(1936-2012, schrieb auch als Patrick Ruell, Dick Morland und Charles Underhill)
Geboren in der nordostenglischen Stadt Hartlepool, County Durham, als Sohn eines Fussballprofis und einer begeisterten Krimileserin, aufgewachsen in der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands, studierte Reginald „Reg“ Hill Englisch am St. Catherine’s College (heute Oxford University), um danach viele Jahre am Doncaster College of Education in South Yorkshire Anglistik zu unterrichten und nebenbei zu schreiben. 1980 quittierte er den Lehrerberuf zugunsten der Belletristik. 1995 wurde er von der British Crime Writer Association mit dem Diamond Dagger für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Im Alter von 75 Jahren starb Reginald Hill in seinem Haus in Ravenglass, Cumberland, an einem Hirntumor. Er hinterliess seine Frau Patricia „Pat“ Ruell, mit der er seit 1960 kinderlos verheiratet war, und zwei Brüder.
Den Kern seines umfangreichen Werks bildet die 23-teilige, mit wenigen Ausnahmen im ländlichen Mid-Yorkshire angesiedelte Daziel & Pascoe-Serie, deren Bände in sich geschlossen sind. Detective Superintendent Andy Dalziel, genannt „The Fat Man“, und sein jüngerer, im Verlauf der Reihe vom Sergeant zum Chief Inspector aufsteigender Partner Peter Pascoe, bilden ein ausgezeichnet aufeinander abgestimmtes Gespann. In Dalziels Worten: „Ich trete den Leuten in die Eier, und Sie lullen sie mit Ihrer Psychokacke ein.“ Pascoe, feinfühlig, fantasievoll, ruhig und klug, ist mit der Schriftstellerin Ellie Soper verheiratet. Sie haben eine kleine Tochter namens Rosie. Dalziel, ein scharfsinniger, instinktsicherer allenstehender Ermittler alter Schule, gelingt es meistens mühelos, seine empfindsame Seite hinter vulgärem, ungehobeltem und impulsivem Verhalten zu verbergen. Der Dritte im Bunde ist der homosexuelle Sergeant Edgar „Wieldy“ Wield, ein unerschütterlicher und herzensguter, oft unterschätzter Polizist, der seit Jahren mit Pascoe befreundet ist. Daziel über Wieldy: „Mit seinem ausdruckslosen, unnachgiebigen Gesicht bringt er sogar eine Nonne dazu, nachzusehen, ob ihr Seidenhöschen hervorspitzt.“
Elegante, ausschweifende Plots, geschickte Tempowechsel, Sprachwitz, feinsinniger Humor, ein Händchen für kauzige Figuren und Freude an seltenen Wörtern sind die Markenzeichen des experimentierfreudigen, stilistisch glänzenden Autors, in dessen Polizeiromanen stets auch soziale und politische Themen zur Sprache kommen. Herausragend: ‚Der Wald des Vergessens‘, ‚Das Dorf der verschwundenen Kinder‘, ‚Das Haus an der Klippe‘, ‚Der Tod und der Dicke‘.
Im vierzehnten Band ‚Der Wald des Vergessens‘ ist dem Autor das Kunststück gelungen, einen Bogen zu spannen zwischen zwei Fällen, die unterschiedlicher kaum sein können. Auf dem Gelände eines Pharmakonzerns stösst eine Gruppe von Tierschutzaktivistinnen in einem Schlammloch auf ein menschliches Skelett, dessen Herkunft lange unbekannt bleibt. Der zweite Fall dreht sich um Pascoes Urgrossvater, der während des Ersten Weltkriegs wegen „Feigheit vor dem Feind“ standrechtlich erschossen wurde. Hill garniert die Erzählung mit einer Affäre zwischen Dalziel und der rabiaten Anführerin der Tierschützerinnen und mit weit zurückreichenden Verwicklungen in Pascoes Verwandtschaft.
Der drittletze Band der Reihe, ‚Der Tod und der Dicke‘, ein Mix aus Police Precedural Novel und Politthriller, findet weitgehend ohne Andy Daziel statt, da dieser nach einem Sprengstoffanschlag durch vermeintliche Islamisten schwer verletzt bis kurz vor Schluss im Koma liegt. Ein harter Schlag für Peter Pascoe, der sich zudem mit einem sonderbaren, mordsüchtigen Tempelorden und der konkurrenzierenden Antiterror-Einheit CAT (Combined Anti-Terrorism, zusammengesetzt aus Polizeibeamten und MI5-Agenten) herumschlagen muss.
Die fünfteilige Serie um den schwarzen Privatdetektiv Joe Sixsmith aus Luton wurde nicht ins Deutsche übertragen.
Hills bekanntestes Einzelwerk ‚The Long Kill‘ (‚Der lange Mord‘) ist 1986 unter dem Pseudonym Patrick Ruell erschienen und wurde 1993 für das Fernsehen verfilmt. Im Mittelpunkt der packenden Geschichte steht der britische Berufskiller Jaysmith, der nach zwanzig überaus erfolgreichen Jahren nach einem misslungenen Hit seinen Job Im Dienste einer zwielichtigen Londoner Organisation quittiert und sich in den gebirgigen Lake District, Grafschaft Cumbria, zurückzieht. Dort trifft er zufällig auf die verwitwete Tochter seiner letzten Zielperson, verliebt sich in sie – und gerät in eine bodenlose Intrige, die sein Leben über den Haufen wirft. ‚The Long Kill‘: eine originelle Mischung aus Politthriller, Abenteuer- und Liebesroman mit überraschenden Wendungen und einem erschütternden Ende.
‚Rache verjährt nicht‘ (im Original kurz und treffend ‚The Woodcutter‘) ist Hills letzter, fast siebenhundert Seiten umfassender Roman – einer seiner besten. Eine tiefgründige, um Freundschaft, Liebe und Verrat kreisende Geschichte mit brillanten Dialogen und unvergesslichen Figuren, ausgezeichnet übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Wilfred „Wolf“ Hadda, Sohn eines Holzfällers, ein scharfsinniger Einzelgänger, hat es geschafft: Steinreicher Hedgefonds-Manager mit Privatjet und vier schicken Wohnsitzen, verheiratet mit der umwerfenden Prinzessin Imogen, Vater der reizenden Ginny: ein Leben auf der Überholspur. Bis eines Morgens die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor seiner Haustür steht und ihn unlauterer Finanztransaktionen und der Kinderpornographie beschuldigt. Vor der ersten Verhandlung flieht er aus dem Gericht, erleidet einen Verkehrsunfall – und erwacht nach neun Monaten als einäugiger, durch Narben entstellter Krüppel aus dem Koma. Im Verlauf seiner Haft im psychiatrischen Hochsicherheitstrakt gelingt es ihm, die junge, dunkelhäutige Psychologin Alva dermassen geschickt um den Finger zu wickeln, dass er nach sieben Jahren vorzeitig auf freien Fuss kommt. Seine Frau hat sich inzwischen von ihm scheiden lassen und lebt mit seinem ehemaligen Anwalt zusammen, seine Tochter ist im Drogenrausch gestorben. Doch unterkriegen lässt sich Wolf, der dem Leser immer stärker ans Herz wächst, von all dem nicht. Stattdessen setzt er alles daran, seine Unschuld zu beweisen. Und die Menschen, die ihn verraten haben, zur Rechenschaft zu ziehen. Er lässt sich im Försterhaus seines vor kurzem verstorbenen Vaters Fred nieder, schliesst Freundschaft mit dem örtlichen Pastor Luke und der Psychologin Alva – und schärft seine Axt.
Bibliografie:
Dalziel & Pascoe-Serie:
‚A Clubbable Woman‘ – ‚Eine Gasse für den Tod‘ (1970), ‚Advancement of Learning‘ (1971), ‚Ruling Passion‘ – ‚Der Lüge schöner Schein‘ (1973), ‚An April Shroud‘ – ‚Ein nasses Grab‘ (1975), ‚A Pinch of Snuff‘ – ‚Der Calliope-Club‘ (1979), ‚A Killing Kindness‘ – ‚Der Würger von Yorkshire‘ (1980), ‚Deadheads‘ – ‚Welke Rosen muss man schneiden‘ (1983), ‚Exit Lines‘ (1984), ‚Child’s Play‘ – ‚Kein Kinderspiel‘ (1987), ‚Under World‘ – ‚Unter Tage‘ (1988), ‚Askling for the Moon‘ (Novelle, 1990), ‚Bones and Silence‘ – ‚Mord auf Widerruf‘ (auch unter dem Titel ‚Die dunkle Lady meint es ernst‘, 1990), ‚Recalled to Life‘ – ‚Ins Leben zurückgerufen‘ (1992), ‚Pictures of Perfection‘ . ‚Der Schrei des Eisvogels‘ (1994), ‚The Wood Beyond‘ – ‚Der Wald des Vergessens‘ (1994), ‚On Beulah Height‘ – ‚Das Dorf der verschwundenen Kinder‘ (1998), ‚Arms and the Women‘ – ‚Das Haus an der Klippe‘ (1999), ‚Dialogues of the Dead‘ – ‚Die rätselhaften Worte‘ (2001), ‚Death’s Jest-book‘ – ‚Die Launen des Todes‘ (2002), ‚Good Morning, Midnight‘ – ‚Welch langen Weg die Toten gehen‘ (2004), ‚The Death of Dalziel‘ (auch unter dem Titel ‚Death Comes for the Fat Man‘ – ‚ Der Tod und der Dicke‘ (2007), ‚A Cure for All Diseases‘ (auch unter dem Titel ‚The Price of Butcher’s Meal‘ – ‚Der Tod heilt alle Wunden‘ (2008), Midnight Fugue‘ – ‚Die letzte Stunde naht‘ (2009);
Kurzgeschichten-Bände: ‚Pascoe’s Ghost and other brief Cronicles of Crime‘ – ‚Das Rio-Papier und andere Kriminalgeschichten‘ (1978), ‚Asking for the Moon‘ (1994);
Joe Sixsmith-Serie:
‚Blood Sympathy‘ (1993), ‚Born Guilty‘ (1995), ‚Killing the Lawyers‘ (1997), ‚Singing the Sadness‘ (1999), ‚The Roar of the Butterflies‘ (2008);
Einzelwerke:
‚Fell of Dark‘ (1971), ‚A Fairly Dangerous Thing‘ (1972), ‚A Very Good Hunter‘ (1974), ‚Another Death in Venice‘ – ‚Noch ein Tod in Venedig‘ (1976), ‚The Spy’s Wife‘ (1980), ‚Who Guards the Prince?‘ – ‚ Wer schützt Prinz Arthur‘ (1982), ‚Traitor’s Blood‘ 1983), ‚No Man’s Land‘ (1985), ‚The Collaborators‘ (1997), ‚The Low Road‘ (1998), ‚Beyond the Bone‘ (2000), ‚The Stranger House‘ – ‚Das Fremdenhaus‘ (2005), ‚The Woodcutter‘ – ‚Rache verjährt nicht‘ (2010).
Als Patrick Ruell:
‚The Castle of the Demon‘ (1971; 1999 als Reginal Hill unter dem Titel ‚The Turning of the Tide‘, 1971), ‚Red Christmas‘ – ‚Mord in Dengley Dell‘ (1972; auf Deutsch als Reginal Hill), ‚Death Takes the Low Road‘ (1974; 1998 als Reginald Hill unter dem Titel ‚The Low Road‘), ‚Urn Burial‘ (1975; 2000 als Reginal Hill unter dem Titel ‚Beyond the Bone‘), ‚The Long Kill‘ – ‚Der lange Mord‘ (1986), ‚Death of a Dormouse‘ (1987), ‚Dream of Darkness‘ (1989), ‚The Only Game‘ (1991).
Als Dick Morland:
‚Heart Clock‘ (auch unter dem Titel ‚Matlock’s System‘, 1973; ‚Albion! Albion! (auch unter dem Titel ‚Singleton’s Law‘, 1974′).
Als Charles Underhill:
‚Captain Fantom‘ (1978), The Forging of Fantom‘ (1979).
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