(*1947)

Gunnar Staalesen wurde als Sohn einer Krankenschwester und eines Lehrers in der westnorwegischen Hansestadt Bergen, der „Stadt der sieben Hügel“, geboren, wo er sein ganzes bisheriges Leben verbrachte, 1976 sein Studium der Literaturwissenschaft abschloss und bis 1987 als Dramaturg und Pressesprecher am Theater ‚Den Nationale Scene‘ arbeitete. Der literarische Durchbruch gelang ihm Ende der 70er-Jahre mit der bislang 21 Romane und zwei Geschichtensammlungen umfassenden Varg Veum-Serie, die teilweise für das Fernsehen adaptiert wurde und ihm das Prädikat „norwegischer Chandler“ einbrachte, wenngleich seinen Protagonisten mehr mit Ross Macdonalds Lew Archer als mit Philip Marlowe verbindet. Sein Werk enthält zudem zehn Standalone-Krimis sowie Kinder- und Jugendromane, Sachbücher und die historische Bergen-Tetralogie. Staalesen ist seit 1969 mit Ellen-Karin Kristiansen verheiratet.

Varg (norwegisch für Wolf) Veum, geschiedener Vater eines Sohnes namens Thomas, ist ein desillusionierter, selbstkritischer und feinfühliger Privatdetektiv vom Typ „harte Schale, weicher Kern“, ein ausgezeichneter Menschenkenner mit scharfem Blick für soziale Missstände. Ausgangspunkt seiner Fälle ist zumeist das Verschwinden eines Teenagers. In seinem Beruf, den er nicht selten pro bono ausübt, muss er eine Menge Prügel einstecken, und auch mit der örtlichen Polizei hat er seine liebe Mühe, zumal er immer wieder über Leichen stolpert. Er trinkt am liebsten Aquavit, kennt Gott und die Welt und die übelsten Winkel seiner Stadt, ist selten um einen knackigen Spruch verlegen – und bedient den Leser mit kühnen Metaphern wie „Ihre Brüste ähnelten hilflosen Hundewelpen“, „Mein Herz fühlte sich an wie ein voller Aschenbecher, in dem jemand seine letzte Zigarette ausdrückte“ oder „Der Motor meines Autos sprang bei der allerersten Berührung an wie eine Seemannswitwe“. Im Verlauf der Reihe verliebt sich Varg in Karin Björge vom Einwohnermeldamt Bergen, doch die Beziehung nimmt ein tragisches Ende.

Die Varg Veum-Serie lebt von raffinierten Plots, farbigen Milieuschilderungen und der vielschichtigen, leicht verzögert alternden, einen wohltuenden Kontrast zu Kurt Wallander und Konsorten bildenden Hauptfigur. Drogenhandel, illegale Prostitution, fehlgeleitete Sexualität, Wirtschafts- und Umweltkriminalität sind Staalesens zentrale Themen – einzig Scheidungen will er seinem Protagonisten nicht zumuten. Als Einstieg empfiehlt sich der dreizehnte, auf Deutsch im Polar Verlag erschienene Roman ‚Todesmörder‘, der sich auch mit Veums Zeit als Sozialarbeiter auseinandersetzt. Weitere Höhepunkte sind ‚Dornröschen schlief wohl hundert Jahr…‘, ‚Die Schrift an der Wand‘, ‚Von Angesicht zu Angesicht‘ und, vor allem, ‚Begrabene Hunde schlafen nicht‘, in dem Veum einem ungeheuerlichen – bis zu Olof Palmes Ermordung am 28. Februar 1986 zurückreichenden – Komplott auf die Spur kommt. Die letzten sechs Bände harren der Übertragung ins Deutsche.

‚Todesmörder‘ schildert etappenweise das traurige Leben des 1967 geborenen Jon Egil. Seine Mutter ist drogenabhängig und Partnerin eines Schlägers, sodass der Junge ihr mit zweieinhalb Jahren weggenommen und von dem kinderlosen Paar Svein und Vibecke adoptiert wird. Doch dann kommt Svein unter mysteriösen Umständen gewaltsam ums Leben, und Jon wird mit sieben den liebenswürdigen Hofbesitzern Kari und Klaus Libakk anvertraut. Zehn Jahre später – die organisierte Kriminalität beginnt in Norwegen gerade Fuss zu fassen – wird das Ehepaar ermordet. Jon ergreift die Flucht mit der gleichaltrigen Silje, auch sie ein Pflegekind, wird festgenommen und in einem Indizienprozess zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Im Jahr 1994 endlich wieder auf freiem Fuss, hat er nur noch ein Ziel vor Augen: sich diejenigen vorzuknöpfen, von denen er denkt, sie hätten sein Leben zerstört. Unter ihnen auch Varg Veum, der schon früh in diese Kette von Schicksalsschlägen verwickelt wurde, zuerst gemeinsam mit Hans Haavik und Cecilie Strand als Sozialarbeiter beim Jugendamt, später als Privatdetektiv, und der keine Sekunde daran zweifelt, dass Jon unschuldig ist. Bei seinen Recherchen stösst er auf merkwürdige Überschneidungen mit dem dreissig Jahre zuvor im Westen des Landes grassierenden Alkoholschmuggel, wodurch der Fall eine neue Dimension erhält und in einem dramatischenem Finale mit unerwartetem Ausgang kulminiert.

Bibliografie:

Varg Veum-Serie:

‚Bukken til havresekken‘ – ‚Das Haus mit der grünen Türe‘ (1977), ‚Din til doden‘ – ‚Dein bis in den Tod‘ (1979), ‚Tornerose sov i hundre är‘ – ‚Dornröschen schlief wohl hundert Jahr…‘ (1980), ‚Kvinnen i kjolekapet‘ – ‚Die Frau im Kühlschrank‘ (1981), ‚I morket er alle ulver grä‘ – ‚Im Dunkeln sind alle Wölfe grau‘ (1983), ‚Hexeringen‘ – ‚Der Hexenring‘ (Stories, 1985), ‚Svarte fär‘ – ‚Schwarze Schafe‘ (1988), ‚Falne engler‘ – ‚Gefallene Engel‘ (1989), ‚Bitre Blomster‘ – ‚Bittere Blumen‘ (1991), ‚Bevgrade hunder bitter ikke‘ – ‚Bergrabene Hunde schlafen nicht‘ (1993), ‚Skriften pà veggen‘ – ‚Die Schrift an der Wand‘ (1995), ‚De dode har det godt‘ – ‚Die Toten haben es leicht‘ (Stories, 1996), ‚Som i et speil‘ – ‚Wie in einem Spiegel‘ (2002), ‚Ansikt til ansikt‘ – ‚Von Angesicht zu Angesicht‘ (2004), ‚Dodens Drabenter‘ – ‚Todesmörder‘ (2006), ‚Kalde hjerter (2008), ‚Vi skal arve vinden‘ (2010), ‚Der hvor roser aldri dor‘ (2012), ‚Ingen er sa trygg i fare‘ (2014), ‚Storesoster‘ (2016), ‚Utenfor er hundene‘ (2018).

Bergen-Tetralogie:

‚1900. Morgenrod‘ (1997), ‚1950. High Noon‘ (1998), ‚1999. Aftensang‘ (2000), ‚2020. Post Festum‘ (2021).

Andere Krimis:

‚Uskyldstider‘ (1969), ‚Fortellingen om Barbara‘ (1971), ‚Rygg i rand, ‚to i spann‘ (1975), ‚Mannen som hated julenissen‘ (1976), ‚Den femte passasjeren‘ (1978), ‚Knut Gribb tar Bergenstoget‘ (1986), ‚Vikingskattens hemmelighet‘ (1990), ‚Vikingskattens forbannelse‘ (1992), ‚Vikingskattens voktere‘ (1994), ‚Blues for Amelie Jensen‘ (1995).