Jonathon King wurde in den 50er-Jahren in Lansing, Michigan, als Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Er schmiss das College und bestritt seinen Lebensunterhalt als Rettungsschwimmer in Ocean City, New Jersey, und als Anstreicher. Daraufhin absolvierte er ein Journalistik-Studium an der Temple University in Philadelphia, um die folgenden 24 Jahre als Polizei- und Gerichtsreporter zu arbeiten, zuerst für die Philadelphia Daily News, dann für den Sun Sentinel in Fort Lauderdale, Florida, wobei er regelmässig Cops und Forensiker begleitete. Als er im Winter 1999/2000 zwei Monate allein in den Bergen von North Carolina verbrachte, entdeckte er seine Freude an der Schriftstellerei. Der Vater von zwei Kindern lebt in Südflorida und ist in seiner Freizeit mit dem Kanu oder dem Luftboot unterwegs. Sein Werk besteht aus sieben Max Freeman-Krimis, drei Einzelwerken und der Geschichtensammlung ‚The Burning of the Styx‘ (2005).
Max Freeman, Sohn eines gewalttätigen, rassistischen, früh gestorbenen Cops, war zwölf Jahre Streifenpolizist in Philadelphia, bis er aus Notwehr einen jugendlichen Delinquenten erschoss und daraufhin gegen eine grosszügige Abfindung den Dienst quittierte. Von Gewissensbissen gequält, zog er sich in die Sumpfgebiete der Everglades zurück. Dort lebt er seit zwei Jahren in einer alten Forscherhütte, ohne einer geregelten Arbeit nachzugehen, und sinniert über seine Vergangenheit. Bei einer seiner nächtlichen Kanu-Fahrten stösst er auf die Leiche eines Kindes – das vierte Opfer einer Mordserie. Zeitweilig selbst der Taten verdächtigt, unterstützt durch seinen langjährigen Freund, den klugen und empathischen, in einem Getto aufgewachsenen schwarzen Anwalt Billy Manchester, begibt er sich auf die Suche nach dem Killer, dessen Beweggründe lange Zeit im Dunkeln bleiben. Tötet er aus sexuellem Motiv? Oder geht es ihm darum, Touristen daran zu hindern, seine urwüchsige Heimat zu verschandeln? ‚Das Messer im Sumpf’ wurde 2003 mit dem Edgar Award für den besten ersten Roman ausgezeichnet.
Sein zweiter Fall führt Max Freeman in den Drogensumpf der floridianischen Stadt West Palm Beach. Billy Manchester, der hier sein Büro hat, bittet ihn um Hilfe, um fünf unklaren – nach Ansicht der Polizei natürlichen – Todfällen von wohlhabenden, gebrechlichen schwarzen Witwen auf den Grund zu gehen. Der Leser erfährt schon auf den ersten Seiten, dass sie durch den heroinsüchtigen Eddie ermordet wurden. Und dass sie kürzlich ihre Lebensversicherungen veräussert haben. Freeman und ein versoffener Versicherungsdetektiv namens McCane finden heraus, dass sich eine Investmentgruppe darauf spezialisierte, den Witwen die Versicherungen für einen Bruchteil des Wertes abzuluchsen – und kurz danach das Ding mit Hilfe eines Mittelsmanns, in diesem Falle Eddie, unter Dach und Fach zu bringen. Doch dann macht Eddie einen Fehler.
In ‚Tödliche Fluten‘ behandelt King einen achtzig Jahre zurückliegenden Fall, der immer noch seine Schatten wirft. Damals wurden Cyrus Mayes und seine beiden Söhne ermordet, als sie aus finanzieller Not beim Bau der ersten Strasse durch die Everglades, dem legendären Tamiami Trail, mithalfen – ein knochenharter, grausamer Job. Jetzt ist ein junger Nachkomme der Familie Mayes auf Cyrus‘ an seine Frau gesendete Briefe gestossen, und Max Freeman – er ist inzwischen Besitzer einer Detektiv-Lizenz, arbeitet weiterhin für seinen engen Freund Billy Manchester und ist seit kurzem mit Police Detective Sherry Richards liiert – soll ergründen, was damals geschah. Kaum hat er seine Recherchen aufgenommen, wird er verfolgt, bedroht und bestochen, sein Telefon wird abgehört – versucht die damals verantwortliche (und heute noch aktive) Baufirma, Freeman von weiteren Ermittlungen abzuhalten, um keinen Schadenersatzforderungen oder Schlagzeilen wie „Sie haben die Strasse auf den Knochen ihrer Arbeiter gebaut“ entgegenzusehen zu müssen? Doch dann erhält der Schnüffler Unterstützung von dem abgebrühten, alteingesessenen Nate Brown, der hier jeden Winkel kennt. Und findet dank ihm eine Truhe, die ein altes Präzisionsgewehr und Notizen eines in den 1920er-Jahren für dreihundert Dollar pro Hit arbeitenden Berufskillers enthält, sowie ein Grab mit ein paar Knochen und Cyrus‘ Uhr.
Im vierten Roman ‚Nacht der Abrechnung‘ sagt sich Max, es sei nun an der Zeit, in die Welt zurückzukehren. Da tritt Detective Sherry Richards, mit der er sich seit mehreren Monaten nicht mehr getroffen hat, mit einer Bitte an ihn heran: Drei junge, im Broward County als Barmaid arbeitende Frauen sind wie vom Erdboden verschluckt, und Freemans ehemaliger Polizei-Kollege – und Lebensretter – Gene O’Shea steht auf ihrer Liste der Verdächtigen zuoberst, weil er mit zwei der Vermissten eine Beziehung hatte und zudem wiederholt wegen übermässiger Gewaltanwendung im Dienst und auch gegenüber seiner Frau aufgefallen war. Nach mehreren Gesprächen mit Gene ist Max von dessen Unschuld überzeugt, die beiden spannen zusammen – und treiben den (dem Leser von Anfang an bekannten) Täter in die Enge.
‚Mörderischer Hurrikan‘ fesselt durch geschickte Handlungsführung und einen furiosen Showdown. Ein mörderischer Wirbelsturm bildet die Grundlage der Geschichte, in der sich drei Teams gegenüberstehen: Max und Sherry, die in den Everglades ein paar romantische Tage verbringen, als sie von dem Hurrikan überrascht werden und nur knapp mit dem Leben davonkommen – die Polizistin schwer verletzt; drei Schmalspurgangster, Buck, Marcus und Wayne, die im Chaos nach dem Sturm die zerstörten Häuser ausräumen; sowie das abgebrühte Söldnergespann Harmon und Squire, die für eine illegale Ölfirma die Kastanien aus dem Feuer holen sollen. Als die Kontrahenten heftig aufeinanderstossen, ist ein blutiges Ende unausweichlich.
Gespickt mit eindrucksvollen Schilderungen dieses faszinierenden Landstrichs und der knorrigen Menschen, die hier leben, erinnern die Max Freeman-Krimis – insbesondere der erste und der fünfte Band – an die grandiose Thorn-Serie von James W. Hall.
Bibliografie:
Max Freeman-Serie: ‚The Blue Edge of Midnight‘ – ’Das Messer im Sumpf’ (2002), ‚A Visible Darkness‘ – ’Schwarze Witwen’ (2003), ‚Shadow Men‘ – ’Tödliche Fluten’ (2004), ‚A Killing Night‘ – ’Nacht der Abrechnung’ (2005), ‚Acts of Nature‘ – ‚ Mörderischer Hurrikan‘ (2007), ‚Midnight Guardians‘ (2010), ‚Don’t Lose Her‘ (2015);
Standalones: ‚Eye of Vengeance‘ – ’Der Scharfschütze’ (2006), ‚The Styx‘ (2009), ‚The Sindia Promise‘ (2018).
Ich habe die ersten Freeman-Romane sehr gerne gelesen. Dann wurde er in Deutschland nicht mehr veröffentlicht – was mir leider nicht weiter auffiel. Dein Portrait motiviert mich, die weiteren Originalausgaben zu besorgen. Er ist einer dieser vielen amerikanischen Autoren, die große Erwartungen auslösten und dann aus irgendwelchen Gründen diese nicht kommerziell erfüllen. Der von Dir erwähnte Hall ist auch so ein Beispiel. Ein toller Autor, der nur ein- zwei Sommer tanzte!
Selten so realistische Naturbeschreibungen in einem Krimi gelesen. Der Autor kennt die Mangrovenwälder und die Salzmarschen, das sportliche Fortbewegen in ihnen und die Lebensweise der Tier-, Pflanzen- und Menschenarten, die darin vorkommen, sehr genau. Außerdem kennt er auch die Menschen, kommt selber aus einer Arbeiterfamilie, war einst selber Cop, dann Zeitungsschreiber über Mordfälle und ging danach allein in die Natur, um sein Leben zu ändern. Diese Erfahrungen machen den Unterschied zu anderen Thrillern aus, die mehr auf Grusel setzen, weil sie viel weiter weg von der Realität der Natur und der Menschen in ihr geschrieben sind.
Jonathon King appelliert nicht nur moralisch. Sondern er zeigt realistisch und sachkundig immer wieder, wie die Immo-Haie und die Eigenheimer mit enormen Aufwand an fossiler Energie die Natur auf großen Flächen Floridas und der USA zerstören. Um die Kämpfe und Widerstände dieser Zerstörung dreht sich die Story, doch für einige Leser ist das schwer erträglich. Sie wollen davon nichts wissen (siehe auch die Leser-Rezensionen zu „Das Messer im Sumpf“ auf der Krimi-Couch). Das dürfte die Ursache des nur durchschnittlichen kommerziellen Erfolges sein, den Martin Compart hier erwähnt. Der Autor steht bisher noch nicht einmal in Wikipedia.
Obwohl dieser Erstling („Messer im Sumpf“) sehr spannend und gut zu lesen ist! Die 361 Seiten konnte ich flüssiger lesen als manch einen halb so dicken Krimi. Mehr davon! Flubows Empfehlung „insbesondere der erste und der fünfte Band“ werde ich befolgen, auch andere Rezensionen lauten ähnlich (z. B. der Dashiell Hammet-Buchhandlung), trotzdem es eine treue Fangemeinde des Jonathon King gibt, die alle Bände gut findet.