(1930-2019)

Charles McCarry, geboren in Pittsfield, Massachusetts, aufgewachsen auf einer Farm im Nachbarsort Plainfield in bescheidenen Verhältnissen, jedoch umgeben von unzähligen Büchern, ging mit achtzehn zur Army und wurde im deutschen Ort Bremershaven stationiert, wo er für die Armeezeitung schrieb. Danach arbeitete er als Redenschreiber für Präsident Eisenhower. Die folgenden zwei Jahrzehnte waren geprägt durch seine Tätigkeit als Reporter und Kolumnist bei angesehenen Printmedien wie ‚Saturday Evening Post‘, ‚National Geographics‘, ‚Washington Post‘ und ‚Esquire‘ sowie durch neun Jahre als CIA-Agent in Europa, Asien und Afrika, wobei er seine Undercover-Aufträge stets allein und ohne Waffe erledigte. Darüber hinaus bekleidete er eine leitende Stellung bei einer Unterorganisation der Vereinten Nationen in Genf, und auch als Berater mehrerer republikanischer Minister, Ghostwriter für die Politiker Donald Regan und Alexander Haig und Verfasser einer Biografie des politisch tätigen Anwalts Ralph Nader machte er von sich reden. McCarry hatte also bereits ein höchst abwechslungsreiches Leben hinter sich, als er 1967 zu schreiben begann und sechs Jahre später seinen ersten Roman ‚Das Miernik Dossier‘ herausgab.

‚Das Miernik Dossier‘, eine anspruchsvolle, klug komponierte Collage aus Agentenberichten, abgehörten Telefongesprächen, Tagebucheinträgen und Dokumenten, spielt in den mittleren Jahren des Kalten Krieges, Ende der 50er-Jahre. Die Geschichte dreht sich um den undurchsichtigen polnischen Historiker Tadeusz Miernik (ist er wirklich bloss ein harmloser Angestellter der World Research Organization in Genf? Oder vielleicht doch ein KGB-Agent, der eine Revolution in einem afrikanischen Land anzetteln will?) und die Aktivitäten einer zusammengewürfelten Gruppe, bestehend aus zwei Geheimdienstleuten, einer zwielichtigen Frau und eben auch Tadeusz Miernik, die einen schwarzen Prinzen von Genf aus in sein Heimatland begleiten soll: in den Sudan, wo eine fanatische Organisation den Aufstand plant.

Ein Jahr danach ist McCarrys einziger Bestseller erschienen, ein Roman, in dem der brillante CIA-Agent, Journalist und Freizeitdichter Paul Christopher der bereits in McCarrys Erstling ein paar kleine Auftritte hatte, erstmals ganz im Mittelpunkt steht: ‚Tränen des Herbst‘, eine höchst eigenwillige, aber durchaus einleuchtende Interpretation des Attentats auf John F. Kennedy (dieses geschah exakt drei Wochen nach der von der CIA in die Wege geleiteten Ermordung des südvietnamesischen Ministerpräsidenten Ngo Dinh Diem), abgeliefert von einem Autor, der Kennedys Mannschaft einst als einen Haufen blutiger Amateure bezeichnet hat. Gemäss McCarry handelte es sich schlicht um einen Racheakt der Südvietnamesen.

Es lohnt sich, Charles McCarrys siebenteilige – immer wieder auf reale politische Ereignisse Bezug nehmende – Serie um Paul Christopher chronologisch, d.h. den 1977 herausgekommenen und 1960 spielenden Titel ‚Codewort Liebe‘ vor ‚Tränen des Herbst‘ zu lesen. Die drei nachfolgenden Christopher-Romane (‚The Last Supper‘, ‚Second Sight‘ und ‚Old Boys‘) sind nicht ins Deutsche übertragen worden. Dies gilt auch für den die Reihe beschliessenden Band ‚Christopher’s Ghosts‘, in dem Christophers Jugendzeit in einem von den Nazis beherrschten Berlin (1939) und seine Tätigkeit als CIA-Agent in Ost-Berlin zwanzig Jahre später miteinander verwoben sind – den chronologisch ersten Teil der Reihe.

In jedem Buch wird ein Stück von Christophers Lebens- und Familiengeschichte offenbart: Die turbulente Adoleszenz in Berlin, die unglücklich endende Ehe mit der schönen, psychisch labilen Cathy, die Beziehung zu seinen aristokratischen Eltern – dem CIA-Agenten Hubbard, der ermordet wird, und der mutigen deutschstämmigen Lori, die sich den Nazis widersetzt -, der steile Aufstieg zum Top-Agenten des amerikanischen Geheimdienstes, den McCarry als „Outfit“ bezeichnet. In ‚Second Sight‘ taucht Pauls und Cathys gemeinsame – inzwischen erwachsene – Tochter Zarah auf, die unmittelbar nach der Geburt von ihrer Mutter in einem nordafrikanischen Land „versteckt“ worden ist.

Der visionäre Politroman ‚Die besseren Engel‘, erschienen 1979, handelt von einer Präsidentschafts-Kampagne im Jahr 1996. Der amtierende US-Präsident Bedford Forrest „Frosty“ Lockwood, liberal und umweltbewusst, liess, wie erst jetzt publik wird, vor drei Jahren den Emir des kleinen, fiktiven Ölstaates Hagreb, Ibn Awad – Messiasgestalt oder Wahnsinniger? -, ermorden um zu verhindern, dass er Nuklearwaffen an die palästinensische Terror-Organisation „Eye of Gaza“ liefert und diese daraufhin Jerusalem und New York vernichtet – eine Tat, die Selbstmordattentate in den USA zur Folge hatte. Als diese Fakten medial verbreitet werden, verbessern sich die Wahlausssichten seines Herausforderers (und Vorgängers!), des erzreaktionären Populisten Franklin Mallory, natürlich ganz erheblich, zumal die Bomben nie gefunden wurden. Dies ist die Ausgangslage der komplexen Erzählung um Wahlmanipulation, Komplotte, Machtspiele, dem grenzenlosen Einfluss der Medien und dem Verlust des ethischen und moralischen Denkens. In tragenden Rollen: Die Halbbrüder Hubbard – Horace, hochrangiger Geheimagent, und Julian, engster Vertrauter des Präsidenten -, der progressive, einflussreiche Journalist Patrick Graham, der Intrigant Clive Wilmot, Chef des Washingtoner Büros des britischen Nachrichtendienstes, und der US-Geheimdienstchef Jack Philindros. Grossen Wert legt McCarry auch auf die Schilderung des Alltags der einfühlsam geschilderten Protagonisten und ihrer ebenfalls mit feiner Hand gezeichneten Frauen.

Der im 18. Jahrhundert spielende (nur sehr bedingt dem Krimigenre zuzurechnende) Roman ‚Das ferne Glück‘ entführt den Leser in ein düsteres, von Schmutz, Krankheit, Intrigen, Aberglauben und skrupelloser Geschäftemacherei geprägtes London, aber auch in unberührte nordamerikanische Gegenden mit ihren alteingesessenen Indianerstämmen.

Nach seiner Zeit in Washington verbrachte Charles McCarry längere Zeit in den Berkshires, West-Massachusetts, und in Pompano Beach an der Westküste Floridas. Er starb 88-jährig in Fairfax, Virginia, an den Folgen einer Hirnblutung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, und hinterliess seine Frau Nancy, mit der er 65 Jahre verheiratet war, und vier Söhne.

Bibliografie:

Paul Christopher-Serie: ‚The Miernik Dossier‘ – ‚Das Miernik Dossier‘ (1973), ‚The Tears of Autumn‘ – ‚Tränen des Herbst‘ (1974), ‚The Secret Lovers‘ – ‚Codewort Liebe‘ (1977), ‚The Last Supper‘ (1983), ‚Second Sight‘ (1991), ‚The Old Boys‘ (2004), ‚Christopher’s Ghosts‘ (2007);

Einzelwerke: ‚Double Eagle‘ (1979), ‚The Better Angels‘ – ‚Die besseren Engel‘ (1979), ‚The Bride of the Wilderness‘ – ‚Das ferne Glück‘ (1988) ‚Shelley’s Heart‘ – ‚Tödliches Labyrinth‘ (1995), ‚Lucky Bastard‘ (1998), ‚The Shanghai Factor‘ (2013), ‚The Mulberry Bush‘ (2015).