(1902-1981)
Geboren in in der südjapanischen Hafenstadt Kobe, studierte Seishi Yokomizo Pharmazeutik in Osaka, verzichtete dann jedoch darauf, die Apotheke seiner Eltern zu übernehmen. Stattdessen ging er nach Tokio, wo er ab 1926 leitende Funktionen im Verlagswesen wahrnahm, bis er sich ab 1932 hauptberuflich dem Schreiben widmete und sich mit der 77-teiligen, kurz vor seinem Tod beendeten Kosuke Kindaichi-Serie als einer der beliebtesten Krimiautoren Japans etablierte.
Der erste Band, ‚Die rätselhaften Honjin-Morde‘, ein ausgefuchstes – von einem anonymen Erzähler präsentiertes – Locked-Room Mistery, spielt Ende November 1937 in einem unbenannten ländlichen Dorf, die begüterte, heillos zerstrittene Familie Ichiyanagi mit der Witwe Itoko an der Spitze steht im Mittelpunkt. Itoko hat drei Söhne, Kenzo, Ryuji und Saburo und zwei Töchter, Taeko und Suzuko. Kenzo ist bereits vierzig, als er die reizlose Lehrerin Katsuko heiratet, doch die Ehe ist von kurzer Dauer: Das Paar wird in der Hochzeitsnacht ermordet in seinem Schlafzimmer aufgefunden, Türe und Fenster von innen verschlossen, ein blutiges Schwert, aber keine Fussspuren in frisch gefallenen Schnee. Die Polizei tappt im Dunkeln, doch der Mörder hat die Rechnung ohne den Onkel der Braut gemacht, denn der beordert seinen jungen Neffen Kosuke Kindaichi, einen schrägen, hochbegabten Privatdetektiv, an den Ort des Geschehens. Eine bedeutende Rolle scheint der Mann mit den drei Fingern einzunehmen, ein verwahrloster Bursche mit struppigem Haar, einem tief ins Gesicht gezogenen Filzhut, einem Mundschutz und einer langen Narbe auf der rechten Wange, der sich in den Tagen vor dem Verbrechen mehrmals nach dem Wohnsitz der Familie Ichiyanagimit erkundigt hat. Kosuke verfolgt indes eine andere Fährte – und schüttelt die nicht ganz unerwartete Lösung aus dem Ärmel.
Bibliografie (nur auf Deutsch vorliegende Titel):
Kosuke Kindaichi-Serie: ‚Honjin Satsujin Jiken‘ – ‚Die rätselhaften Honjin-Morde‘ (1946), ‚Gokumonto‘ – ‚Mord auf der Insel Gokumon (1947), ‚Yatsuhamakura‘ – ‚Das Dorf der acht Gräber‘ (1949), ‚Inugamike no ichizoku‘ – ‚Der Inugami-Fluch‘ (1950), ‚AkumaNo Temari UTA – ‚Die Spatzenmorde von Onikobe‘ (1957).
Ein Rätselkrimi, wie aus dem Titel bereits hervorgeht: cool aufgebaut, elegant geschrieben, unterhaltsam, der Leser wird bei der Auflösung gut mitgenommen. Mir gefällt, dass dieser stark formalisierte Rätselkrimi auch mit dramatischen psychologischen Handlungssträngen unterlegt ist und dass der Autor eine sozialpolitische Aussage der 1930er Jahre gegen die Privilegien und Schrullen des überlebten japanischen Landadels deutlich äußert (vergleichbar mit ähnlichen Problemen der „verspäteten Nation“ Deutschland).
Der Autor Yokomizo pflegt, neben den genannten Unterschieden, auch einige Gemeinsamkeiten mit seinen englischen Krimi-Vorbildern: der genialische Meisterdetektiv, allerdings ein krasser gesellschaftlicher Außenseiter, ein Stotterer, der gern in seiner Vogelnest-Haarpracht herumwühlt; das Landhaus, in japanischer Bauweise offen zum Garten, mit der Gelehrtenstube, Bediensteten und einem Gärtner; am Schluss die Runde der honorigen Herren im „Kaminzimmer“, in der alle Zusammenhänge vollständig aufgelöst werden.
Ich fühle mich gut unterhalten, zudem in eine Auto-freie Zeit hineinversetzt, und bin sehr gespannt, ob der Aufbau-Verlag (mit seiner Blumenbar Edition) weitere Bände dieses Meisterautors der japanischen Krimikultur, Seishi Yokomizo, verlegen wird.
(Zum Autor siehe auch den informativen Wikipedia-Artikel.)
Inzwischen sind zwei weitere in deutscher Sprache erschienen:
– Der Inugami-Fluch
– Das Dorf der acht Gräber
Danke für den Hinweis!