(1912-1994)

Julian Gustave Symons, geboren in Clapton, London, als Nachkomme jüdisch-russischer Einwanderer, wurde wegen seines schlimmen Stotterns an eine Schule für zurück gebliebene Kinder geschickt, die er mit vierzehn verliess. Danach übte er einfache handwerkliche Tätigkeiten aus und brachte sich das Lesen und Schreiben bei, gefördert durch seinen älteren Bruder, den Autor A.J.A. Symons (über den er später eine Biografie verfasste). 1937 gründete er das Literaturmagazin ’Twentieth Century Verse’, das bis zum Ausbruch des Zeiten Weltkriegs herauskam.

Nach dem Krieg war Symons unter anderem Herausgeber der ‚Pinguin Mystery Series‘, einflussreicher Literaturkritiker und Essayist bei ‚The Sunday Times‘, Lyriker, Autor von Sachbüchern zu kriegshistorischen Themen und Biograf von Edgar Allan Poe, Thomas Carlyle und Arthur Conan Doyle. 1972 veröffentlichte er die mit ’Bloody Murder’ (in der leicht gekürzten deutschen Übersetzung: ‚Am Anfang war der Mord…’) betitelte Kultur- und Literaturgeschichte des Kriminalromans – sein bedeutendster Beitrag zur Spannungsliteratur. In den 70er-Jahren unterrichtete er am Amherst College in Massachusetts. Von 1976 bis 1985 war er Präsident des britischen ‚Detection Club‘. 1982 wurde er mit dem Grand Master of the Mystery Writers of America (MWA) ausgezeichnet. Zu seinem achtzigsten Geburtstag erschien ‚Bloody Murder‘ in einer erweiterten Ausgabe.

Neben all dem verfasste Symons zwischen 1945 und 1994 dreissig im Grossraum London angesiedelte Kriminalromane – 23 Einzelwerke und drei kleine Serien – und zahlreiche Kriminalstories. Zu Symons’ besten Werken gehören ‚Der 31. Februar‘, ‚Der Kreis wird enger‘, ‚Damals Tödlich‘, ’Schnitzeljagd’, ‚Am Ende war alles umsonst‘ (1961 mit dem Edgar für den besten Kriminalroman ausgezeichnet) und ‚Wenn ich einmal tot bin‘. Originelle Einfälle, die leichtfüssige, ironische Erzählweise und unerwartete, wenn auch nicht immer ganz nachvollziehbare Wendungen waren die Markenzeichen des stilsicheren Autors, der als einer der ersten Briten Tüftelkrimis mit psychologischen Studien kreuzte; und der mehr Wert legte auf gepflegte Unterhaltung als auf die Erfindung von komplexen Figuren – für die er anscheinend auch keine tiefe Sympathie empfand.

‚Der 31. Februar‘ schildert den psychischen Zerfall des Werbetexters Andy Anderson, nachdem dieser seine Frau mit gebrochenem Genick und zerschlagenem Schädel am Fusse der Kellertreppe aufgefunden hat. Bei der Arbeit für die renommierte Agentur ‚Vincent Werbung‘ lässt Anderson sich zunächst nicht viel anmerken. Doch jemand aus seiner nächsten Umgebung treibt offenbar ein übles Spiel mit ihm: Der Kalender auf seinem Schreibtisch wird immer wieder auf den 4. Februar, den Tag des Todes seiner Frau, zurückgestellt, anonyme Briefe machen die Runde, der grobe Polizist Inspector Cressy scheint ihm zu folgen – Anderson beginnt sich zu fragen, ob nicht er selbst der Täter war, stand es doch um seine Ehe seit geraumer Zeit nicht gut. Und eines Morgens zeigt sein Kalender den 31. Februar an.

‚Schnitzeljagd‘ spielt in einer merkwürdigen ländlichen Institution, in der schwer erziehbare Mädels und Jungs durch den idealistischen Schulmeister Jeremy Pont und seine begürterte, die meiste Zeit allerdings betrunken herumtorkelnde Frau Janine auf den richtigen Weg zurückgeführt werden sollen. Die Geschichte beginnt damit, dass Pont zwei junge Männer als Hilfslehrer einstellt: den gutmütigen, naiven Krimiautor Charles Applegate, der sich Ideen für seinen nächsten Roman erhofft, und Frank Montague, der gleich in seiner ersten Nacht erstochen wird. Weitere Morde lassen nicht lange auf sich warten, denn Johnny Bogue, der ehemalige Besitzer des Landhauses, ein gerissener, legendenumwobener Bursche, der sich 1943 in einem von den Deutschen abgeschossenen Flugzeug befand, hatte hier anscheinend einen Haufen ergaunertes Geld versteckt, hinter dem jetzt obskure Geschäftsleute, die Femme fatale Eileen Delaney und anderes Gelichter her sind. Zusammen mit Hedda Pont, der robusten Nichte des Schulleiters, versucht Applegate sich als Detektiv – und erlebt dabei eine gehörige Überraschung.

‚Am Ende war alles umsonst‘ ist Symons‘ bester Roman. Am Abend des britischen Feiertags „Guy Fawkes Night“ wird in dem erfundenen Dorf Far Wether der prominente Geschäftsmann Corby von Angehörigen der sechsköpfigen „Peter Street“ Clique erstochen, unter ihnen der Anführer „King“ Jack Garney und Leslie Gardner, einer der Hauptakteure der Geschichte. Hugh Bennett, ein junger, begabter Reporter des Lokalblatts ‚Gazette‘, verfasst einen Aufsehen erregenden Augenzeugenbericht über das Verbrechen, worauf die Polizei die jugendlichen Täter in die Enge treibt – und Hugh sich ausgerechnet in Leslies Schwester Jill verliebt. Als ein weiterer Mord geschieht, entsendet die Londoner Fleet Street den ausgekochten, trinkfesten Journalisten Frank Fairfield mit einem Sonderauftrag an den Ort des Geschehens. Dies ist die Ausgangslage der multiperspektivisch angelegten Geschichte, in der sich Symons auf differenzierte Weise mit Jugendkriminalität, rüden Polizeimethoden und hinterfotzigen Schachzügen der Presse befasst.

‚Entscheidung im Kreuzverhör‘ handelt von dem jämmerlichen Schicksal des selbstständigen Werbefachmanns Solomon Grundy (Titel des Originals: ‚The End of Solomon Grundy‘), eine von Symons vielschichtigsten Figuren. Der aufbrausende, ungehobelte Ire führt mit seiner Frau eine freudlose Ehe in einer spiessigen, fremdenfeindlichen Wohnanlage, genannt „Senke“, in der es zu brodeln beginnt, als sie Zuwachs erhält durch den dunkelhäutigen Nachclubbesitzer Tony Kabanga und es kurz danach während einer Party zu einem heiklen Zwischenfall zwischen Grundy und Kabangas Verlobter Sylvia kommt. Zumal Sylvia am folgenden Tag erdrosselt in ihrer Wohnug aufgefunden wird. Superintendent Manners leitet die Ermittlungen, in deren Verlauf sich das Netz um Grundy zusammenzieht. Die Geschichte gipfelt in einer Verhandlung vor einem Geschworenengericht, deren Ausgang Grundy seltsam fatalistisch, ja teilnahmslos entgegenschaut.

‚Wenn ich einmal tot bin‘ ist eine reizvolle Mischung aus „Inverted Story“ und Doppelgängergeschichte. Im Mittelpunkt steht Arthur Brownjohn, der eines Tages beschliesst, zwei vollständig voneinander getrennte Leben zu führen. Seinem bisherigen Dasein als kahlköpfiger, unterwürfiger Verkäufer von Autoteilen und Gatte der begüterten, ständig ihn demütigenden und an ihm rumnörgelnden Clare ergänzt er durch eine zusätzliche Existenz als Major Easonby Mellon, der ein Ehevermittlungsbüro betreibt und als selbstsicherer, kontaktfreudiger Mann mit lockigem Haar und sauber gestutztem Bart die Hälfte der Zeit bei der hingebungsvollen Joan verbringt. Ein perfektes Gleichgewicht zwischen beherrscht werden und beherrschen, das allerdings jäh zerbricht, als er auf eine heiratswillige junge Schönheit trifft, mit der er sogleich in der Kiste landet, nicht ahnend, dass er damit für sie erpressbar wird. In seiner Not kommt Brownjohn eine abenteuerliche Idee, wie er sich Clares dringend benötigtes Vermögen unter den Nagel reissen kann: Mellon soll Clare umbringen, sich danach in Luft auflösen und Brownjohn als trauernden Witwer zurücklassen.

‚Damals tödlich‘, ein psychologisch ausgefeilter und geschickt gebauter viktorianischer Kriminalroman, handelt von der verzweigten, auf zwei Landhäuser verteilten Familie Collard, die es im Spielzeugmarkt zu Geld und Ansehen gebracht hat. Als der eingeheiratete Geschäftsführer Roger Vanderwent einen grausamen Tod erleidet – der Hausarzt faselt von einem „gastrischen Fieber“, doch ohne Zweifel war es ein Giftanschlag -, zerfällt der Clan: Geheimnisvolle Briefe, Eifersucht, Habgier und Neid, Erpressung und wilde Gerüchte sorgen für erbleichende und errötende Gesichter, Wutausbrüche und hysterische Anfälle. Mittendrin stehen Harriet, das strenge 60-jährige Clan-Oberhaupt, ihre zierliche Schwiegertochter Isabel, und Paul, einziger Sohn des Opfers, ein idealistischer, blitzgescheiter Teenager, der die Geschehnisse in seinem Tagebuch festhält und insgeheim für Isabel schwärmt. Als Harriet auf dieselbe Weise ums Leben kommt wie Roger, fällt der Verdacht auf Isabel. In einem Indizienprozess entscheiden die Geschworenen auf schuldig, Isabel schmort bereits in der Todeszelle, doch da geschieht ein weiterer Mord mit Isabels Gatte George Collard als Opfer. Die Verurteilte wird natürlich freigelassen, der Fall bleibt ungeklärt. Vierzig Jahre später enthüllt Paul Venderwent die überraschenden Zusammenhänge dem Leser mit seinem Tagebuch.

‚Fast eine Liebesgeschichte‘ erzählt die trostlose Geschichte der 37-jährigen Judith Lassiter. Gefangen in einer unbefriedigenden, kinderlosen Ehe mit dem zwielichtigen Architekten Viktor, sendet sie Liebesbriefe an sich selbst und beginnt ein Techtelmechtel mit dem deutlich jüngeren Fahrlehrer Billy Gay. Als sie eines Tages Fotos entdeckt, auf denen Viktor sich mit nackten Männern vergnügt, verliert sie den Verstand – und ergreift drastische Massnahmen, die zu einem blutigen Ende führen.

Nach langer Krankheit starb Symons 82-jährig in seinem Haus in Walmer, Kent. Er hinterliess seine Frau Kathleen, mit der er 54 Jahre verheiratet war, und seinen Sohn Mark.

Bibliografie:

Chief Inspector Bland-Trilogie: ‚The Immaterial Murder Case‘ (1945), ‚A Man Called Jones‘ (1947), ‚Bland Beginning‘ (1959);

Inspector Crambo-Romane: ‚The Narrowing Circle‘ – ‚Der Kreis wird enger‘ (1954), ‚The Gigantic Shadow‘ (auch unter dem Titel ‚The Pipe Dream‘) – ‚Drohende Schatten‘ (1958);

Sheridan Hayes-Romane: ‚A Three-Pipe Problem‘ – ‚Sherlock in der Klemme‘ (1975), ‚The Kentish Manor Murder‘ (1988);

Standalones: ‚The Thirty-First of February‘ – ‚Der 31. Februar‘ (1950), ‚The Broken Penny‘ (1953), ‚The Paper Chase‘ (‚auch unter dem Titel ‚Bogue’s Fortune‘) – ‚Schnitzeljagd‘ (1956), ‚The Colour of Murder‘ – ‚Das Gelächter des Mörders‘ (auch unter dem Titel ‚Das irre Lachen‘, 1957), ‚The Progress of a Crime‘ – ‚Am Ende war alles umsonst‘ (1960), ‚The Killing of Francie Lake‘ – ‚Nicht zur Veröffentlichung‘ (1962), ‚The End of Solomon Grundy‘ – ‚Entscheidung im Kreuzverhör‘ (1964), ‚The Belting Inheritance‘ (1965), ‚Death’s Darkest Face‘ (1966), ‚The Man Who Killed Himself‘ – ‚Wenn ich einmal tot bin‘ (1967), ‚The Man Whose Dreams Came True‘ – ‚Roulett der Träume‘ (1968), ‚The Man Who Lost His Wife‘ – ‚Was geschah mit Virginia?‘ (1970), ‚The Players and the Game‘ – ‚Die Spieler und der Tod‘ (1972), ‚The Plot Against Roger Rider‘ – ‚Villa Victoria‘ (1973), ‚The Blackheath Poisonings‘ – ‚Damals tödlich‘ (1978), ‚Sweet Adelaide‘ – ‚Der Fall Adelaine Bartlett‘ (1980), ‚The Detling Murders‘ – ‚Billard mit dem Mörder‘ (1982); ‚The Name of Annabel Lee‘ – ‚Mit Namen Annabel Lee‘ (1983), ‚The Criminal Comedy of the Contented Couple‘ (auch unter dem Titel ‚A Criminal Comedy‘) – ‚Wer stirbt schon gern in Venedig‘ (1985), ‚Death’s Darkest Face‘ (1990), ‚Something Like a Love Affair‘ – ‚Fast eine Liebesgeschichte‘ (1992), ‚Playing Happy Families‘ – ‚Das bleibt in der Familie‘ (1994), ‚A Sort of Virtue‘ (1995).