(1947-2007)

Geboren in Wolverhampton, West Midlands, als Sohn eines Physiklehrers und einer Krankenschwester, aufgewachsen in der Nähe von Ulster, Nordirland, studierte Michael Dibdin Anglistik an der University of Sussex in Brighton und der University of Alberta in Edmonton (Kanada). Seine erste Ehe wurde 1979 geschieden. Anschliessend unterrichtete er vier Jahre Englisch in der umbrischen Stadt Perugia, wo er seine zweite Frau kennenlernte (Heirat 1986, Scheidung 1994). 1984 kehrte er nach England zurück. Nach längeren Aufenthalten in London und in der Nähe von Oxford lebte er mit seiner dritten Frau, der amerikanischen Krimiautorin Kathrine Kristine Beck (K.K. Beck), als freier Schriftsteller und Journalist in Seattle, wo er mit sechzig Jahren nach kurzer Krankheit überraschend starb. Er hinterliess seine Frau, je eine Tochter aus den früheren Ehen und drei Stiefkinder.

Der Kern seines Werks ist die Serie um den zynischen, eigenwilligen, für das Innenministerium in Rom arbeitenden – ursprünglich nicht als Serienfigur vorgesehenen – Sonderermittler Aurelio Zen. In Dibdins Worten: „He’s a friend I like, but I don’t feel I know terribly well. Which is an advantage: He’s capable of surprising me. In fact, in each new book that I write, he usually does surprise me at some point.“ Die elf Bände können unabhängig voneinander gelesen werden.

Aurelio Zen ist ein hagerer, hochgewachsener, in Venedig aufgewachsener Mann mittleren Alters mit schieferblauen Augen und auffälliger Nase, der in jedem Roman in einer anderen italienischen Stadt (Perugia, Rom, Venedig, Neapel, Bologna) oder Region (Sardinien, Piemont, Sizilien, Toskana, Südtirol, Kalabrien) ermittelt. Leichtfüssige, elegante, oft schwarzhumorige Erzählweise, Perspektivenwechsel und verblüffende Wendungen kennzeichnen die raffiniert konstruierten Geschichten, in die Dibdin jeweils Themen wie Korruption, politische Ränkespiele und organisierte Kriminalität einfliessen lässt und auch Alltagsszenen sowie Zens Privatleben nicht zu kurz kommen. Darüber hinaus erweist sich Dibdin als Meister der Zeichnung seiner Haupt- und Nebenfiguren. Etwa von Aurelio Zens Vorgesetztem, dem stellvertretenden Staatssekretär Enrico Mancini:

„Enrico Mancini war ein ziemlich dicker Fisch, dessen natürliche Umgebung das weite Meer der Politik war. Im Augenblick zog er es jedoch vor, in den lokalen Gewässern des Innenministeriums herumzuschwimmen, wo er gerade eine abrupte Veränderung des politischen Klimas überlebt hatte. Doch schon morgen könnte er wieder in einem der anderen Regierungsbereiche gesichtet werden, zwischen denen er sich mühelos hin und her bewegte, wie ein Tümmler vom Tyrrhenischen ins Adriatische Meer und wieder zurück. Nach Meinung einzelner Beobachter könnte sich diese zu offensichtliche Leichtigkeit gepaart mit Mancinis dreister und selbstbewusster Art jedoch langfristig als sein Ruin erweisen.“

Im ersten Band der Aurelio Zen-Serie, ‚Entführung auf Italienisch‘, erfahren wir, dass der Protagonist einst kinderlos verheiratet war und zurzeit mit der geschiedenen amerikanischen Antiquitätenhändlerln Ellen liiert ist. Zens demente Mutter lebt mit einer Betreuerin in seiner Wohnung und stirbt im Fortgang der Serie, sein Vater ist im Zweiten Weltkrieg in Russland verschollen. Soviel zum Lebenslauf des scharfsinnigen und kompromisslosen, auf Entführungen spezialisierten Ermittlers, der nach dem Aldo-Moro-Fiasko in die römische Verwaltung versetzt wurde und jetzt für einen besonders heiklen Entführungsfall reaktiviert und nach Perugia geschickt wird. Dabei geht es jedoch nicht nur um Verhandlungen und Erfüllung der exorbitanten Lösegeldforderung, sondern auch um Machtkämpfe innerhalb der mächtigen, vielköpfigen Familie des Opfers. Zudem schwant Aurelio Zen, dass ihm allenfalls die Rolle des Sündenbocks zugedacht ist.

‚Vendetta‘ beginnt mit einem Massaker im festungsartig ausgebauten, von Hunderten Kameras überwachten Anwesen des korrupten Baulöwen Oscar Burolo, dem er selbst, seine Frau und ein befreundetes Ehepaar zum Opfer fallen. Der Mörder ist auf dem Videofilm nicht zu sehen. Aurelio Zen, eben erst zum Vice Questore befördert, übernimmt die Ermittlungen, zuerst in Rom, dann, verdeckt als reicher Schweizer Geschäftsmann, im sardischen Hinterland, dem Ort des Verbrechens. Als die Tarnung auffliegt, hängt sein Leben am seidenen Faden.

Im fünften Band ‚Die tödliche Lagune‘ kommt Zen zu einem Heimspiel, das ihm alles abverlangt. Aufwühlende Begegnungen mit alten Bekannten, kriminellen Polizisten, Zeitgenossen seines Vaters und einer von Wahnideen heimgesuchten Freundin seiner Mutter, aber auch die kurze Affäre mit der attraktiven Ex-Frau eines mächtigen neofaschistischen Politikers erschweren es ihm ungemein, einen bis in höchste Kreise reichenden Drogenring zu zerschlagen, und gleichzeitig dem Verschwinden eines seit Jahren hier ansässigen amerikanischen Millionärs auf den Grund zu gehen. Dabei erfährt er, dass dessen wirklicher Name nicht Durridge, sondern Duric ist, und dass es sich bei ihm um einen 1919 in Sarajewo geborenen Kroaten handelt, der im Balkankrieg grosse Schuld auf sich geladen hat. Dibdin legt den Schwerpunkt zunächst auf stimmungsvolle Schilderungen der winterlich-düsteren Lagunenstadt und ihrer trostlosen Vororte und auf die Zeichung seiner facettenreichen Charaktere, bis er das Tempo zum Ende hin gehörig verschärft.

‘Sizilianisches Finale’: In Catania tobt ein Machtkampf zwischen den zwei grössten Mafiaclans der Insel, dem bisher sechs Männer zum Opfer gefallen sind. Unabhängig davon wird Aurelio Zen durch das Innenministerium nach Sizilien versetzt, um einer kürzlich ins Leben gerufenen Anti-Mafia-Einheit der Staatspolizei ein bisschen auf die Finger zu schauen. Er nimmt den Auftrag gerne an, denn hier lebt seit einigen Jahren seine Adoptivtochter Carla. Zurzeit ist sie damit befasst, ein modernes Netzwerk für die Staatspolizei zu installieren. Da entdeckt sie eines Nachts, dass jemand in das System eingedrungen ist. Gleichzeitig entzieht man der mit ihr befreundeten Anti-Mafia-Richterin Corinna Nunziatella einen Fall. Die beiden Frauen schliessen sich zusammen – und werden Opfer eines Bombenattentats. Im Laufe seiner Ermittlungen trifft Aurelio Zen auf den alten Don Gaspare. Von ihm erfährt er, wer auf der Insel die Fäden zieht. Wie es dazu gekommen ist, dass sich die Mafia zu einem «Staat im Staat» entwickelt hat, zu der „Dritten Ebene“ (Terzo Livello), die fruchtbare Kontakte mit den Politikern pflegt und mit Hilfe der alteingesessenen «Familien» ihre Schattenherrschaft ausübt.

Der letzte Band der Aurelio Zen-Serie, ‚Sterben auf Italienisch‘, wurde drei Monate nach Dibdins Tod veröffentlicht. Angesiedelt in Kalabrien, wo Aurelio Zen den indisponierten Polizeichef der Hauptstadt Cosenza vertreten muss, geht es um die Ermordung des hier aufgewachsenen, als junger Mann in die USA ausgewanderten Anwalts Peter Newman, der in seine Heimat zurückgekehrt ist, um geeignete Drehorte für die Verfilmung der „Offenbarung des Johannes“ durch den berühmten Regisseur Luciano Aldobrandini zu erkunden. Fast gleichzeitig ist Jake Daniels, ein milliardenschwerer amerikanischer Finanzjongleur, mit seiem knallharten Projektmanager Martin Nguyen in Kalabrien eingetroffen mit dem Ziel, sich einen unermesslich wertvollen vergrabenen Schatz unter den Nagel zu reissen. Wichtige Rollen spielen zudem der Notar Nicola Mantega, Spezialist für das Einfädeln von Deals zwischen betrügerischen Geschäftsleuten und korrupten Politikern; Newmans naiver Sohn Thomas; und ein seit hundert Jahren schwelender Konflikt zwischen zwei rachsüchtigen, alteingesessenen Familien. Aurelio Zen, seit kurzem glücklich mit der Apothekerin Gemma verheiratet, fühlt sich fremd in der gebirgigen, urwüchsigen Region: „Er hatte die Erfahrung gemacht, dass man sich auf dem Weg von Rom nach Cosenza alle zehn Kilometer ein Jahr zurück in die Vergangenheit bewegte, bis man schliesslich in der Mitte der Fünfzigerjahre ankam.“ Doch Zen reisst sich zusammen, folgt verschiedenen Fährten, kann dann aber nicht verhindern, dass weitere Morde geschehen..

Die drei ersten Aurelio Zen-Krimis, ‚Ratking‘, ‚Vendetta‘ und ‚Cabal‘, wurden 2011 durch die BBC für das Fernsehen verfilmt, mit einem überzeugenden Rufus Sewell in der Rolle des Aurelio Zen. Sämtliche Bände der Reihe sind auch in Italien erschienen, stiessen dort aber nicht auf grosses Interesse.

Michael Dibdin veröffentlichte zudem sieben Standalones: den Sherlock-Holmes-Pastiche ‚Der letzte Sherlock-Holmes-Roman‘, den im Florenz des 19. Jahrhunderts angesiedelten Krimi ‚Der Tod hält reiche Ernte‘, den verstörenden Psychothriller ‚Der Mann im Schatten‘, das Meisterwerk ‚Schmutzige Tricks‘, den Landhauskrimi ‚Sterben in der Dämmerung, den blutrünstigen Sektenthriller ‚Insel der Unsterblichkeit‘ und das Beziehungsdrama ‚Später Abschied‘.

Die abgründige, schwarzhumorige Gesellschaftssatire ‚Schmutzige Tricks‘, eines von Dibdins besten Büchern, dreht sich um Ehebruch, Sex, Geld und Gewalt im England des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts, erzählt von einem niederträchtigen, namenlosen Englischlehrer Anfang vierzig, der über Leichen geht, um seine Ziele zu erreichen – und der sich als höchst unzuverlässiger Erzähler erweist. „Ich habe meine Frauen seit jeher gleich zu Beginn unserer Beziehung angepumpt, um ihnen eine gewissen Macht über mich zu geben. Das hilft auch, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, die Affäre zu beenden, weil man dann über Geld reden kann, statt über Gefühle und Liebe und all dieses verzwickte, schmerzliche Zeug.“

Bibliografie:

Einzelwerke:

‚The Last Sherlock Holmes Story‘ – ‚Der letzte Sherlock-Holmes-Roman‘ (1978), ‚A Rich, Full Death‘ – ‚Der Tod hält reiche Ernte‘ (1986), ‚The Tryst‘ – ‚Der Mann im Schatten‘ (1989), ‚Dirty Tricks‘ – ‚Schmutzige Tricks‘ (1991), ‚The Dying of the Light‘ – ‚Sterben in der Dämmerung‘ (1993), ‚Dark Specter‘ – ‚Insel der Unsterblichkeit‘ (1995), ‚Thanksgiving‘ – ‚Später Abschied‘ (2000);

Aurelio Zen-Serie:

‚Ratking‘ – ‚Entführung auf italienisch‘ (1988), ‚Vendetta‘ – ‚Vendetta‘ (1990), ‚Cabal‘ – ‚Himmelfahrt‘ (1992), ‚Dead Lagoon‘ – ‚Tödliche Lagune‘ (1994), ‚Cosi Fan Tutti‘ – ‚Cosi fan tutti‘ (1996), ‚A Long Finish‘ – ‚Schwarzer Trüffel‘ (1998), ‚Blood Rain‘ – ‚Sizilianisches Finale‘ (1999), And Then You Die‘ – ‚Roter Marmor‘ (2002), ‚Medusa‘ – ‚Im Zeichen der Medusa‘ (2003), ‚Back to Bologna‘ – ’Tod auf der Piazza’ (2005), ‚End Games‘ – ’Sterben auf Italienisch’ (2007).