(Pseudonym für Vladimir Scerbanenco, 1911-1969; schrieb auch als John Colemoore)

Vladimir Scerbanenco kam als einziges Kind eines ukrainischen, im zaristischen Staatsdienst stehenden Latein- und Griechischlehrers und einer gebürtigen Italienerin in Kiew zur Welt und verbrachte dort seine ersten Lebensjahre. Sein Vater wurde bei Ausbruch der Russischen Revolution als vermeintlicher Konterrevolutionär durch Studenten erschossen, Mutter und Sohn konnten daraufhin nach Rom entkommen – eine äusserst beschwerliche Flucht.

Ohne Schulabschluss und Ausbildung geblieben, ging Scerbanenco nach dem Tod seiner Mutter nach Mailand und hielt sich dort mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er nannte sich jetzt Giorgio, um nicht als Ausländer aufzufallen, und studierte in seiner Freizeit die Werke der grossen Philosophen. Seiner 1930 mit Teresa Bandini geschlossenen Ehe entsprangen zwei Kinder, die im Kleinkindesalter verstorbene Elena und Alberto. Die Familie nagte zunächst arg am Hungertuch, doch die finanziellen Nöte nahmen ein Ende, als Scerbanenco zu Beginn der 30er-Jahre Redakteur und Reporter bei verschiedenen italienischen Zeitschriften wurde und nebenbei Fortsetzungs-Liebesromane für die Frauenmagazine ‚Piccola‘ und ‚Novella‘ verfasste.

Der Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten im September 1943 bedeutete eine erneute Zäsur in Scerbanencos Leben. Er flüchtete vor den Nazis in die Schweiz, wo er die meiste Zeit in den Flüchtlingslagern von Büsserach (Solothurn), Les Avants (Waadt) und Magliaso (Tessin) verbrachte, zeitweilig aber auch bei Freunden im Puschlav und in Chur unterkam. Nach der Befreiung Norditaliens kehrte er in seine Wahlheimatstadt Mailand zurück.

Mitte der 60er-Jahre liess sich Scerbanenco mit seiner grossen Liebe, der 25 Jahre jüngeren Journalistin und Verlegerstochter Nunzia Monanni, und den beiden gemeinsamen Töchtern Germana (Tierärztin) und Cecilia (Historikerin und Übersetzerin) im Badeort Lignano Sabbiadoro an der Adria-Küste nieder. Vier Jahre später erlag er mit 58 in Mailand einem Herzinfarkt. Cecilia pflegt nicht nur das riesige Werk ihres Vaters, sondern hat ihm 2018 auch die Biografie ‚Il fabriccante die storie‘ gewidmet.

Scerbanenco debütierte 1940 im Krimigenre: Mit ‚Der sechste Tag‘, dem Auftakt zur sechsteiligen Serie um den Polizeibeamten Arthur Jelling, einen schüchternen Famlienvater Anfang vierzig, der in Boston im Polizeiarchiv tätig ist (der Autor kannte die USA nur vom Hörensagen, was diesen Romanen anzumerken ist). Später kamen unzählige Kurzgeschichten und kleine Prosastücke, mehrere autobiografische Werke, Kinodrehbücher, Radiodramen und eine Reihe von Liebes-, Spionage-, Western-, Sciencefiction- und weiteren Kriminalromanen hinzu.

Den Höhepunkt seines literarischen Schaffens erreichte Scerbanenco, der „padre del noir all italiana“, in seinen letzten Lebensjahren mit den Duca Lamberti-Romanen. Duca Lamberti, Sohn eines Polizisten, den die Mafia erschossen hatte, arbeitete als Arzt in Mailand, bis man ihn wegen aktiver Sterbehilfe verurteilte und er die Approbation verlor. Nach drei Jahren Haft wird er mehr oder weniger zufällig Privatdetektiv in seiner Geburtsstadt, der heissblütige sardisch-stämmige Kommissar Carrua – seinerzeit Vorgesetzter und Freund seines Vaters – und die schöne, mutige Soziologin Livia Ussaro sind seine wichtigsten Bezugspersonen. Lamberti ist ein gross gewachsener, magerer, empfindsamer Mann mit stark entwickeltem Gerechtigkeitsinn und scharfem Blick für menschliche Schwächen.

Die vier schnörkellosen, mit authentischen Dialogen und eindringlichen Milieu- und Personenschilderungen geschmückten Romane spielen im Mailand der späten 50er- und frühen 60er-Jahre – in der Zeit des norditalienischen „Wirtschaftswunders“, als organisierte Kriminalität, internationaler Frauenhandel, Korruption, Waffenschieberei und Drogenschmuggel in der norditalienischen Metropole und deren anonymen Vororten zu blühen beginnen.

‚Der lombardische Kurier‘ ist der beste Band der Reihe. Duca Lamberti, der zur rechten Hand seines Mentors Carrua aufgerückt ist und über ein kleines Büro im Kommissariat verfügt, wird zur Auflösung eines scheusslichen Kriminalfalls beigezogen: Die junge Lehrerin einer Abendschule ist von ihren elf halbwüchsigen, fast ausnahmslos aus desolaten sozialen Verhältnissen kommenden Schülern im Klassenzimmer brutal misshandelt, vergewaltigt und schliesslich ermordet worden. Im Fortgang der geschickt geführten, letztlich jedoch fruchtlosen Einzelverhöre beschleicht Lamberti der Verdacht, dass ein Erwachsener die Gewaltorgie angezettelt hat. Als sich der einzige Junge, der vielleicht ausgepackt hätte, vom Dach der Besserungsanstalt zu Tode stürzt, schmiedet Lamberti einen unorthodoxen, riskanten Plan: Er nimmt einen der Schüler, den 14-jährigen Carolino, in seine Obhut, kümmert sich Tag und Nacht um ihn, redet mit ihm und versucht auf diese Weise, ihm die Wahrheit zu entlocken. Doch Carolino, hin und her gerissen zwischen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und der Angst vor dem Erziehungsheim, entschliesst sich zu fliehen – und verkriecht sich in seiner Verzweiflung beim Drahtzieher des Verbrechens.

Bibliografie:

Arthur Jelling-Serie: ‚Sei giorni di preavviso‘ – ‚Der sechste Tag‘ (1940), ‚La bambola cieca‘ – ‚Die blinde Puppe‘ (1941), ‚Nessuno è colpevole‘ (1941), ‚L’antro die filosofi‘ – ‚Zu reich zum Leben‘ (auch unter dem Titel ‚Luciana ist verschwunden‘, 1942), ‚Il cane che parla‘ (1942), ‚Lo scandalo dell’osservatorio astronomico‘ (1943);

Duca Lamberti-Tetralogie: ‚Venere privata‘ – ‚Das Mädchen aus Mailand‘ (auch unter den Titeln ‚Verboten‘ und ‚Leichte Mädchen sterben schwerer‘, 1966), ‚Tradituri di tutti‘ – ‚Die Verratenen‘ (auch unter den Titeln ‚Tod den Verschwörern‘ und ‚Doppelt gekillt hält besser‘, 1966), ‚I ragazzi del massacro‘ – ‚Der lombardische Kurier‘ (auch unter dem Titel ‚Mord stand nicht im Stundenplan‘, 1968), ‚I milanesi ammazzano al sabato‘ – ‚Ein pflichtbewusster Mörder‘ (auch unter dem Titel ‚In Mailand mordet man samstags‘, 1969);

Einzelwerke: ‚La sabbia non ricorda‘ – ‚Venedig sehen und sterben‘ (1963), ‚Ladro contro assassino‘ – ‚An einem kühlen Tag um fünf‘ (1971), ‚Al mare con la ragazza‘ – ‚Beerdigung auf italienisch‘ (auch unter dem Titel ‚Mit den Augen einer Toten‘ (1973).