(1915-1994)

Margaret Millar, geborene Storm, kam in Kitchener, Ontario, als Tochter eines politisch aktiven Geschäftsmanns zur Welt und studierte bis 1936 klassische Philologie, Archäologie und Psychologie am Kitchener-Waterloo Collegiate Institute und an der University of Ontario, blieb jedoch ohne Abschluss. 1938 heiratete sie ihren Jugendfreund Kenneth Millar, besser bekannt als Ross Macdonald, ein Jahr danach wurde ihre Tochter Linda geboren. 1944 liess sich die Familie in Santa Barbara, Kalifornien, nieder.

Millar begann ihre schriftstellerische Laufbahn Anfang der 40er-Jahre mit der Trilogie um den Psychiater und Amateurdetektiv Pail Prye und dem Zweiteiler um Kriminalinspektor Sands, beide aus Toronto und gelegentlich gemeinsam auf der Piste, sowie mit einigen Drehbüchern. Berühmt wurde sie indes mit ihren schwarzhumorigen psychologischen Thrillern, in denen es ihr unter Verzicht auf reisserische Effekte gelang, eine Atmosphäre von Angst, Bedrohung und Grauen zu schaffen, das Monster im Menschen darzustellen, am eindringlichsten in ‚Wie du mir‘, ‚Liebe Mutter, es geht mir gut‘, ‚Die Süssholzraspler‘, ‚Fast wie ein Engel‘ und ihrem Meisterstück ‚Die Feindin‘. 1968 veröffentlichte sie die Autobiografie ‚The Birds and the Beasts Were There‘.

Millars bestes Frühwerk ‚Blinde Augen sehen mehr‘ besteht aus zwei gegensätzlichen Segmenten, die erst gegen Ende zusammenfinden. Die wohlhabende, hochgradig dysfunktionale Familie Heath ist Teil der Oberschicht Torontos. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Johnny, ein 30-jähriger Charmeur, der immer wieder standesunwürdige Frauen anschleppt, die spröde, zwei Jahre jüngere Alice, und Kelsey, 26-jährig, die vor zwei Jahren bei einem von ihr verursachten Verkehrsunfall das Augenlicht verloren hat und seither die Familie mit ihrem Geltungsdrang und ihren Visionen terrorisiert, sowie der mittellose Musiker Philip James, Kelseys ehemaliger Verlobter, der es sich im Heath’schen Haushalt gutgehen lässt. Der verwitwete Vater Heath hat sich hingegen aus dem Leben zurückgezogen. Als Kelsey in ihrem Bett erstochen wird, tritt der scharfsinnige Junggeselle Kriminalinspektor Sands als Ermittler auf den Plan. Der zweite Schausplatz ist das billige Nachtlokal ‚Club Joey‘, in dem neben Joey die Sängerin Mamie Rosen, ihr halbseidener Liebhaber Tony Murillo und der „Master of Ceremonies“ Stevie Jordan die Fäden ziehen. Johnny Heath verkehrt oft in dem Schuppen: Hier hat er seinerzeit die Tänzerin Geraldine aufgerissen, mit ihr sass er vor zwei Jahren im Unfallwagen, als sie auf unklare Weise ums Leben kam. Und hier baggert er jetzt das aufstrebende Showgirl Marcie an.

‚Die Feindin‘ ist die Geschichte des Charlie Gowen, der als Junge einem kleinen Mädchen etwas Schlimmes angetan hatte und daraufhin jahrelang in einer psychiatrischen Klinik verwahrt worden ist. Jetzt, als erwachsener, etwas einfältiger Mann, der mit seinem älteren, auf ihn achtgebenden Bruder Ben zusammenlebt, beobachtet er die neunjährige Jessie bei ihren gefährlichen Kletterübungen auf dem Schulspielplatz und schreibt daraufhin einen anonymen Brief, in denen er die Eltern ermahnt, besser auf ihre Tochter aufzupassen. Einige Wochen später verschwindet Jessie spurlos, und Charlie wird von seiner Vergangenheit eingeholt – Charlie, der in ständiger Angst vor sich selbst lebt, auch wenn er seit seiner Jugendzeit kein Verbrechen mehr begangen hat. Charlies Leiden bildet den roten Faden dieses brillanten Psychothrillers, in dem die Autorin das Innenleben weiterer Figuren scharf abbildet: Jenes der warmherzigen Bibliothekarin Louise Lang, die sich heftig in Charlie verliebt; jenes der kinderlosen, mit ihrem Mann heillos zerstrittenen Victoria Arlington, einer zutiefst frustrierten Frau mittleren Alters, der Jessie als Ersatzkind dient – und mit deren Vater sie eine Affäre hat; und jenes der seit ihrer Scheidung psychisch kranken Kate Oakley, Mutter eines Mädchens, das mit Jessie eng befreundet ist.

Nach dem frühen Tod ihrer psychisch kranken Tochter legte Millar eine sechsjährige Schaffenspause ein, ehe sie 1976 zurückkehrte und drei Krimis um den jungen hispanischen Rechtsanwalt Tom Aragon und zwei weitere Einzelwerke verfasste. Sie starb 76-jährig in Santa Barbara, elf Jahre nach ihrem an Alzheimer erkrankten Mann.

Bibliografie:

Paul Pyre-Trilogie: ‚The Invisible Worm‘ (1941), ‚The Weak-Eyed Bat‘ (1942), ‚The Devil Loves Me‘ (1943);

Inspector Sands-Krimis: ‚Wall of Eyes‘ – ‚Blinde Augen sehen mehr‘ (1943), ‚Taste of Fears‘ (auch unter dem Titel ‚The Iron Gates‘, 1945) – ‚Das eiserne Tor‘ (auch unter dem Titel ‚Sendbote des Teufels‘);

Einzelwerke: ‚Fire Will Freeze‘ – ‚Da waren’s nur noch neun‘ (1944), ‚Experiment in Springtime‘ – ‚Umgarnt‘, 1947, ‚It’s All in the Familey‘ – ‚Es liegt alles in der Familie‘ (auch unter dem Titel ‚Das Fräulein Tochter‘, 1948), ‚The Cannibal Heart‘ – ‚Kannibalenherz‘ (1949), ‚Do Evil in Return‘ – ‚Wie du mir‘ (1950), ‚Rose’s Last Summer‘ (auch unter dem Titel ‚The Lively Corpse‘) – ‚Letzter Auftritt von Rose‘ (1952), ‚Vanish in an Instant‘ – ‚Stiller Trost‘ (1952), ‚Wives and Lovers‘ – ‚Erwecket die Liebe nicht‘ (1954), ‚Best in View‘ – ‚Liebe Mutter, es geht mir gut‘ (1955), ‚The Soft Talkers‘ (auch unter dem Titel ‚An Air That Kills‘, 1957) – ‚Die Süssholzraspler‘ (auch unter dem Titel ‚Vom Zufall entlarvt‘), ‚The Listening Walls‘ – ‚Die lauschenden Wände‘ (1959), ‚A Stranger in My Grave‘ – ‚Ein Fremder liegt in meinem Grab‘ (1960), ‚How Like an Angel‘ – ‚Fast wie ein Engel‘ (auch unter dem Titel ‚Das Geheimnis der Sekte‘, 1962), ‚The Fiend‘ – ‚Die Feindin‘ (1964), ‚Beyond This Point Are Monsters‘ – ‚Von hier an wird’s gefährlich‘ (1970), ‚Banshee‘ – Banshee die Todesfee‘ (1983), ‚Spider Webs‘ – ‚Gesetze sind wie Spinnennetze‘ (1986);

Tom Aragon-Trilogie: ‚Ask for Me Tomorrow‘ – Fragt morgen nach mir‘ (1976), ‚The Murder of Miranda‘ – ‚Der Mord von Miranda‘ (1979), ‚Mermaid‘ ‚Nymphen gehören ins Meer‘ (1981).