(*1946)

Joseph Kanon, geboren in Pennsylvania, studierte an der Harvard University und am Trinity College in Cambridge, Massachusetts, mit einem Abschluss 1970. Danach war er der Reihe nach Lektor beim Verlagshaus Atlantic Monthly Press, CEO des E.P. Dutton-Verlags und Verlagsleiter bei Houghton Mifflin in New York City.

Viele Jahre nach ein paar im ‚Atlantic Monthly‘ publizierten Stories erschien 1995 sein erster Roman ‚Die Tage vor Los Alamos‘. In der abgeschiedenen, auf einem Hügel bei Santa Fé gelegenen Kleinstadt Los Alamos, arbeiten im April 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, viertausend Physiker, darunter viele durch die Nazis ins Exil vertriebene Deutsche jüdischer Herkunft, unter dem Decknamen „Manhattan Projekt“ streng geheim am Bau der ersten Atombombe – Robert „Oppie“ Oppenheimer und General Leslie R. Groves leiten das Projekt. Die Ermordung des Sicherheitsbeamten Karl Brauner in Santa Fé bringt Michael Connolly auf den Plan, einen jungen, smarten Beauftragten des ’Office of War Information’. Bei seinen Ermittlungen entdeckt er verdächtige Bewegungen auf Brauners Bankkonto, die auf Erpressung hinweisen. Kam der Tote einem für die Russen spionierenden Wissenschaftler auf die Spur, der versuchte, Brauners Schweigen zu erkaufen und ihn umbrachte, als dies nicht wunschgemäss klappte? Eine wichtige Rolle spielt Emma, die bezaubernde englische Ehefrau des polnischen Wissenschaftlers Daniel Pawlowski – als Connollys Bettgefährtin und Helferin bei der Enttarnung des Mörders. Zum Schluss zünden die etwas kindsköpfigen Wissenschaftler ihr Plutonium-Spielzeug und jagen es spektakuär in die Wüste New Mexicos.

Den Hintergrund der ergreifenden Vater-Sohn-Geschichte ‚Der verlorene Spion‘ bildet der Kalte Krieg – die Anfänge im Jahr 1950 und der Höhepunkt nach dem Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei im August 1968. Erzählt wird sie aus der Sicht von Nick, allerdings in der dritten Person. Mit zehn verlor er seinen Vater Walter Kotlar, einen hohen Staatsbeamten in Washington, der durch den „Ausschuss für unamerikanischer Umtriebe“ verhört wurde und spurlos verschwand, als seine wichtigste Belastungszeugin auf unklare Weise ums Leben kam. Drei Jahre später heiratete Nicks Mutter mit dem Politiker Larry einen langjährigen Freund der Familie. Nick liess sich sich nach abgebrochenem Jurastudium und Teilnahme am Vietnamkrieg in London nieder, wo er die Journalistin Molly kennenlernt, die sich als Nichte der toten Zeugin erweist. Von ihr erfährt er, dass sein Vater in Prag lebt und ihn unbedingt sehen will. Gemeinsam reisen sie in die tschechoslowakische Hauptstadt, verlieben sich ineinander und treffen auf einen todkranken, vom Kommunismus enttäuschten Mann, der mit Nicks Hilfe in die USA zurückkehren möchte, unmittelbar vor der Abreise jedoch ermordet wird, weil er über das sowjetische Spionagenetz in Washington zuviel weiss. Als Nick in Walters Landhäuschen eine Liste mit den Adressen von fünf für die Russen spionierenden Amerikanern in den Schoss fällt, kehrt er mit Molly in die USA zurück, um den Mörder seines Vaters zu entlarven – und wächst in einem furiosen Finale über sich hinaus.

In den nachfolgenden – durch etwas gekünstelt wirkende Liebesgeschichten in die Länge gezogenen – Krimis ‚In den Ruinen von Berlin‘ (verfilmt durch Steven Soderbergh mit George Clooney in der Hauptrolle) und ‚Stadt ohne Gedächtnis‘ mit Venedig als Schauplatz befasst sich Kanon wieder ganz mit der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Den Höhepunkt seines bisherigen Schaffens hat Kanon mit ‚Die Istanbul Passage‘ und ‚Leaving Berlin‘ und dem bisher nichts ins Deutsche übersetzte ‚Defectors‘ erreicht: mitreissende, sorgfältig gebaute, die Schauplätze eindrucksvoll erfassende Geschichten um komplexe Figuren – Werke, die an Alan Fursts historische Spionageromane erinnern.

Istanbul, aufgrund der Neutralität der Türkei und seiner Lage Tummelplatz für Agenten jeder Couleur, Gerüchteküche und Anlaufstelle für vorwiegend jüdische Flüchtilnge im Zweiten Weltkrieg, bildet das Zentrum des Romans ‚Die Istanbul Passage‘. Hier sind der amerikanische Geschäftsmann Leon Bauer und seine Frau Anna seit vielen Jahren ansässig, Er handelt mit Tabak und erledigt hin und wieder kleinere Aufträge für den Militärnachrichtendienst OSS, während Anna und ihr gemeinsamer rumänischer Freund Mihai für den Mossad arbeiten, indem sie Juden die Flucht nach Palästina ermöglichen. Nach einem schrecklichen Schiffsunglück, dem zahlreiche Kinder zum Opfer fielen, zog sich Anna aus dem Leben zurück und vegetiert seither in einer türkischen Klinik dahin. Jetzt ist der Krieg beendet, die Spione kehren in ihre Heimat zurück, doch Leon erhält noch eine letzte Aufgabe: Einen Rumänen mit dem Decknamen Alexei ausser Land zu schaffen, damit er die Amerikaner mit wichtigen Information über die Russen versorgt. Nach der missglückten Übergabe, bei der Leon einen Mann – den Leiter der Operation, der offenbar die Seiten gewechselt hat – erschiesst, erfährt er von Mihai, dass es sich bei Alexei um den Judenschlächter Jianu handelt, der unter dem berüchtigten rumänischen Faschisten General Antonescu am Russlandfeldzug teilnahm. Leon Bauer, ein kluger, mutiger Amateur und damit ein typischer Kanon-Protagonist, gerät in ein moralisches Dilemma, weiss nicht mehr, wem er vertrauen kann, verliebt sich in Kay Bishop, die Frau des Amerikanischen Botschafters in Ankara – und soll in dessen Auftrag den Mord aufklären, den er selbst begangen hat.

‚Leaving Berlin‘ spielt im Berlin des Januars 1949. Die Sowjets haben vor sechs Monaten sämtliche Zugänge zu den drei westlichen Sektoren blockiert, worauf der Westen mit der Berliner Luftbrücke reagierte – der Beginn des Kalten Kriegs. In der zertrümmerten Metropole wimmelt es von Spionen, Gangstern und Spitzeln, als Alex Meier, ein berühmter (fiktiver) jüdischer Schriftsteller mit prokommunistischer Einstellung, der 1934 in die USA geflüchtet ist, vom McCarthy-Regime ausgewiesen wird und in seine Heimatstadt zurückkehrt: In den russischen Sektor, wo er für die CIA spionieren soll, wenn er seinen bei der Mutter in Kalifornien lebenden Sohn jemals wieder sehen will. Hier trifft er auf Bertold Brecht, Anna Seghers und andere Autoren – und vor allem auch auf seine grosse Jugendliebe Irene, die mit dem hochrangigen russischen Offizier Markowski eine sexuelle Beziehung pflegt, einem undurchsichtigen, zuviel Wodka kippenden Grobian, der sich als Informationsquelle förmlich anbietet. Die Amerikaner interessieren sich vor allem für den Uranabbau im Erzgebirge durch die Russen, die für diese dreckige, lebensgefährliche Zwangsarbeit deutsche Kriegsgefangene einsetzen. Einer von ihnen ist Irenes Bruder Erich, dem die Flucht zu seiner Schwester gelingt. Die Lage spitzt sich dramatisch zu, als Markowski Erich auf die Spur kommt und dabei entdeckt, dass Irene und Alex eine Affäre begonnen haben.

Joseph Kanon, Vater von zwei Söhnen, David und Michael, lebt mit seiner Frau, der Literaturagentin Robin Straus, in New York City.

Bibliografie:

‚Los Alamos‘ – ‚Die Tage vor Los Alamos‘ (1995), ‚The Prodigal Spy‘ – ‚Der verlorene Spion‘ (1998), ‚The Good German‘ – ‚In den Ruinen von Berlin‘ (auch unter dem Titel ‚The Good German‘, 2001), ‚Alibi‘ – ’Stadt ohne Gedächtnis’ (2005), ‚Stardust‘ (2009), ‚Istanbul Passage‘ – ‚Die Istanbul Passage‘ (2012), ‚Leaving Berlin‘ – ‚Leaving Berlin‘ (2014) ‚A Spy in Berlin‘ (2015), ‚Defectors‘ (2017), ‚The Accomplice‘ (2019).