(*1978)
William Boyle, geboren im New Yorker Stadtteil Brooklyn, wo er bei seiner alleinerziehenden italienisch-stämmigen Mutter aufwuchs, studierte an der State University of New York in New Paltz. Nach Aufenthalten in der Bronx, im Hudson Valley und in Austin lebt er seit 2012 mit seiner Frau Katie und ihren zwei Kindern als freier Autor in Oxford, Mississippi. Darüber hinaus unterrichtet er kreatives Schreiben an der dortigen Universität. In seinen bisher fünf mit popkulturellen Reverenzen gespickten Romanen gibt der „Poet der Unterschicht“ den kleinen, zumeist italoamerikanischen Leuten in Gravesend, dem südlichen Zipfel Brooklyns, eine kräftige Stimme. Gravesend: ein Soziotop, in dem jeder jeden kennt.
William Boyle begann seine schriftstellerische Laufbahn mit ‚Gravesend‘, einem der düstersten und deprimierendsten Romane der Gegenwart. Die Geschichte kreist um vier meisterhaft gezeichnete junge Menschen und ihre Beziehungen zueinander. Ray Boy Calabrese sass sechzehn Jahre im Gefängnis, weil er seinen schwulen Schulkameraden Duncan in den Tod getrieben hat. Von Schuldgefühlen gequält kommt er jetzt nach Hause und hat nur noch einen einzigen Wunsch: möglichst bald zu sterben. Duncans rachsüchtiger Bruder Conway D’Innocenzio – er wohnt immer noch bei seinem Vater Pope und führt ein Leben ohne Sinn und Zweck – soll den „Job“ für ihn erledigen. Dritte im Bund ist die Schauspielerin Alessandra Biagini, die nach elf vergeudeten Hollywood-Jahren nach Brooklyn zurückkehrt, um ihrem frisch verwitweteten Vater beizustehen. Dann gibt es noch Ray Boys fünfzehnjährigen Neffen Eugene, der, bitter enttäuscht von seinem todessehnsüchtigen Onkel, wegen Lehrerbeschimpfung und notorischem Schwänzen von der Schule fliegt und sich dann als Gangster versucht – der örtliche Mobster Enzio Natale soll sein erstes Opfer sein. Feinfühlig schildert Boyle das Leben dieser vier Figuren, ihre falschen Hoffnungen, ihre zerbrochenen Träume.
‚Einsame Zeugin‘ kann als lose Fortsetzung von ‚Gravesend‘ gelesen werden. Amy Falconetti, Mitte dreissig, eine impulsive Frau mit ausschweifender Vergangenheit als Partygirl und Barmaid, liebt Alessandra Biagini über alles, doch diese hat die Stadt vor längerer Zeit verlassen, worauf sich Amy von ihren Besitztümern trennte und seither liebevoll für einsame betagte Menschen sorgt – ein eintöniges Leben in Demut. Hin und wieder übermannt sie die Melancholie. Eines Tages berichtet ihr eine alte Frau, dass sie sich vom Sohn ihrer Pflegerin bedroht fühlt. Kurz danach wird dieser vor Amys Augen durch einen jungen Mann erstochen. Sie verlässt den Tatort mit der Mordwaffe, ohne die Polizei zu informieren – ihr altes Ich scheint wieder überhandzunehmen. Dann geht es Schlag auf Schlag: Amys Vater Fred, ein langjähriger Säufer, der sich vor vielen Jahren aus dem Staub gemacht hat, steht schamerfüllt vor ihrer Türe, Alessandra taucht völlig unerwartet auf, und Amy trifft auf Vincents Mörder. Anstatt daraus eine actiongeladene Krimihandlung zu entwickeln, legt Boyle das Schwergewicht auf die Darstellung des grauen multikulturellen Viertels und der Menschen, die sich hier so gut es geht durchs Leben schlagen.
Vier starke Frauen bilden den Kern des Romans ‚Eine wahre Freundin‘. Das Leben der bis anhin unscheinbaren sechzigjährigen Witwe Rena Ruggiero – ihr Mann, der Brooklyner Mafioso „Gentle Vic“, ist vor neun Jahren vor ihrem Haus in Gravesend erschossen worden – gerät aus der Spur, als ihr betagter Nachbar Enzo in der klaren Absicht, sie zu vögeln, mit einem Blumenstrauss vor ihrer Türe steht. Sie haut ihm einen Aschenbecher auf den Kopf und flüchtet mit seinem 62er Chevy in die Bronx, wo ihre mit dem etwas einfältigen Mobster Richie – seinerzeit Vics rechte Hand – liierte Tochter Adrienne und ihre frühreife, rotzfreche Enkelin Lucia leben, doch Adrienne weist sie ab. Die zweite Hauptperson ist die frühere Pornodarstellerin, Stripperin und Trickbetrügerin Lacey Wolfstein, Adriennes Nachbarin, die Rena Unterschlupf gewährt – der Beginn einer unverbrüchlichen Beziehung. Später stösst Laceys Freundin Mo dazu – die wildeste der drei Frauen. Dann geht es ans Eingemachte: Richie kreuzt mit Adrienne, Lucia und einem 500’000 Dollar enthaltenden Koffer auf, ihm im Nacken sitzt der psychopathische Gangster Crea, der hinter der Kohle her ist, und auch Enzio und Wolfies in sie verliebter Ex-Freier Bobby lassen nicht lange auf sich warten. Das daraus resultierende Gemetzel nutzt Lucia kaltblütig aus, um mit dem Koffer abzuhauen – und sich in Brooklyn auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater zu begeben. Dies sind die Ingredienzien des vom Autor als „Screwball Noir“ bezeichneten Romans, in dem sich slapstickartige Gewaltausbrüche, komische Szenen, rührende Momente und herrliche Dialoge zu einem kunterbunten, höchst unterhaltsamen Gebräu vereinen. Oder, in den Worten eines Kritikers: „Boyle’s voice works even when it feels like it shouldn’t. It’s just the right kind of too much.“
Im fünften Gravesend-Roman ‚Brachland‘ hat Boyle seine vielstimmige Erzählkunst perfektioniert. Ausgangspunkt ist ein Mord, verübt durch den Cop Donnie Parascandolo, der in seiner Freizeit Jobs für den Mafioso Big Time Tommy Ficalora erledigt – Beschattungen, Botendienste, säumigen Schuldnern die Beine brechen. Donnie, seit dem Suizid seines fünfzehnjährigen Sohnes Gabe und der daraufhin erfolgten Trennung von seiner Frau Donna eine innerlich zerrissene Gestalt, schmeisst den bei Ficalora in der Kreide stehenden spielsüchtigen Lehrer Giuseppe Baldini kurzerhand in den Fluss – ein als Selbstmord abgehakter Fall. Die eigentliche Geschichte beginnt zwei Jahre danach. Sieben von Giuseppes Tod mehr oder weniger direkt betroffene Menschen stehen im Mittelpunkt: Seine verhärmte Witwe Rosemarie und ihr zwanzigjähriger Sohn Mikey, ein empfindsamer Aussenseiter, der damals das College abgebrach, um seiner Mutter beizustehen. Die verwitwete Altenpflegerin Ava Bifulco und ihr Sohn Nick, ein schmuddeliger Lehrer und Möchtegernautor, der mit dreissig immer noch bei seiner Mutter lebt und die Familie Parascandolo von früher her kennt. Die Teenagerin Antonina, ein zähe Rebellin, die ihren Weg zu finden scheint. Donnies vereinsamte Ex-Frau Donna, der einzig die Musik ein wenig Trost zu spenden vermag. Donnie selbst, der seit dem unehrenhaften Ausscheiden aus den Polizeidienst hauptberuflich für Big Time Tommy die Drecksarbeit erledigt – und sich in Ava verknallt. Auch für eine romantische Liebesgeschichte gibt es Platz: Als Mikey zufällig Gabes Abschiedsbrief in die Hände fällt und er ihn Donna überbringt, entspinnen sich zarte Gefühle zwischen den seelenverwandten, vom Schicksal schwer getroffenen Figuren.
‚Shoot the Moonlight‘ (der Titel bezieht sich auf Garland Jeffreys‘ gleichnamigen Song) ist Boyles vierschichtigstes Werk. Eine Handvoll eindrucksvoll und facettenreich beschriebene Charaktere bilden das Gerüst der souverän komponierten, einige Wochen vor 9/11 angesiedelten Geschichte, an deren Ursprung der Tod der Studentin Amelia im Sommer 1996 steht. Verursacht wurde die ungeklärt gebliebene Tat durch den vierzehnjährigen Bobby Santovasco, der mit einem Kumpel aus Langeweile Steine von einer Brücke auf Autos warf. Sprung ins Jahr 2001: Amelias vom Schicksal schwer geprüfter Vater Jack Cornacchia, im Grunde ein fürsorglicher, warmherziger Mann, kämpft seit dem Tod seiner Tochter mit unzimperlichen Mitteln für Gerechtigkeit auf den Strassen seiner Stadt. Als er zufällig der angehenden Autorin Lily, Bobbys ex-Stiefschwester, begegnet, entsteht zwischen den beiden Aussenseitern eine innige, rührende Vater-Tochter-Beziehung. Bobby, inzwischen neunzehnjährig, arbeitet für den schleimigen, mit der Mafia verbandelten Betrüger Max Berry. Als er sich in die mit einer Filmkarriere liebäugelnden Francesca verliebt, entwendet er dem Mafiakiller Charlie French einen Koffer voller Drogen und Geld – gedacht als Startkapital für ein Leben mit seiner Freundin. Zwangsläufig führt dies zu einer blutigen Abrechnung, die nur wenige Beteiligte überleben.
Bibliografie:
‚Gravesend‘ – ‚Gravesend‘ (2013), ‚Everything Is Broken‘ (in Frankreich 2017 unter dem Titel ‚Tout est brisé‘, im Original bisher nicht erschienen), ‚The Lonely Witness‘ – ‚Einsame Zeugin‘ (2017), ‚A Friend Is a Gift You Give Yourself‘ – ‚Eine wahre Freundin‘ (2019), ‚City of Margins‘ – ‚Brachland‘ (2020), ‚Shoot the Moonlight Out‘ – ‚Shoot the Moonlight Out‘ (2021).