(*1957)

Emmanuel Carrère wurde als Enkel georgischer Einwanderer in Paris geboren. Seine dominante Mutter Hélène Carrère d’Encausse, eine weltberühmte Historikerin mit dem Spezialgebiet Russland, war die erste Frau an der Spitze der Académie francaise. Nach dem Studium der Politikwissenschaften schrieb er Filmkritiken für verschiedene Zeitschriften. 1984 debütierte er als Autor von Reportagen und Romanen, für die er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. In den 90er-Jahren war er vornehmlich als Drehbuchautor tätig, ab 2003 auch als Filmregisseur. Er lebt in seiner Geburtsstadt.

‚Der Schnurrbart‘ erzählt von dem Schicksal eines erfolgreichen, glücklich verheirateten Pariser Architekten, dem die Umgebung einredet, er habe nie im Leben einen Schnurrbart getragen, obwohl er haargenau weiss, dass er diesen am selben Morgen abrasiert hat, und der darob in eine bodenlose Existenzkrise gerät. Ist er dabei, den Verstand zu verlieren? Oder Opfer einer ungeheuren, von seiner Frau angezettelten Intrige? Der tragikomische, mit ergreifenden inneren Monologen gespickte Psychokrimi mündet in ein tödliches Ende.

In ‚Schneetreiben‘ entwirft Carrère das subtile Psychogramm des zehnjährigen Nicolas, eines unscheinbaren, ängstlichen Muttersöhnchens mit wild wuchernden Phantasien, der von seinem Vater ins Klassenskilager gebracht wird. Dieser vergisst Nicolas‘ Koffer im Auto und ist für die Lehrer in der Folge telefonisch nicht erreichbar. Als kurz darauf ein kleiner Junge aus der Umgebung vermisst wird, spitzt sich die Lage für Nicolas dramatisch zu – ihm schwant, dass sich etwas Grauenhaftes zugetragen hat.

Nach akribischen Recherchen veröffentlichte Carrère 1999 seinen dritten Spannungsroman ‚L’adversaire‘ (‚Amok‘), die erschütternde und komplexe, auf realen Begebenheiten beruhende Geschichte des „WHO-Arztes“ Jean-Claude Romand – verheiratet mit der hübschen und gescheiten Apothekerin Florence, Vater von zwei kleinen Kindern, sexuell verwöhnt von seiner Geliebten, der Pariser Psychologin Corinne, und eingebettet in einen erlesenen Freundeskreis -, der am 9. Januar 1993 seine Frau, seine Kinder und seine Eltern auslöschte und danach vergeblich versuchte, auch noch sich selbst und Corinne umzubringen. Das Motiv: Seine Scheinexistenz drohte nach achtzehn Jahren aufzufliegen, denn tatsächlich brach er sein Medizinstudium bereits nach zwei Jahren ab, hing seither Tag für Tag in Cafés, Autobahnraststätten und Hotels rum, streunte durch jurassische Wälder und hielt sich mit Betrügereien über Wasser. ‚L’adversaire‘ wurde 2002 durch Nicole Garcia unter dem Titel ‚Ein perfektes Leben‘ verfilmt und erlebte seine Premiere im selben Jahr am Filmfestival von Cannes. 2018 erschien eine vorzügliche Neuübersetzung unter dem passenderen Titel ‚Der Widersacher‘, ergänzt durch ein längeres Gespräch der Übersetzerin Claudia Hamm mit dem Autor.

Bibliografie:

‚La moustache‘ – ‚Der Schnurrbart‘ (auch unter dem Titel ‚Der Gegenläufer‘, 1986), ‚La classe de neige‘ – ‚Schneetreiben‘ (1995), ‚L’adversaire‘ – ‚Amok‘ (auch unter dem Titel ‚Der Widersacher‘, 1999).