(*1943)

Pete Dexter wurde in Pontiac, Michigan, geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters verbrachte er Kindheit und Jugendzeit mit seiner Mutter und ihrem zweiten Mann, einem Physiklehrer, in Milledgeville, Georgia, und in South Dakota. Er studierte an der University of South Dakota in Vermillion und arbeitete nach kurzem Florida-Intermezzo fünfzehn Jahre als Kolumnist der ‚Philadelphia Daily News‘, bis sein Leben im Dezember 1981 jäh aus den Fugen geriet: Wegen einer kontroversen Reportage über einen jungen toten Drogendelinquenten wurde der Hobbyboxer Dexter in Philadelphia von zwei Dutzend mit Baseballschlägern bewaffneten Halbwüchsigen zusammengeschlagen – eine Eruption der Gewalt, die ihn beinahe das Leben kostete und zahlreiche Operationen nach sich zog. Einigermassen wiederhergestellt, entschloss er sich 1983 für ein Leben als freier Autor. Nach längerem Aufenthalt im kalifornischen Sacramento lebt er seit Anfang der 90er-Jahre mit seiner zweiten Frau Diana, mit der er eine 1978 geborene Tochter hat, auf der Whidbey Island im Puget Sound, Washington State.

Dexters fulminante, in lakonischem Stil erzählte und einen ganz besonderen Sog ausübende Romane kreisen um Gewalt, Sexualität und Rassenhass. Für ‚Paris Trout‘ bekam Dexter 1988 den ‚National Book Award‘, die höchste literarische Auszeichnung der USA. Auf dem deutschen Buchmarkt hingegen finden seine grandiosen Werke viel zu wenig Beachtung.

Neben sieben Romanen schrieb Dexter rund zwanzig Drehbücher. 2007 erschien ‚Paper Trails: True Stories of Confusion, Mindless Violence, and Forbidden Desires, a Surprising Number of Which are Not About Marriage‘, eine Sammlung seiner besten journalistischen Texte aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren. Sein bislang letzter –  stark autobiografisch geprägter – Spannungsroman ‚Spooner‘, an dem er fünf Jahre gearbeitet hatte, wurde nicht ins Deutsche übertragen.

‚God’s Pocket‘, angesiedelt in dem gleichnamigen (fiktionalen) Arbeiterviertel in Philadelphia, ist Dexters erster Roman, auf die deutschsprachige Übersetzung musste man 27 Jahre warten. Leon Hubbard, ein psychopathisches, nichtsnutziges Bürschlein Anfang zwanzig, hat das Schicksal herausgefordert: Sein von ihm bis aufs Blut provozierter schwarzer Arbeitskollege Old Lucy zertrümmert ihm den Schädel vor mehreren Zeugen mit einer Eisenstange, der Fall wird als Arbeitsunfall abgehakt, kein Mensch weint Leon eine Träne nach – mit Ausnahme seiner Mutter Jeanie, die sich nicht so leicht mit dem Tod ihres einzigen Kindes abfinden kann. Ihr engster Verbündeter ist der ungemein populäre ‚Daily Times‘-Kolumnist Richard Shellburn, ein versoffener, wehleidiger Mann mit schwachem Rückgrat, der von Jeanies Reizen sehr angetan ist – und Leon in blumigen Worten zum hoffnungsvollen jungen Mann hochstilisiert. Doch auch Jeanies zweiter Mann Mickey Scarpato, der Beziehungen zur lokalen Mafia hat, trägt das Seine dazu bei, dass es im schäbigen kleinen Viertel schon bald zu weiteren Gewaltakten kommt.

In ‚Paris Trout‘ seziert Dexter den geistigen Zerfall des einflussreichen Ladenbesitzers und Geldverleihers Paris Trout, eines kaltblütigen, herz- und gewissenlosen Egozentrikers, der in dem fiktiven, von Heuchelei, Klassendenken und Korruption durchseuchten Südstaatenkaff Cotton Point Anfang der 50er-Jahre, der Zeit der Rassentrennung, ohne ersichtlichen Grund das 14-jährige schwarze Mädchen Rosie Sayers ermordet und daraufhin mit allen Mitteln versucht, sich der Bestrafung für die sinnlose Tat zu entziehen. Als sich zwischen Trouts berühmtem Anwalt Harry Seagraves, einem unglücklich verheirateten, zwischen Pflichtbewusstsein und Menschlichkeit hin und her gerissenen Mann, und Trouts charakterfester Ehefrau Hanna eine Liebesgeschichte entspinnt, ist die Katastrophe unausweichlich – Paris Trout läuft Amok, zieht eine Blutspur durch Cotton Point.

Die Kulisse für Dexters Roman ‚Bruderliebe‘ bilden die Bandenkriege im Philadelphia der 70er- und 80er-Jahre (Philadelphia bedeutet auf Deutsch bekanntlich Bruderliebe). Peter Floods Leben wird zerstört, bevor es richtig begonnen hat: Er ist acht Jahre alt, als seine Schwester von einem Auto überfahren wird, seine Mutter darob den Verstand verliert und sein Vater, ein Gewerkschaftsboss irischer Abstammung, dem Unfallfahrer – einem korrupten Polizisten – das Licht ausbläst. Viele Jahre später wird Peter Flood wider Willen in die schmutzigen Kämpfe zwischen den Gewerkschaften und der Mafia verwickelt; er wird sie nicht überleben.

‚Paperboy‘ ist Dexters Abrechnung mit der skrupellosen Welt des Enthüllungsjournalismus ab. Ward James und Yardley Acheman, zwei junge, hochtalentierte Journalisten aus Miami, recherchieren im Sommer 1965 die Hintergründe des vier Jahre zurückliegendes Mordes an einem gewalttätigen Sheriff – möglicherweise sitzt ein Unschuldiger in der Todeszelle. Es zeigt sich jedoch bald, dass die von Ehrgeiz zerfressenen Journalisten weniger an der Wahrheit, als an ihren eigenen Karrieren (sprich: dem Pulitzer-Preis) interessiert sind.

‚Train‘, angesiedelt im Los Angeles des Jahres 1953, erzählt die gewalttriefende Geschichte von drei höchst gegensätzlichen Figuren – dem schwarzen Teenager Lionel Walker, genannt Train, einem begabten Golfer, der als Caddy auf einem exklusiven Golfplatz arbeitet und bereits einen Mord auf dem Gewissen hat; von Miller Packard, einem undurchsichtigen und rücksichtslosen Weltkriegsveteranen und Detective beim LAPD, der das Gesetz am liebsten in die eigenen Hände nimmt; und von Norah Rose, deren Mann vor ihren Augen ermordet wird, und die kurz danach eine sexuell begründete Beziehung mit Packard beginnt – drei Figuren, die sich besser nie begegnet wären. Pete Dexter schafft eine düstere Atmosphäre, die Grenzen zwischen Gut und Böse werden unscharf, und am Schluss entlädt sich die Spannung.

Bibliografie:

‚God’s Pocket‘ – ‚God’s Pocket‘ (1983), ‚Deadwood‘ – ‚Deadwood‘ (1986), ‚Paris Trout‘- ‚Tollwütig‘ (auch unter dem Titel ‚Paris Trout‘, 1988), ‚Brotherly Love‘ – ‚Bruderliebe‘ (auch unter dem Titel ‚Unter Brüdern‘, 1991), ‚The Paperboy‘ – ‚Schwarz auf weiss‘ (auch unter dem Titel ‚Paperboy‘, 1995), ‚Train‘ – ‚Train‘ (2003), ‚Spooner‘ (2009).