(*1935)

Rennie Airth, geboren in Johannesburg, Südafrika, als Sohn eines Mineningenieurs, ging mit zwanzig nach London und arbeitete danach zwölf Jahre als Auslandkorrespondent für die Nachrichtenagentur Reuters unter anderem in Genf, Brüssel, Rom, Washington, Havanna und Saigon. Anschliessend liess er sich auf Kreta nieder, um einen (unveröffentlichten) Roman zu schreiben. Seine nächste Station war Rom, wo er seinen ersten Krimi ‚Snatch‘ über eine italienische Kidnapper-Gang verfasste. Das Buch erschien 1969 und wurde 1976 unter dem Titel ‚The Big Operator‘ mit Yves Montant in der Hauptrolle verfilmt. 1981 folgte ‚Once a Spy‘, die Geschichte eines Spions, der reaktiviert wird, als seine alten Kollegen reihenweise abgemurkst werden. Airth hielt später nicht mehr viel von seinen beiden Frühwerken.

Als Airth im Haus seiner Grosseltern auf das Tagebuch eines Onkels stiess, der im Ersten Weltkrieg gefallen war, kam er auf die Idee, eine Reihe von Romanen über einen 14/18-Veteranen zu verfassen. 1999 beendete er seine lange schriftstellerische Pause 1999 mit ‚Nacht ohne Gesicht‘. Im Mittelpunkt der bis 2020 auf sechs sorgfältig gestaltete Police Procedural Novels angewachsenen Serie steht Kriminalinspektor John Madden von Scotland Yard, ein introvertierter, grüblerischer, Nacht für Nacht von denselben Alpträumen heimgesuchter Mann mit traurigen Augen und erschöpftem Gesichtsausdruck, der die Schrecken der Schützengräben hautnah erlebt hat, und dessen Frau und kleine Tochter kurz vor Kriegsbeginn einer Grippe zum Opfer gefallen sind. Wichtige Rollen bei Maddens Ermittlungen spielen sein Vorgesetzter, Freund und Mentor Angus Sinclair und der Rookie Billy Styles, den er im ersten Band zu einem erstklassigen Polizisten formt.

‚Nacht ohne Gesicht‘ bildet den Auftakt der Serie. Im Sommer 1921 geschieht in einem Herrenhaus bei Guildford, Grafschaft Surrey, ein grässlicher Mord: Colonel Fletcher, seine Frau und zwei ihrer Dienstmädchen werden brutal abgeschlachte, einzig ihre kleine Tochter Sophie überlebt das Massaker. Für John Madden, dessen Lebensgeister wieder erwachen, als er sich in die junge Dorfärztin Helen Blackwell verliebt, ist klar, dass der Täter das Töten in den Schützengräben gelernt haben muss. Bei seinen Ermittlungen stösst er auf einen perfekten Unterstand, in dem der Mörder seit Monaten gelebt hat, um seine unbegreifliche Tat zu planen und wie einen Sturmangriff aus dem Schützengraben durchzuführen, mit einer Gasmaske auf dem Gesicht. Als Madden erfährt, dass einige Monate zuvor eine junge Frau nach dem gleichen Muster umgebracht worden ist, beginnt für ihn ein Wettlauf gegen die Zeit, um dem Mann das Handwerk zu legen, bevor er seine Mordserie fortsetzen kann; einem Mann, der Menschen tötet, die ihm völlig fremd sind – eine schier unlösbare Aufgabe in einer Epoche, in der die forensische Psychologie noch nicht zur Verfügung steht.

Der zweite John Madden-Roman ’Orte der Finsternis’ spielt 1932. Madden hat den Dienst bei Scotland Yard vor zehn Jahren quittiert, ist glücklich mit Dr. Helen Blackwell verheiratet und führt als Farmer und Vater eines Sohns und einer Tocher in Surrey ein friedliches Leben, als er zufällig in einen Serienmord verwickelt wird. Es beginnt mit der Vergewaltigung und Ermordung eines zwölfjährigen Mädchens, das mit völlig zerstörtem Gesicht in der Nähe von Maddens Wohnsitz aufgefunden wird – offensichtlich ein Ritualmord. Die Spuren führen nach Deutschland, wo der Nationalsozialismus bereits seine Schatten wirft; zu einem äusserst erfolgreichen, für den englischen Geheimdienst arbeitenden Belgier, einem Verwandlungskünstler mit vielen Decknamen, der zuvor bereits in Deutschland mehrmals zugeschlagen hat. John Madden, der seine untrüglichen Instinkte nicht verloren hat, lässt sich selbst von seiner innig geliebten Frau nicht davon abhalten, den Täter gemeinsam mit Chief Inspector Angus Sinclair und Sergeant Billy Styles in die Enge zu treiben, und spielt im spektakulären Finale eine entscheidende Rolle.

Fünfzehn Jahre später: England ist noch immer schwer gezeichnet vom Zweiten Weltkrieg, als mehrere angesehene Männer buchstäblich hingerichtet werden – ältere Herren, zwischen denen scheinbar keine Verbindung besteht. Zuerst erwischt es einen schottischen Allgemeinmediziner namens Drummond, der in seiner Praxis erschossen wird. In dem Schreibtisch des zweiten, mit derselben Waffe getöteten früheren Bankbeamten Oswald Gibson aus Sussex, findet sich ein an den Polizeichef gerichteter Brief, in dem er ihn darum bittet, ihm ein Treffen mit John Madden zu arrangieren. Nummer Drei, der pensionierte Geschichtslehrer Tom Singleton, wird in der Nähe von Oxford bei einem Hundespaziergang exekutiert. Der vierte Mord – diesmal trifft es Lord Horace Canning, einen hohen Offizier auf den belgischen Schlachtfeldern vor dreissig Jahren – führt Scotland Yard auf die richtige Spur: Jemand rächt sich an Angehörigen der britischen Armee, die im Ersten Weltkrieg grosse Schuld auf sich geladen haben. Zuständig für die Ermittlungen ist Inspector Billy Styles mit seinem Team, unterstützt durch seine ehemaligen Vorgesetzten John Madden und Angus Sinclair – dieser hat sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs in ein alten Haus in der Nähe von Maddens Farm zurückgezogen. ‚Totengedenken,‘, eine stimmungsvolle, von eindrucksvoll gezeichneten Charakteren geprägte Geschichte, gehört zu den herausragenden historischen Krimis der neueren Zeit.

Rennie Airth lebt in der toskanischen Kleinstadt Cortona.

Bibliografie;

Einzelwerke: ‚Snatch!‘‚Der Schnapp‘ (1969), ‚Once a Spy‘ – ‚Ein Spion mit sieben Leben‘ (1981), ‚Cold Kill‘ (2020);

John Madden-Serie: ‚River of Darkness‘ – ‚Nacht ohne Gesicht‘ (1999), ‚The Blood-Dimmed Tide‘ – ’Orte der Finsternis’ (2001), ‚The Dead of Winter‘ (2009), ‚The Reckoning‘ – ‚Totengedenken‘ (2014), ‚The Death of Kings‘ (2017), ‚The Decent Inn of Death‘ (2020).