(*1957)
Geboren und aufgewachsen auf einer Farm ausserhalb von Nashville, Tennessee, studierte Madison Smartt Bell Anglistik an der Princeton University in New Jersey und dem Hollins College in Virginia. Nach Aufenthalten in New York City und London liess er sich Anfang der 80er-Jahre mit seiner Frau, der Lyrikerin Elizabeth Spires, und ihrer gemeinsamen Tochter Celia in Baltimore, Maryland, nieder und unterrichtete Englische Literatur und kreatives Schreiben am Goucher College. Nebenberuflich veröffentlichte er 1983 seinen ersten Roman.
Bells Werk besteht aus fünfzehn Romanen, drei Geschichtensammlungen, der Robert Stone-Biografie ‚Child of Light‘ (2020), einer Biografie des haitianischen Nationalhelden Toussaint Louverture, Drehbüchern, Memoiren, Sachbüchern, Songtexten und Essays. Darüber hinaus schrieb er Literaturkritiken für ‚Harper’s‘, die ‚New York Review of Books‘ und die ‚New York Times‘. Herzstück seines Schaffens ist die gut zweitausend Seiten umfassende Trilogie über die blutige Sklavenrevolution auf Haiti im Jahr 1791, von der leider nur der erste Teil, ‚Aufstand der der Seelen‘, auf Deutsch vorliegt. Doch auch seine anderen Romane lassen sich sehen.
In seinem dritten Roman ‚Straight Cut‘ (‚Ein sauberer Schnitt‘) – das 1986 erstveröffentlichte Original wurde 2006 im legendären Programm „Hard Case Crime“ neu aufgelegt – kreuzt Madison Smartt Bell eine explosive Dreiecksgeschichte mit einem Noir. Der knapp vierzigjährige New Yorker Filmcutter Tracy Bateman als Ich-Erzähler, sein ehemaliger Busenfreund Kevin Carter, Produzent und Regisseur von mittelmässigen Filmen, und seine Frau Lauren, eine wunderschöne Schauspielerin, die ihn vor ein paar Monaten für Kevin verliess, stehen im Mittelpunkt. Kevin überredet Tracy, mit ihm nach Rom zu gehen, um an einem Dokumentarfilm über Entziehungskuren für Drogenabhängige mitzuarbeiten. Kaum hat Tracy mit der lukrativen Arbeit begonnen, taucht völlig unerwartet Lauren bei ihm auf – mit einem Aluminiumkoffer, in dem sich Heroin im Wert von einer Million Dollar befindet. Als kurz danach zwei schwer bewaffnete Bulgaren auf der Bildfläche erscheinen, begreift Tracy, dass er Kevin wieder einmal auf den Leim gekrochen ist – und schlägt hart zurück. ‚Ein sauberer Schnitt‘ überzeugt mit rührenden Szenen vor allem zu Beginn und gegen Ende der Geschichte, während der Mittelteil etwas lang geraten ist.
‚Battery Park heimwärts‘ – im Original, ‚Save Me, Joe Louis‘, die letzten Worten des Sträflings, der als erster in einer Gaskammer hingerichtet wurde – ist die düstere Geschichte dreier Männer, die sich am Rand der Gesellschaft bewegen. Die Geschichte einer brüchigen Freundschaft. Macrae, im Grunde kein übler Kerl, schlägt sich nach abgebrochenem Militärdienst mit seinem fünfzehn Jahre älteren Zufallsbekannten Charlie, einem gewissenlosen Verbrecher mit Knastvergangenheit, auf den Strassen Manhattans mit kleineren Überfällen durch – sie zwingen reiche Yuppies dazu, ihnen vierhundert Dollar aus Bankomaten auszuhändigen, und finanzieren damit ihren Alkohol- und Drogenkonsum. Als Macrae bei einem Raubzug angeschossen wird, setzen sie sich nach Baltimore ab. Dort treffen sie auf den Afroamerikaner Porter, der wegen Drogendelikten bis vor kurzem im Gefängnis einsass. Als Dreierteam legen sie nun einen Gang zu, bis ein Coup aus dem Ruder läuft, worauf sie in Tennessee auf der Farm von Macreas altem, blindem Vater Unterschlupf finden. Auch Macreas enge Jugendfreundin, die Fotografin Lacy, mit der er entfernt verwandt ist, hält sich derzeit in der Gegend auf. Für Macrae vielleicht die letzte Chance, seinem Leben einen Sinn zu geben.
Drei von Terror geprägte Episoden im Leben der monströsen Ich-Erzählerin Mae Chorea bilden den Kern des aufwühlenden Romans ‚Die Farbe der Nacht‘. Als junges Mädchen wird Mae während fünf Jahren von ihrem psychopathischen älteren Bruder Terrell missbraucht, bis es ihr gelingt, sich von ihrer Familie zu lösen. Fatalerweise schliesst sie sich nun der (Charles Mansons „Family“ nachgezeichneten) kalifornischen Hippie-Kommune das VOLK an, wo die Anführer D. und O. ihr Unwesen treiben – Drogen, Sex, Prostitution und Gewalt gehören zum Alltag, dem finalen Gemetzel entkommen nur Mae und ihre Geliebte Laurel. Am folgenden Morgen gehen die beiden getrennte Wege. Dreissig Jahr später: Mae ist in Nevada in einem Trailerpark untergetaucht, arbeitet als Croupière in einem Kasino und streift nachts mit ihrem Präzisionsgewehr durch die Wüste. Am Tag des 9/11-Anschlags sieht sie Laurel im Fernsehen zum ersten Mal wieder: „Sie kniete auf dem Bürgersteig, den Kopf in den Nacken geworfen, die Hände mit gekrümmten Fingern ausgestreckt, wie Waffen oder wie Lobpreisung. Blut lief ihr aus den Mundwinkeln.“ In New York treffen sie aufeinander. Mit schnellen Zeitsprüngen entwirft der stilistisch brillante Autor in seinem bisher letzten Roman das Bild einer kalten, seelenlosen, dem Zerfall geweihten Gesellschaft.
Bibliografie:
‚The Washington Square Ensemble‘ – ‚Washington Square, New York‘ (1983), ‚Waiting for the End of the World‘ – ‚Warten auf das Ende der Welt‘ (1985), ‚Straight Cut‘ – ‚Ein sauberer Schnitt‘ (1986), ‚The Year of Silence‘ – ‚Jahr des Schweigens‘ (1987), ‚Soldier’s Joy‘ (1989), ‚Doctor Sleep‘ – ‚Kalter Schlaf‘ (1991), ‚Save Me, Joe Louis‘ – ‚Battery Park heimwärts‘ (1993), ‚Ten Indians‘ (1996), ‚Anything Goes‘ (2002), ‚Devil’s Dream‘ (2009), ‚The Colour of Night‘ – ‚Die Farbe der Nacht‘ (2011).
Haiti-Trilogie: ‚All Soul’s Rising‘ – ‚Aufstand aller Seelen‘ (1995), ‚Master of the Crossroads‘ (2000), ‚The Stone That the Builder Refused‘ (2004).