(*1972; schreibt auch als Haylen Beck)
Geboren und aufgewachsen in Armagh, Nordirland, arbeitete Stuart Neville nach dem Musikstudium als Gitarrenlehrer, Komponist, Gitarrist einer Rockband, Verkäufer von Musikinstrumenten, Bäcker, „Handdouble“ für einen irischen Comedian und Webdesigner, bevor er zu schreiben begann und 2009 als Thrillerautor debütierte. Zwei Romane veröffentlichte er unter dem Pseudonym Haylen Beck – eine Hommage an seine Lieblingsgitarristen Eddie Van Halen und Jeff Beck. Neville lebt mit seiner Familie in einer kleinen Stadt bei Belfast und ist Partner in einem Multimedia Design Unternehmen.
‚Die Schatten von Belfast‘ (im Original: ‚The Twelve‘) spielt 2007 in der nordirischen Hauptstadt, wo seit dem Karfreitagsabkommen vom 8. April 1998 ein brüchiger Friede besteht. Im Mittelpunkt steht der legendäre IRA-Killer Gerry Fegan, ein einsamer, verzweifelter Säufer Mitte vierzig, der nach Verbüssung einer zwölfjährigen Haftstrafe seit sieben Jahren versucht, in dem zerrütteten Land wieder Fuss zu fassen. Doch die Geister seiner zwölf unschuldigen Opfer, unter ihnen ein Junge und eine Frau mit ihrem Baby, verfolgen ihn Tag und Nacht, fordern Vergeltung. Erst wenn er diejenigen tötet, die ihm die Befehle zum Töten erteilt haben, lassen sie ihn in Ruhe. Michael McKenna, sein Jugendfreund, der sich mit unlauteren Mitteln zum respektablen Politiker gemausert hat, ist der erste, der dran glauben muss. Als Fegan nach zwei weiteren Morden von seinen ehemaligen Bossen entlarvt wird, setzen sie den schottischen Profi Davy Campbell auf ihn an. In seinem meisterhaft gestalteten, rasanten Romanerstling – er wird der Jack Lennon-Serie zugerechnet, obwohl dieser am Geschehen nicht teilhat – ist es dem Autor gelungen, den Zustand des von den Machtspielen der nordirischen Politiker und Polizeibeamten, der republikanischen Dissidenten sowie der britischen Regierung und Geheimdienste erschütterten Landes auf kompromisslose Weise zu dokumentieren.
‚Blutige Fehde‘ ist eng mit ‚Die Schatten von Belfast‘ verknüpft, diesmal aber mit Detective Inspector Jack Lennon in einer zentralen Rolle. Gerry Fegan und der soziopathische Killer mit dem Nom de guerre „der Nomade“ sind seine Gegenspieler. Nach einem Psychologiestudium hatte sich der Katholik Jack Lennon zum Entsetzen seiner Familie in Belfast der überwiegend protestantischen Royal Ulster Constabulary angeschlossen. Er ist ein hagerer, kräftiger und verschwenderischer Bursche Ende dreissig, ein starker Trinker mit einer Vorliebe für käuflichen Sex – und der einzige ehrliche Vertreter einer bis in die Haarspitzen korrupten Polizei. Seiner vor sechs Jahren beendeten Liaison mit McKennas Nichte Marie entsprang eine Tochter namens Ellen, die er allerdings noch nie gesehen hat. Der Nomade – er arbeitet für den rachsüchtigen Gangsterboss Bull O’Kane, der bei der Abrechnung im vorangegangenen Roman die Fäden zog und sich dabei derart schwere Verletzungen zuzog, dass er seine Selbständigkeit einbüsste – hat die Aufgabe, sämtliche Zeugen der einige Monaten zurückliegenden, überaus blutigen Schlacht endgültig zum Schweigen zu bringen, insbesondere auch Gerry Fegan, der sich anschliessend nach New York absetze, um dort in Ruhe seine Wunden zu lecken. Als jetzt Marie und Ellen dem Nomaden in die Hände fallen, kehrt Fegan nach Nordirland zurück, denn sie sind die einzigen Menschen, die ihm etwas bedeuten. Es kommt zu einem atemberaubenden Finale, das nur wenige der beteiligten Personen überleben.
Der nachfolgende Band ‚Blutige Fehde‘, in dem Detective Inspector Jack Lennon in der Doppelrolle als beinharter Cop und alleinerziehender Vater der kleinen Ellen allein im Mittelpunkt steht, fällt deutlich ab. Er dreht sich um eine litauische Mafia, die, unterstützt durch korrupte Bullen, in Belfast einen florierenden Handel mit jungen osteuropäischen Frauen betreiben, bis Lennon ihnen auf spektakuläre Weise das Handwerk legt. So weit, so gut, doch Neville verwässert die durchaus spannende Erzählung mit dem Treiben eines einheimischen Killers, der in Anfällen von religiösem Wahn reihenweise Prostituierte abmurkst.
‚In ewiger Ruhe‘ beginnt mit dem Suizid eines begüterten älteren Mannes namens Raymond. Im Nachlass findet seine Nichte Rea Carlisle ein altes Buch mit umfassenden Beweisen für eine Reihe von weit zurückliegenden bestialischen Morden. Sie zeigt das Material ihrem früheren Lover, dem seit seinem letzten (in ‚Blutige Fehde‘ beschriebenen) Einsatz vom Dienst suspendierten Jack Lennon. Wenig später wird sie umgebracht, das Buch ist verschwunden, und die zuständige Ermittlerin, Detective Chief Inspector Serena Flanagan, hält Lennon für den Mörder. Immer stärker in die Enge getrieben, recherchiert dieser nun auf eigene Faust. Dabei fällt ihm ein altes Foto in die Hand, auf dem drei junge Typen abgebildet sind: Reas Vater Graham (inzwischen ein aufstrebender, skrupelloser Politiker), Reas Onkel Raymond (Grahams Schwager) und ein dritter, vorerst nicht identifizierter Mann. Sofort ist Lennon klar, dass einer von ihnen der Killer ist – und dass dieser auch Rea Carlisle auf dem Gewissen hat. Gelingt es ihm, den Fall zu lösen, bevor er selbst im Kittchen landet? Im diesem letzten Band der Reihe fesselt Neville den Leser durch schnelle Szenenwechsel und eindrucksvolle Darstellung der selbstzerstörerischen Hauptfigur und der ebenfalls tragende Rollen einnehmenden Frauen Ida Carlisle (Grahams langjährige Ehefrau) und DCI Serena Flanagan.
‚Der vierte Mann‘ (im Original treffender: ‚Raltlines‘), angesiedelt im Dublin des Jahres 1963, befasst sich mit den wenig bekannten Beziehungen zwischen Irland und Nazi-Deutschland: Die irische Regierung, die sich aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehalten hatte, gab nach Kriegsende ungezählten Kriegsverbrechern Asyl und unterstützte sie dabei, sich auf den „Rattenlinien“ nach Lateinamerika durchzuschlagen, nach dem Motto: „Die Feinde meiner (in diesem Fall britischen) Feinde sind meine Freunde“. Als kurz vor dem Staatsbesuch John F. Kennedys eine Reihe von Nazis und Kollaborateuren umgebracht wird, soll der irische Soldat Albert Ryan, der freiwillig für England in den Krieg gezogen war, im Auftrag des Justizministeriums die Morde aufklären und verhindern, dass der stinkreiche und ausgezeichnet vernetzte ehemalige SS-Offizier Otto Skorzeny, eine historische Figur mit guten Kontakten zur IRA, als nächster daran glauben muss. Albert Ryan stellt sich nun die Frage, ob er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, dem Land zu dienen, indem er einem Scheusal wie Skorzeny das Leben rettet.
In ‚Ohne Spur‘ beschreibt der Autor unter seinem Pseudonym Haylen Beck die Flucht der jungen Mutter Audar Kinney mit ihren beiden kleinen Kindern vor ihrem übergriffigen, manipulativen Ehemann Patrick quer durch die Vereinigten Staaten, von New York über Arizona und Kalifornien bis nach Las Vegas – eine aufwühlende, jedoch allzu reisserische Geschichte mit eindimensionalen Charakteren.
Bibliografie:
Jack Lennon-Serie (aka Belfast Novels): ‚The Twelve‘ (auch unter dem Titel ‚The Ghosts of Belfast‘) – ‚Die Schatten von Belfast‘ (2009), ‚Collusion‘ – ‚Blutige Fehde‘ (2010), ‚Stolen Souls‘ – ‚Racheengel‘ (2011), ‚The Final Silence‘ – ‚In ewiger Ruhe‘ (2014);
Serena Flagan-Romane: ‚Those We Left Behind‘ (2015), ‚So Say the Fallen‘ (2016);
Einzelwerke: ‚Ratlines‘ – ‚Der vierte Mann‘ (2013), ‚The House of the Ashes‘ (2021);
Blood-Romane: ‚Blood Like Mine‘ (2024), ‚Blood Lie Ours‘ (2025)
Als Haylen Beck: ‚Here and Gone‘ (2017), ‚Lost You‘ – ‚Ohne Spur‘ (2019).