(*1950)

Gene Kerrigan, aufgewachsen in Cabra, einem Vorort von Dublin, begann seine erfolgreiche Laufbahn als Journalist, Essayist und Sachbuchautor in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre. 1998 veröffentlichte er seine Erinnerungen ‘Another Country: Growing up in 50’s Ireland’. Von 2005 bis 2011 folgten vier in Dublin spielende Noir-Romane, von denen zwei im Polar Verlag erschienen sind. Für seine Texte über Verbrechen, Politik und Finanzskandale in Irland gewann Kerrigan 1985 und 1990 jeweils den ‘Journalist of the Year Award’. 2023 beendete er seine Tätigkeit als Kolumnist bei Wochenzeitung ‘The Sunday Independent’. Er lebt in Dublin.

‘Die Wut’, 2012 mit dem ‘Golden Dagger Award’ ausgezeichnet, sticht aus Kerrigans schmalem Krimiwerk heraus. Detective Sergeant Bob Tidey, der Gauner Vincent Naylor und die ehemalige Nonne Maura Coady wechseln sich beim Erzählen ab. Die Geschichte spielt nach der Banken- und Immobilienkrise vom Herbst 2008, die in Irland zu einem Kollaps der Wirtschaft geführt hat. Bob Tidey, ein pragmatischer, umsichtiger und freundlicher Polizist, der zwischen Recht und Gerechtigkeit unterscheiden kann, untersucht den Mord an einem korrupten Banker – erschossen mit einer Waffe, die bereits vor Jahresfrist bei einer Abrechnung im Drogenmilieu zum Einsatz kam. Gleichzeitig leitet Vincent Naylor, ein jähzorniger, aber meistens respektvoll mit seinen Mitmenschen umgehender Bursche, der vor ein paar Tagen nach acht Monaten Knast auf freien Fuss kam, seinen nächsten Coup in die Wege, dieses Mal ein grosses Ding, ein Geldtransporter. Dabei wird er von Maura Coady beobachtet, einer warmherzigen, traurigen Frau, die in jungen Jahren als Erzieherin in einem Waisenhaus der katholischen Kirche Schuld auf sich geladen hat. Sie lernte Tidey einst bei einem Kriminalfall kennen und teilt ihm jetzt mit, was sie gesehen hat. Mit diesem Schlenker führt Kerrigan die beiden Stränge zusammen. Als Naylors Plan auf dramatische Weise schiefgeht, rächt er sich an allen, die er für sein Scheitern verantwortlich macht. Zentrales Thema des in nüchternem Stil geschriebenen Romans ist die Schwierigkeit der einfachen Leute, der sozialen Aussenseiter, sich in einer skrupellosen, profitsüchtigen Umgebung durchzuschlagen, derweil es sich die «Edelgangster» mit versteckten Konten, Schmiergeldern und Offshore-Ablegern, abgeschirmt durch ihre Anwälte, weiterhin gutgehen lassen. Bob Tidey bringt es am Ende auf den Punkt: «Ich bin nicht der, der ich sein wollte – nicht mehr. Ich weiss nicht, wie es weitergeht.»

Auch der im Original zwei Jahre vor, auf Deutsch ein Jahr nach ‘Die Wut’ veröffentlichte Gangsterroman ‘In der Sackgasse’ ist in der Zeit kurz nach der irischen Finanzkrise angesiedelt, doch Sergeant Detective Bob Tidey spielt diesmal eine kleinere Rolle. Danny Callaghan, Anfang dreissig, geschieden, bis vor ein paar Monaten wegen Totschlags acht Jahre im Knast, setzt alles daran, den Pfad der Tugend nicht mehr zu verlassen, und wird dabei durch seinen väterlichen Freund, den Geschäftsmann Novak, unterstützt. Als er in seinem Stammlokal zwei Killern des Mobsters Lar Mackendrick in die Quere kommt, gerät er zwischen die Fronten der mit harten Bandagen um die Vormachtstellung in der Dubliner Unterwelt kämpfenden Rivalen Lar Mackendrick und Frank Tucker – dem Cousin des niederträchtigen Geschäftsmanns Brendan Tucker, den Danny Callaghan damals totgeschlagen hat. Die raffiniert geplottete Geschichte glänzt durch geschickte Tempowechsel, präzise Figurenzeichnung und authentische Dialoge.

Bibliografie:

‘Little Criminals’ (2005), ‘The Midnight Choir’ (2006), ‘Dark Times in the City’ – ‘In der Sackgasse’, (2009), ‘The Rage’ – ‘Die Wut’ (2011).