(1920-1998; schrieb auch als Lesley Andress und Mark Upton)

Lawrence Sanders kam in Brooklyn, New York City, zur Welt. Sein Studium am Wabash College in Indiana schloss er 1940 mit einem Bachelor of Arts ab. Zurück in New York, arbeitete er im Warenhaus Macy’s, ehe er von 1943-46 bei der Marine diente und anschliessend zwanzig Jahre für Magazine wie ‚Science and Mechanics‘ schrieb und redigierte. Mit fünfzig Jahren verfasste er seinen ersten Roman ‚The Anderson Tapes‘, der 1971 mit einem Edgar ausgezeichnet und von Sidney Lumet mit Sean Connery in der Hauptrolle verfilmt wurde. In den folgenden 25 Jahren schrieb er zahlreiche mehr oder weniger gehaltvolle Bestseller, darunter die Edward X. Delaney- aka Todsünden-Tetralogie – sein bekanntester Beitrag zur Spannungsliteratur. Sanders war offenbar verheiratet, hielt sein Privatleben jedoch stets bedeckt. Er starb 77-jährig in seinem Alterswohnsitz in Pompano Beach, Westflorida, und hinterliess seine Schwester Miriam, eine Nichte und einen Neffen. Die Finger lassen sollte man von den nach seinem Tod erschienenen Büchern – sie entstammen der Feder des bei uns unbekannten Krimiautors Vincent Lardo, der bereits zuvor gelegentlich mit Sanders zusammengearbeitet hatte.

Captain Edward X. „Iron Balls“ Delaney , Leiter des 251. Polizeireviers in Manhattan mit fünfundzwanzig Dienstjahren auf dem Buckel, ist glücklich verheiratet mit Barbara, der Mutter seiner beiden Kinder; und besessen von seiner Arbeit, denn er glaubt an eine ewige Harmonie im Universum, die er als Instrument Gottes im Kampf gegen die Macht des Bösen zu erhalten hat. Im ersten Band, ‚Die erste Todsünde‘ (Hochmut), muss der gerissene Cop arg unten durch: seine Frau liegt mit einer schweren, mysteriösen Infektion seit Wochen im Spital, eine bodenlose Intrige schwelt in den obersten Rängen der New Yorker Polizei, und der populäre Politiker Lombard wird mit einem seltsam geformten Eispickel umgebracht – der Auftakt zu einer Serie von Morden an scheinbar zufällig ausgewählten Männern. Der Täter wird dem Leser bereits auf der ersten Seite vorgestellt: David Blank, geschiedener Vertriebsleiter eines Zeitschriftenkonzerns, ein passionierter – der Gefahr verfallener – Bergsteiger mit luxuriöser Wohnung und rassigem Auto, dessen schicksalshafte Begegnung mit der geheimnisvollen Schönheit Celia Montfort sexuelle und mördererische Triebe in ihm erweckt. Kunstvoll setzt er dem Leben seiner Opfer ein Ende, ohne dass diese gross zu leiden haben. Die ersten 180 der 540 Seiten dienen Sanders fast aussschliesslich der eindringlichen Charakterisierung der beiden hochintelligenten Widersacher, die abwechslungsweise zu Wort kommen, und der zahlreichen Nebenfiguren. Danach legt er den Schwerpunkt auf die Arbeit des zunächst auf eigene Faust operierenden Polizeibeamten, der sich bei seinen akribischen Ermittlungen auf Bekannte mit besonderen Begabungen verlassen kann, unter ihnen der beste New Yorker Bergsteiger aller Zeiten, der ihn in Eispickel-Fragen berät – denn „Detektivarbeit besteht zu 95% aus Routinearbeit und Knochenschinderei und gründet weitaus häufiger auf gesundem Menschenverstand als auf Verfolgungsjagden und wilden Schiessereien“. Als der offizielle Leiter der „Kommission Lombard“ kläglich scheitert, formiert Delaney ein Team von überaus tüchtigen und loyalen Kollegen und begibt sich auf die Jagd nach Blank, die am Felspfeiler „Teufelszahn“ in einer verschneiten Bergwelt endet.

Barbara ist ihrer Krankheit erlegen, Delaney hat die zwanzig Jahre jüngere Monica Gilbert, die Witwe eines von Blanks Opfern, geheiratet und geniesst mit ihr und ihren beiden Töchtern seinen Ruhestand, als ihn kurz vor dem sechzigsten Geburtstag seine Vergangenheit als Serienkiller-Jäger einholt. ‚Die zweite Todsünde‘ (Geiz) beginnt mit der Ermordung des berühmten und überaus talentierten Malers Victor Maitland – ein ungehobelter, streitsüchtiger, niederträchtiger Bursche, der am liebsten nackte junge Mädchen abbildet. Seit der Tat ist bereits ein Monat verstrichen, die Polizei tappt immer noch im dunkeln, und Maitlands Onkel, Senator Chapin, macht mächtig Druck – Delaneys Spürnase und systematische, trickreiche Arbeitsweise sind gefragt. Sein Assistent ist Sergeant Abner Boone, der, als er den ganzen Dreck nicht mehr ertrug, zu saufen begann, aufs Abstellgleis geriet und jetzt noch eine letzte Chance bekommt, sich zu bewähren. Die beiden ausgezeichnet zusammenarbeitenden Ermittler erkennen schon bald, dass jeder, der irgend einmal näher mit Maitland zu tun hatte, als Täter in Frage kommt, vermutlich sogar seine Mutter. Die Geschichte besteht denn auch zu mindestens 80% aus Befragungen von Zeugen und Verdächtigen. Laut Delaney spielen gute Polizeibeamte hierbei stets zur jeweiligen Situation passende Rollen – sie täuschen Gefühle vor, reden mit den Worten anderer, ziehen eine Show ab: „Ich weiss, dass Sie nichts damit zu tun haben. Mir ist es schrecklich, Sie zu belästigen. Eine Frau, die so intelligent ist und so gut aussieht wie Sie! Für einen wie den sind Sie viel zu gut! Das sieht doch jeder! Aber ich muss Ihnen diese Frage stellen, verstehen Sie? ich möchte es nicht, aber es ist nun mal mein Job. Na also… war er wirklich bei Ihnen, als dieser Laden ausgeräumt wurde“? Eward Delaney, ein Meister der psychologischen Kriegsführung, stösst schliesslich auf eine heisse Spur: Maitland hinterliess Hunderte damals wertlose Frühwerke, ergänzte sie in seinen letzten Jahren durch vordatierte „Autoplagiate“ – Schätze von unermesslichem Wert für sein habgieriges Umfeld. Und dann wird ausgerechnet Maitlands schmieriger Anwalt umgenietet.

In den beiden nachfolgenden Bänden ‚Die dritte Todsünde‘ (Wollust) und ‚Die vierte Todsünde‘ (Zorn) – reisserische, hingeschluderte Mixturen aus Psychothriller und Police Procedural Novel – zeigt sich Sanders hingegen von seiner uninspirierten Seite.

Bibliografie:

Edward X. Delaney-Serie: ‚The Anderson Tapes‘ – ’23 Uhr.York Avenue‘ (1970, Delaney in einer Nebenrolle), ‚The First Deadley Sin‘ – ‚Die erste Todsünde‘ (1973), ‚The Second Deadley Sin‘ – ‚Die zweite Todsünde‘ (1977), ‚The Third Deadley Sin‘ – ‚Die dritte Todsünde‘ (1981), ‚The Forth Deadley Sin‘ – ‚Die vierte Todsünde‘ (1985);

Peter Tangent-Romane: ‚The Tangent Factor‘ – ‚Die Tangent-Verschwörung‘ (1976), ‚The Tangent Objective‘ – ‚Schwarzes Gold, weisse Gier‘ (1976);

Commandment-Serie: ‚The Sixth Commandment‘ – ‚Das sechste Gebot‘ (1978), ‚The Tenth Commandment‘ – ‚Das zehnte Gebot‘ (1980), ‚The Eighth Commandment‘ – ‚Das achte Gebot (1986), ‚Das siebte Gebot‘ – ‚The Seventh Commandment‘ (1991);

Timothy Cone-Novellen: ‚The Timothy Files‘ – ‚Blutzins‘ (1987), ‚Timothy’s Game‘ – ‚Blutspiel‘ (1988);

Archy McNally-Serie (nur die von Sanders verfassten Bände): ‚McNally’s Secret‘ – McNallys Geheimnis‘ (1992), ‚McNally’s Luck‘ – ‚McNallys Glück‘ (1992), ‚McNally’s Risk‘ (1993), ‚McNally’s Caper (als Lesley Andress, 1994), ‚McNally’s Trial‘ (1995), ‚McNally’s Puzzle‘ (1996), ‚McNally’s Gamble‘ (1997);

Einzelwerke:

‚The Pleasure of Helen‘ – ‚New York Lovers‘ (1971), ‚Love Songs‘ – ‚Love Songs‘ (1972), ‚The Tomorrow File‘ – ‚Die Zukunfts-Akte‘ (1975), ‚The Marlow Chronicles‘ – ‚Die Marlow-Chronik‘ (1977), ‚Dark Summer‘ – ‚Der Penlow Parl‘ (als Mark Upton, 1979), ‚The Case of Lucy Bending‘ – ‚Luzifers Tochter‘ (1982), ‚The Seduction of Peter S‘ – ‚Die Verführung des Peter S. (1983), ‚The Passion of Molly T.‘ – ‚Die Vizepräsidentin‘ (1984), ‚The Loves of Harry Dancer‘ – Harry. Goodbye‘ (1986), ‚The Dream Lover‘ (1987), ‚Capital Crimes‘ (1989), ‚Stolen Blessings‘ (1989), ‚Sullivan’s Sting‘ (1989), ‚Private Pleasures‘ (1994), ‚Guilty Pleasures‘ (1998).