(*1952)

Sorj Chalandon, geboren in Tunis, wuchs an der Seite seiner Mutter, seines psychisch kranken, andauernd Lügenmärchen verbreitenden Vaters und seines Bruders in Lyon auf. Von 1973 bis 2007 berichtete er als Reporter der linksliberalen Zeitung ‚Libération‘ aus den Krisengebieten Iran, Libanon, Irak, Somalia, Afghanistan und Nordirland. Seit 2010 ist er Redakteur der satirischen Wochenzeitschrift ‚Le Canard Enchaîné‘, nachts schreibt er autobiografisch geprägte Romane, die sich teilweise dem Krimigenre zurechnen lassen.

Nach den Entwicklungsromanen ‚Le Petit Bonzi‘ und ‚Une promesse‘ verfasste Chalandon den Nordirland-Roman ‚Mon traître‘, in dem er sich mit dem Verrat seines engen Freundes Denis Donaldson auseinandersetzt – ein Verrat, der ihn bis ins Herz getroffen hat. ‚La légende de nos pères‘, sein erster ins Deutsche übersetzter Roman, ist die Geschichte eines Mannes. der seiner Tochter stundenlang von seinen angeblichen Heldentaten während der Résistence erzählt – Vorbild ist Charandons eigener Vater. In ‚Mein fremder Vater‘ rechnet der Autor endgültig mit seinem Vater ab – ein Befreiungsschlag.

Chalandons Meisterwerk ‚Rückkehr nach Killybegs‘ reflektiert die Geschichte Irlands von 1920 bis 2007, das Trauma des Nordirlandkonflikts bildet den Mittelpunkt. Ich-Erzähler Tyrone Meehan, der bereits in ‚Mon traître‘ eine Nebenrolle innehatte, tritt 1941 als Sechzehnjähriger der IRA bei und entwickelt sich rasch zu einem loyalen, furchtlosen Freiheitskämpfer gegen die unter dem Schutz der englischen Armee stehenden protestantischen Loyalisten – bis zum Knick knapp zwanzig Jahre später, als er bei einer wilden Strassenschlacht versehentlich einen Kameraden tötet, dies jedoch vor seinen Männern vertuscht. Im Januar 1981 erhält Meehan – inzwischen ein hochrangiger IRA-Held – die Quittung dafür: Der britische Geheimdienst verlangt von ihm, fortan für England als Spion zu arbeiten, wenn seine Tat nicht ans Licht kommen soll. 2006 wird er durch die IRA enttarnt. Er zieht sich in das Cottage seines Vaters im irischen Fischerdorf Killybegs zurück, um schriftlich Zeugnis abzulegen von seinem Leben. In nüchternem Stil schildert er seine von der Gewalttätigkeit und Trunksucht des Vaters geprägte Jugendzeit, seine Ehe mit der herzensguten Sheila, die grauenhaften Zustände, denen er im Gefängnis der irischen Feinde ausgesetzt war, seinen Verrat, den er zu beschönigen versucht, die letzte, unsäglich traurige Begegnung mit seinem Sohn Jack, die Angst vor dem Tod, die ihn seit seiner Demaskierung quält. Einige Monate später, im April 2007, wird er zuhause hingerichtet.

Bibliografie: ‚Le Petit Bonzi‘ (2005), ‚Une promesse‘ (2006), ‚Mon traître‘ (2008), ‚La légende de nos pères‘ – ‚Die Legende unserer Väter‘ (2009), ‚Retour à Killybegs‘ – ‚Rückkehr nach Killibegs‘ (2011), ‚Le Quatrième Mur‘ – ‚Die vierte Wand‘ (2013), ‚Profession du père‘ – ‚Mein fremder Vater‘ (2015), ‚Le jour d’avant‘ – ‚Am Tag davor‘ (2017).