der Wirtschaft innehatte, wuchs aber in Ilkley (Yorkshire) und London auf. Er arbeitete viele Jahre als Lektor für die Londoner Verlagshäuser Penguin Books und Simon & Schuster. In den 90ern wandte er sich dem Schreiben von Romanen und Drehbüchern zu. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1998 mit ‚Island Madness‘ (deutsch: ‚Inselwahn‘). Im selben Jahr war er Koautor der BBC-Serie ‚The Last Salute‘. 2001 sind seine Memoiren ‚On Ilkley Moor: The Story of an English Town‘ erschienen. Tim Binding lebt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in der Grafschaft Kent.
Bindings zweiter Roman ‚Eine tadellose Hinrichtung‘ pendelt zwischen Gesellschaftsstudie und psychologischem Thriller. Mitgefühl, Vergeltung und Erlösung sind die zentralen Themen. Jeremiah „Jem“ Bembo, seine Gattin Judith und Jems dreister Cousin (und Judiths Ex-Freier) Wilfred „Will“ Bembo stehen im Mittelpunkt der meisterhaft gebauten, tief bewegenden Geschichte. Die Grundlage bilden drei Ereignisse, die sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zutragen und Jems Leben radikal verändern: Bei einem Bombenangriff durch Nazideutschland verliert er ein Auge. Gleichentags lernt er Judith kennen; wenig später beteiligt er sich am grausamen Mord an einem schwer verletzten abgestürzten Kampfpiloten der Wehrmacht. Um dieses Unrecht wieder gutzumachen, unter dem Decknamen Solomon Straw, bewirbt er sich als Henker Ihrer Majestät. Er bekommt den Job und setzt sich nun zum Ziel, die Verurteilten auf möglichst humane Weise ins Jenseits zu befördern. Akribisch macht er sich daran, Technik und Stil seiner Arbeit zu perfektionierten. Schon bald gelingt es ihm, ein ausgewogenes Verhältnis eine zwischen Empathie, Gerechtigkeit und Pflicht zu erlangen, derweil seine Gefühle für Judith am Verkümmern sind. Es dauert zwanzig Jahre, bis die Geburt seines einzigen Kindes sowie, zwei Tage danach, ein unverzeihlicher Fehler bei einer Hinrichtung sein Leben von Neuem auf den Kopf stellen.
‚Inselwahn‘ spielt auf der Kanalinsel Guernsey im dritten Jahr der deutschen Okkupation, als Hitler im Spätfrühling 1943 die Insel zur Festung gegen die Alliierten ausbauen liess. Major Lentsch obliegt die militärische Verwaltung. 16’000 Zwangsarbeiter aus den eroberten Ländern schuften unter scheusslichen Bedingungen in den Diensten der Organisation Todt in den Fabriken und im Strassenbau. Die Inselbewohner haben sich längst mit den Besatzern arrangiert, den Balanceakt zwischen Opposition und Kollaboration verinnerlicht. Da wird eines Morgens Lentschs Geliebte Isobel van Dielen, die schillernde Tochter des leitenden Bauingenieurs, in einem Bunker ermordet aufgefunden: Genickbruch, Mund und Nase mit Zement gefüllt. Inspektor Net Luscombe – auch er war Isobels Reizen verfallen – ist für die Ermittlungen zuständig. Lentsch unterstützt ihn dabei. Kurz danach löst sich Isobels Vater in Luft auf. Kommt hinzu, dass eine Schmugglerbande auf Guernsey ihr Unwesen treibt. Und dass Hitlers Besuch der Insel unmittelbar bevorsteht. Ein Fall für sich ist Nets Onkel Albert Luscombe: ein widerborstiger, hasserfüllter Mann mit Rückgrat: „Die Insel muss gründlich gerodet werden wie ein Beet voller kranker Wurzelstöcke…Alles umgraben und die Erde verbrennen.“ Plant er ein Attentat auf Adolf Hitler? ‚Inselwahn‘, ein gekonnt inszenierter Mix aus Kriegsgeschichte, Liebesroman und Whodunit mit fein ausdifferenzierten Figuren, zeichnet ohne Schwarz-Weiss-Malerei das Bild einer verschachtelten, von Eifersucht, Gewinnsucht und Verrat getriebenen Gesellschaft.
Die rotzfreche Cliffhanger-Trilogie ist in einem malerischen, stinklangweiligen Fischerdorf an der englischen Kanalküste angesiedelt. „Das Dorf war klein und unnütz und ohne jede Perspektive. Als würde man an einem Bonbon lutschen, das nie kleiner wurde.“ Auf insgesamt rund tausend Seiten zündet Binding ein Feuerwerk an schwarzhumorigen Szenen, Situationskomik, tiefsinnigen inneren Monologen, kernigen Sprüchen und originellen Metaphern. Getragen werden die Romane von prägnant gezeichneten, höchst eigenständigen Gestalten, die Kriminalhandlung ist von untergeordneter Bedeutung. Im Mittelpunkt steht der Taxiunternehmer Al Greenwood, seit dreissig Jahren unglücklich verheirateter Besitzer von zwei Koi-Karpfen, die er über alles liebt. Ein ausgekochter, schrulliger, charmanter Bursche mittleren Alters, dem man sein hinterhältiges Treiben leicht verzeiht. Zum harten Kern der Trilogie gehören auch Al Greenwoods Gattin Audrey, der tapsige Dorfpolizist und Fischexperte Adam Rump, seine fiese Ehefrau Michaela und das dauerbekiffte, in die Jahre gekommenen Ex-Groupie Alice „Schnüffelnase“ Blackstock.
Im ersten Band ‚Cliffhanger‘ will Al seine Frau, die ihn mit ihrer patzigen Art seit Jahren an den Rand des Wahnsinns treibt, ein für alle Mal loswerden, indem er sie an einem stürmischen Regentag von der Klippe schubst. Nach vollbrachter Tat kehrt er zufrieden zum Bungalow zurück, wo Audrey zu seiner Verwunderung halbnackt, lüstern und betrunken vor dem Kamin sitzt und ihre Haare trocknen lässt. Bald darauf erfährt er, dass seine uneheliche Tochter Miranda, die ihm viel bedeutet, von einem Ausflug nicht zurückgekehrt ist. Nach drei bewegten Tagen hat er noch immer keine Ahnung, wen in aller Welt er von der Klippe gestossen hat, wo Audrey sich während seiner Abwesenheit herumgetrieben hat, und was mit Miranda geschehen ist. Nach ein paar Joints und reichlich Wodka findet er seine Seelenruhe langsam wieder. „Mir war, als könnte mir nichts geschehen, als würde das alles, was auch immer es war, über mich hinweggleiten, wie eine Welle…“Ich meine, was hatte ich denn wirklich getan? Nur ein Stoss mit der Hand. Das ist nicht viel, so ein Stoss. Der Druck deiner Fingerspitzen auf einem anderen Menschen. Für zwei Sekunden, vielleicht drei. So gut wie kein Kontakt.“ Hilft alles nichts: Al Greenwood kommt wegen Mordes hinter Gitter – eines Mordes, den, so scheint es, seine Frau begangen hat…
Vier Jahre später- auf den ersten Seiten des zweiten Teils ‚Fischnapping‘ – besucht Audrey Al im Knast, um reinen Tisch zu machen, bevor sie an der Seite ihrer Geliebten Michaela Rump (!) ein neues Leben beginnen will. Sie gesteht den Mord, für den ihr Gatte einsitzt, löst ihn im Gefängnis ab, und Al kehrt an die Küste zurück. Um seinem Leben ein bisschen Struktur zu geben, steigt er jetzt, im dritten Band ‚Ship Ahoy‘, gemeinsam mit seinem neuen Herzblatt Emily in die Kunstbranche ein, denn „Fische sind das letzte Thema, das uns Künstlern noch geblieben ist.“ Zum Ausgleich hält er auf Kreuzschifffahrten Vorträge über Fisch-Management, und auch seine Dienste als Auftragskiller sind gelegentlich gefragt. Die perfekte Work-Life-Balance. Bis Audrey aus dem Knast ausbricht und ihrem Ex schon wieder auf die Pelle rückt…
Bibliografie (nur Krimis):
Einzelwerke: A Perfect Execution‘ – ‚Eine tadellose Exekution‘ (1996), ‚Island Madness‘ (auch unter dem Titel ‚Lying with the Enemy‘) – ‚Inselwahn‘ (1998).
Cliffhanger-Trilogie (im Original ursprünglich als T. J. Middleton): ‚Cliffhanger‘ – ‚Cliffhanger‘ (2008), ‚Fish Tale‘ – ‚Fischnapping‘ (2016), ‚Ship Ahoy‘ – ‚Ship Ahoy‘ (2017).