2. August 1955 bis 23. Mai 2024
Caleb Carr wurde als Sohn der Autorin Francisca van Hartz und des Journalisten Lucien Carr, einer zentralen Figur der Beat-Generation, in Manhattan geboren. Seine frühen Jahre waren überschattet durch Saufgelage, die sein zu Gewaltausbrüchen neigender Vater mit Jack Kerouac und Allen Ginsberg abhielt. Als die Ehe seiner Eltern 1963 endgültig zerbrach, wuchs er mit seinen zwei Brüdern und den drei Töchtern seines Stiefvaters in der Lower East Side von Manhattan bei seiner Mutter auf.
Carr war bereits ein angesehener, wenn auch umstrittener Militärhistoriker, Journalist und Sachbuchautor, als er 1994 mit dem im New York des Jahres 1896 spielenden Thriller ‚The Alienist‘ (auf Deutsch: ‚Die Einkreisung‘) gross einschlug. Auf mehr als siebenhundert Seiten schildert er die Jagd nach dem Mörder von männlichen Prostituierten durch den frischgebackenen Polizeipräsidenten (und späteren U.S. Präsidenten) Theodore Roosewelt und seine fiktiven Mitstreiter, dem Psychologen Laszlo Kreizler und dem Reporter John Schuyler Moore – ein faszinierendes Sittengemälde dieser Zeit. Es folgten drei weitere Krimis, darunter das Alienist-Sequel ‚The Angel of Darkness‘ (‚Engel der Finsternis‘), sowie ein Science Fiction- und ein Fantasy-Roman.
Gezeichnet von der chaotischen Kindheit ging Caleb Carr tiefer gehenden Beziehungen mit Menschen zeitlebens aus dem Weg. Stattdessen verbrachte er siebzehn Jahre mit einer sibirischen Katze. Sie starb im April 2022, und er widmete ihr sein letztes Buch: ‚My Beloved Monster: Masha, the Half-Wild Rescue Cat Who Rescued Me‘. Mit 68 Jahren erlag er in seinem riesigen, in der Nähe von Cherry Plain, New York State, gelegenen Anwesen einer Krebserkrankung.
Ein erhellender Text über Carrs Leben und Werk findet sich hier:
https://martincompart.wordpress.com/2014/08/21/caleb-carr-new-yorker-misanthrop/.
Wer „Die Einkreisung“ als „das Buch zur Netflix-Serie“ lesen will, wie sie der Weltkonzern Bertelsmann (entstanden aus einem Verlag für pietistische Erbauungsliteratur in Gütersloh) mit seiner heutigen „Verlagsmarke“ Heyne anpreist, läuft Gefahr, das Wesentliche dieses historischen Bildungsromans zu versäumen.
Seinem Autor, dem New Yorker Urgestein Caleb Carr, geht es um den Kampf des Fortschritts und für die psychoanalytische Aufklärung durch Sigmund Freud gegen die Kräfte der religiös getünchten Volksverdummung und der Lynchjustiz in allumfassender Korruption der Polizei im US-Staat New York des Jahres 1896. Sogar der Großkapitalist J. P. Morgan tritt persönlich in diesem Krimi auf, flankiert von zwei Kirchenführern, je einer katholisch und evangelikal, und zwei staatlichen Moralaposteln, die Morgan persönlich dirigiert gegen sozialistisch agitierte Einwanderer, darunter viele Deutsche in den Elendsquartieren. Eine Hauptperson ist der spätere US-Präsident Theodore „Teddy“ Roosevelt der Republikaner (regierte 1901-1909), hier noch als Polizeichef des Molochs N.Y., wie er mit modernen Methoden (u. a. werden erstmals in den USA Fingerabdrücke angewendet und eine Frau leitet zeitweise die Ermittlungen) und mit dem damaligen fortschrittlichen gesonnenen Flügel der Republikaner die Kräfte der Reaktion unter Kontrolle bringt.
Wer sich an den Auftritt des Arnold Schwarzenegger nach Trumps Sturm auf das Capitol erinnert, liegt genau richtig und findet – auch zur Einstimmung auf Carrs „Einkreisung“ – hier die historische US-Tradition. | In Kurzfassung, mit Teddy Roosevelt: https://www.youtube.com/watch?v=emNJ3eN4Pj4 || Fast in Spielfilmlänge, pathetisch und mit Schwert:
https://www.youtube.com/watch?v=vAWvl-g_6rg
Tatsächlich setzte sich der US-Präsident „Teddy“ Roosevelt für Arbeiterrechte und die Trustkontrolle gegen seinen Widersacher J. P. Morgan ein, und sein Nachfolger in dieser republikanischen Tradition, der berühmte General und Präsident Eisenhower, warnte vor der Beherrschung der USA durch den militärisch-industriellen Komplex.
Allerdings stand sich Caleb Carr, im Hauptberuf Bellizist und Militärhistoriker, beim Verfassen seines flüssig lesbaren Wälzers selber durch seinen Amerikanismus im Weg. So befürwortet er die Todesstrafe, und muss, um ihr Geltung zu verschaffen, seinen psychoanalytischen Aufklärer Dr. Kreisler aus dem Finale herausnehmen. Damit knickt der Spannungsbogen am Schluss deutlich ein, doch wird der Leser durch die ersten Dreiviertel mehr als entschädigt.