(1938-2025)

Frederick Forsyth wurde als Einzelkind in Ashford, Kent, geboren, wo die Eltern eine Kürschnerei führten. Mit siebzehn verliess er die Schule, um Kampfflieger zu werden. Bereits mit neunzehn flog er seine ersten Einsätze für die Royal Air Force. Nach dem Ausscheiden aus der Armee studierte er an der Universität Granada in Spanien, danach arbeitete er als Journalist, zuerst für das Provinzblatt ‚Eastern Daily Press‘ (1958-61), dann für die Nachrichtenagentur Reuters (1961-65) und die BBC (1965-68). Sein Beruf führte ihn nach Paris, Brüssel, Madrid, Rom, Ost-Berlin, in die BRD und mehrere Ostblockstaaten sowie nach Indien, Südamerika und Australien. 1967 berichtete er über den Biafra-Krieg in Nigeria, 1969 veröffentlichte er darüber das ergreifende Sachbuch ‚The Biafra Story‘. Darüber hinaus erledigte er gelegentlich Aufträge des britischen Geheimdiensts MI6 in Afrika und in der DDR. Nachdem er die BBC verlassen musste (er hatte die Briten für ihre Rolle im Biafra-Krieg kritisiert), begann er zu schreiben – und etablierte sich sogleich als einer der erfolgreichsten Politthriller-Autoren Englands.

Forsyth war von 1973 bis 1988 mit Carole Cunningham verheiratet, die zwei Söhne, Stuart und Shane, zur Welt brachte. Nach längeren Aufenthalten in London und danach in einem Landhaus in Hertfordshire lebte er seit 2010 mit seiner (2024 verstorbenen) zweiten Frau Sandy Molloy in Jordans, Buckinghamshire. 2015 erschien seine lesenswerte Autobiografie ‚The Outsider: My Life in Intrigue‘, deutscher Titel: ‚Outsider. Die Autobiografie‘. Sein Mantra: „Ein Schriftsteller muss ein Einzelgänger sein und daher stets ein Aussenseiter.“ Anders als in den Romanen schimmert hier auch Forsyths ironische, humorvolle Seite durch. Im Alter von 86 Jahren starb er nach kurzer Krankheit in seinem Haus in Jordans.

1971 veröffentlichte Forsyth seinen ersten Krimi ’Der Schakal’, auch heute noch sein bekanntestes Werk. Die Geschichte kreist um die minutiös beschriebene Planung und Durchführung eines Attentats auf General Charles de Gaulle, dem am schärfsten bewachten Mann der westlichen Welt (die bis anhin sechs bekannten Anschläge auf ihn sind mehr oder weniger kläglich gescheitert). Die kriminelle – von Spitzeln und Geheimagenten unterwanderte – patriotische Geheimarmee OAS konnte es dem französischen Staatspräsidenten nicht verzeihen, dass er Algerien ein Jahr zuvor, im März 1962, die Unabhängigkeit zurückgegeben hatte, und setzt einen eiskalten Berufsmörder mit tausend Masken auf ihn an – den ausschliesslich ausserhalb seines Landes operierenden, fliessend französisch sprechenden englischen Scharfschützen mit dem Decknamen „Schakal“, den in Frankreich niemand kennt, und der stets nur auf sich selbst gestellt arbeitet. Sein Honorar: eine halbe Million Dollar, die sich die OAS mit Raubüberfällen beschafft. Der Anschlag soll am 25. August stattfinden, dem Jahrestag der Befreiung von Paris 1944. Zwischen dem Killer und seinem härtesten Gegner, dem zähen, etwas unscheinbaren Pariser Kommissar Claude Lebel, kommt es zu einem epischen – aus wechselnden Perspektiven beschriebenen – Kampf auf Messers Schneide. Der Roman wurde 1973 durch Fred Zinneman grandios verfilmt, Edward Fox und Michael Lonsdale spielten die Hauptrollen. Um die 1997er-Version von Michael Caton-Jones, in der Bruce Willis den Killer darstellt, sollte man hingegen einen Bogen machen.

Am 22. November 1963 wird US-Präsident John F. Kennedy in Dallas ermordet. Fast gleichzeitig setzt der Jude Salomon Tauber in Hamburg-Altona seinem Leben ein Ende. Zwei in ihrer Bedeutung auf den ersten Blick höchst gegensätzliche Ereignisse, beide jeoch mit dem Potential, die politische Lage in Nahen Osten nachhaltig zu destabilisieren. Von Kennedys Nachfolger Johnson ist zu erwarten, dass er für die Anliegen Israels weitaus weniger Verständnis aufbringt als sein Vorgänger; und dem jungen Hamburger Reporter Peter Miller fällt Taubers Tagebuch in die Hände, in dem dieser die von ihm hautnah erlebten Gräueltaten des SS-Hauptsturmführers Eduard Roschmann, dem „Schlächter von Riga“, dokumentiert, den er kurz vor seinem Tod auf den Strassen Hamburgs gesehen hat. Der gemeinsame Nenner der beiden Todesfälle ist OdeSSA – Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen -, die sich zum Ziel gesetzt hat, in enger Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Diktator Nasser Israel endgültig auszulöschen. Zutiefst erschüttert durch die Lektüre des Tagebuchs, beginnt Miller zu recherchieren. Er spricht mit Simon Wiesenthal und anderen „Nazi-Jägern“, lässt sich von ihnen überreden, die OdeSSA zu infiltrieren, doch dann unterläuft ihm ein verhängnisvoller Fehler.

In seinem vierten Roman ‚Des Teufels Alternative‘ nimmt Forsyth den Ukraine-Krieg vorweg. Andrew Drake, alias Andrej Drach, in England geborener Sohn einer Britin und eines Ukrainers, hasst die Sowjetunion bis aufs Blut. Da trifft er auf den Flüchtling Miroslaw Kaminski, der sich als Führer einer ukrainischen Partisanengruppe gegen die Ausbeutung und die brutale Russifizierung seiner Heimat auflehnt und einen Privatkrieg gegen den Kreml führt. Die Geschichte spielt im Sommer 1982, als in Russland eine Missernte von ungeahntem Ausmass bevorsteht. Es brodelt im Politbüro: Die Hardliner bestehen auf einer Besetzung der EU-Staaten, um an deren lebenswichtige Nahrungsmittelreserven heranzukommen, während die gemässigten Kräfte eine Kompromisslösung mit den USA und Kanada anstreben. Zwischen den Fronten steht der fliessend Ukrainisch und Russisch sprechende britische Geheimagent Adam Munroe, der durch seine frühere Geliebte Walentina – unter dem Decknamen „Nachtigall“ arbeitet sie als Sekretärin im Zentralkomitee – mit den Sitzungsprotokollen versorgt wird. Während die Amerikaner bereits den Verkauf von fünfzig Millionen Tonnen Weizen an Russland planen, sehen die sowjetischen Falken die Sache ein bisschen anders: Beschaffung des Grundnahrungsmittels mittels Einmarsch in den Westen, was höchst wahrscheinlich einen Atomkrieg in Gang setzen würde. Dann geht es Schlag auf Schlag: Um den sowjetischen Machtapparat in seinen Grundfesten zu erschüttern, ermordet die Gruppe um Drake den KGB-Chef, entführt eine Tupolew und erschiesst den Piloten. Die beiden Attentäter werden gefangen genommen, worauf Drake einen riesigen Öltanker kapert mir der Drohung, ihn in die Luft zu jagen, falls man seine Kameraden nicht freilässt. Umweltkatastrophe oder Dritter Weltkrieg. In dieser scheinbar aussichtslosen Situation gibt es nur noch eine Option: „Des Teufels Alternative“.

Der monumentaler Nahost-Roman ‚Die Faust Gottes‘ thematisiert den Zweiten Golfkrieg, der am 2. August 1990 mit der Eroberung Kuwaits durch Sadam Hussein begann und am 5. März 1991 durch die „Operation Desert Storm“ beendet wurde. Das vorangestellte Register umfasst vierundsiebzig überwiegend historisch verbürgte Personen. Mike Martin, ein erfahrener, abgebrühter (fiktiver) Agent des Special Air Service (SAS), steht im Mittelpunkt. Aufgewachsen in Bagdad als Spross eines englischen Geschäftsmanns und einer indischen Mutter, spricht er perfekt Arabisch, und mit seiner Physiognomie geht er problemlos als Beduine durch – ideale Voraussetzungen für eine verdeckte Mission in diesem Krieg. Die Briten schleusen ihn in Bagdad ein, damit er Kontakt aufnimmt mit ihrem wertvollsten Maulwurf „Jericho“, einer der wenigen Vertrauenspersonen Husseins. Die entscheidende Frage lautet: Ist der Irak bereits im Besitz der (als „Faust Gottes“ bezeichneten) Atombombe?

Forsyths al-Qaida-Thriller ‚Der Afghane‘ spielt fünf Jahre nach 9/11. Um einen bevorstehenden Terroranschlag von ungeheurem Ausmass auf die westliche Welt durch die Taliban zu vereiteln, sehen der amerikanische und der englische Geheimdienst die einzige Chance darin, einen Agenten ins Zentrum von al-Qaida einzuschleusen. Die Wahl fällt auf den (aus ‚Die Faust Gottes‘ bekannten) britischen Geheimagenten Mike Martin, der schon im Krieg gegen die Sowjetunion in Afghanistan, im Balkankrieg und im Golfkrieg eine tragende Rolle gespielt hat. Man erhofft sich von ihm, dass er als Doppelgänger des seit fünf Jahren im Gefangenenlager Guantanamo schmorenden Taliban-Offiziers Izmat Khan, des „Afghanen“, den Zeitpunkt und das Ziel des Attentats herausfindet. Nach monatelangem, intensivem Sprach-, Verhaltens- und Korantraining gelingt es Martin tatsächlich, das Vertrauen der islamischen Fundamentalistenführer zu gewinnen. Als er schliesslich entdeckt, dass es sich bei der Terrorwaffe um ein präpariertes Schiff handelt, ist es für koordinierte Gegenmassnahmen schon zu spät – die ganze Verantwortung liegt jetzt bei ihm.

Durchdachte Handlungsführung mit rasch wechselnden Schauplätzen, geschickte Verbindung von Fiktion und Fakten und detailreiche, sachliche und präzise Schilderungen von Konfliktherden, Waffensystemen, geheimdienstlichen und militärischen Aktionen und terroristischen Anschlägen sind die herausragenden Stärken des konservativ eingestellten Autors. Darüber hinaus sind Forsyths kaum je weniger als fünfhundert Seiten umfassenden Bücher eine unerschöpfliche Quelle für „unnützes Wissen“. Komplexe Charaktere, Grautöne und tiefgründige politische Analysen sucht man in seinen stilprägenden Schmökern hingegen vergebens.

Bibliografie:

‚The Day of the Jackal‘‚Der Schakal‘ (1971), ‚The ODESSA File‘ – ‚Die Akte ODESSA‘ (1972), ‚The Dogs of War‘ – ‚Die Hunde des Krieges‘ (1974), ‚The Devil’s Alternative‘ – ‚Des Teufels Alternative‘ (1979), ‚The Fourth Protocol‘ – ‚Das vierte Protokoll‘ (1984), ‚The Negotiator‘ – ‚Der Unterhändler‘ (1989), ‚The Deceiver‘ – ‚McCreadys Doppelspiel‘ (1991), ‚The Fist of God‘ – ‚Die Faust Gottes‘ (1994), ‚Icon‘ – ‚Das schwarze Manifest‘ (1996), ‚The Phantom of Manhattan‘ – ‚Das Phantom von Manhattan‘ (1999), ‚Avenger‘ – ‚Der Rächer‘ (2003), ‚The Afghane‘ – ’Der Afghane’ (2006), ‚The Cobra‘ – ‚Cobra‘ (2010), ‚The Kill List‘ – ‚Die Todesliste‘ (2013), ‚The Fox‘ – ‚Der Fuchs‘ (2018).

Zu Frederick Forsyths Autobiografie: https://martincompart.wordpress.com/2015/09/15/der-outsider-als-bestseller-fred